Interview mit Anders-Dahl Nielsen im heutigen Flensburger Tageblatt:
„Auch der Trainer muss sich entwickeln“
SG-Sportdirektor Anders Dahl-Nielsen zu Disziplin und Personalfragen / Rückendeckung für Vranjes
Flensburg
– Drei Niederlagen in Folge – als Tiefpunkt das 28:29 gegen GWD Minden – trübten zum Ausklang der Handball-Bundesliga die Bilanz der SG Flensburg-Handewitt. Mannschaft und Geschäftsführung haben sich nun in einem offenen Brief für das schwache letzten Heimspiel entschuldigt – ein Novum. SG-Sportdirektor Anders Dahl-Nielsen erläuterte im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Jan Wrege diesen Schritt und nahm auch Stellung zu personellen Fragen.
Was hat die SG dazu bewogen, sich öffentlich bei ihren Fans zu entschuldigen?
Dieses Spiel gegen Minden war grausam. Es hat viele verärgert und viele betroffen. Die Mannschaft von Lübbecke natürlich, aber auch uns selbst – es geht um unseren Ruf und um unsere Ehre. Wir haben uns darauf gefreut, am letzten Spieltag in der Campushalle ein Riesenfest zu feiern. Schließlich ist es ein Erfolg, in der Bundesliga Zweiter zu werden. Und wir wollten sieben Spieler in einer tollen Atmosphäre verabschieden. Leider ging das daneben. Die Enttäuschung darüber – bei uns und bei unseren Fans – wollen wir nicht mit in die nächsten Serie schleppen. Deshalb die Entschuldigung und dieser Brief, mit dem wir einen Schlussstrich ziehen wollen.
Erklärt ist das Debakel gegen Minden damit aber nicht.
Die Mindener wollten kein Fest mit uns feiern. Sie wollten ein taktisches Spiel. Sie haben das Tempo raus genommen und über Kampf ihre Möglichkeiten gesucht. Wir wollten eine schnelle Entscheidung und eine Galavorstellung mit vielen Toren. Das wurde aber zum Riesenbumerang.
Lag es in diesem letzten Spiel und auch in einigen schwachen Momenten der SG vorher an einem Mangel an Disziplin in der Mannschaft?
Wir werden die Saison intern natürlich noch intensiv analysieren und bewerten. Zu Fragen der Disziplin äußere ich mich öffentlich ungern. Aber zu unseren Themen wird die Frage gehören, welche Typen und welche Mittel wir brauchen, um die Ziele zu erreichen, die wir uns stecken. Wenn wir etwa zu dem Ergebnis kommen, dass Strafmaßnahmen geeignet sind, um die Spieler auf der Linie zu halten, werden wir diese auch benutzen.
Sie haben langjährige Erfahrung als Spieler, Trainer und Manager. Ist es so einfach mit der Disziplin, wie es sich der Laie vielleicht ausmalt? Geldstrafen, Zwangspausen oder Freizeitbeschränkungen – und der Spieler pariert?
Wenn es so einfach wäre, dann könnte diesen Job ja jeder machen.
Muss Trainer Kent-Harry Andersson seinen Stil ändern und die Spieler härter anfassen?
Kent-Harry hat so viel Erfahrung und so viele Erfolge. Seinen Stil wird er sicher nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Aber wie alle in diesem Geschäft muss er sich entwickeln. Die Spieler trainieren mehr, verdienen mehr, sind viel mehr unterwegs, die Konkurrenz wird immer härter. Wir alle, – auch ich – müssen uns der Realität in diesem Geschäft anpassen.
Braucht die Mannschaft einen Leitwolf, wie ihn zum Beispiel der THW Kiel in Stefan Lövgren hat?
Wir sind mit Ljubomir Vranjes sehr zufrieden. Er ist ein Leitwolf. Er war es über Jahre in Nordhorn und in der schwedischen Nationalmannschaft und er ist es bei uns. Schwedens Nationaltrainers hat alles versucht, um ihn zu überreden, an der Olympia-Qualifikation teilzunehmen. Ljubomir Vranjes ist eine absolute Führungsfigur. Die Kritik an ihm kann ich nicht verstehen. Ljubo steht noch für ein Jahr unter Vertrag. In dieser Zeit werden wir sehen, wer in seine Rolle schlüpfen kann.
Worauf ist es denn zurückzuführen, dass sich mancher unter den Fans und im Umfeld auf Trainer Andersson und Kapitän Vranjes „eingeschossen“ hat?
Sicher wären alle statt nur einmal lieber drei oder vier Mal Meister geworden. Wir sollten froh sein, dass unsere Fans anspruchsvoll und kritisch sind. Es wäre schlimm, wenn es ihnen egal wäre. Sie haben ein Recht auf ihre Meinung und zum Sport gehört die Diskussion über Personen. Darüber kann man sich immer streiten. Wir müssen nur darauf achten, dass wir unsere Gemeinschaft erhalten – das ist unsere Stärke. Wenn wir nicht zusammenhalten, wird es schwierig.