Handball Kiel in der Krise
High Noon im hohen Norden
Den deutschen Meister belastet ein Machtkampf zwischen Trainer und Manager.
Von Achim Leoni, Hamburg
Am Sonntag besuchte Uwe Schwenker das Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-EM. Von Klagenfurt ist es nur ein Katzensprung nach Kroatien, wo zurzeit Zvonimir Serdarusic urlaubt. Ein Abstecher wäre für Schwenker eine gute Gelegenheit gewesen, um zwischen ihm und seinem Trainer einmal ein paar Dinge geradezurücken. Doch der Manager des THW Kiel kehrte umgehend in die Heimat zurück.
we Schwenker (49) und "Noka" Serdarusic (57) sind im Handball das, was man ein Erfolgsgespann nennt. 25 Titel hat der THW unter seinem Führungsduo in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten eingeheimst, darunter elf Meisterschaften und 2007 als Krönung den Triumph in der Champions League. In diesem Jahr kam noch einmal das Double hinzu, aber auch das konnte nicht mehr überdecken, dass das Erfolgsgespann auseinandergedriftet ist. Wie groß die Distanz inzwischen ist, wurde erstmals deutlich, als Serdarusic nach dem verlorenen Champions-League-Finale den Verein via NDR mit der Ankündigung schockte, die kommende Saison werde seine letzte in Kiel.
Es gäbe also Gesprächsbedarf, was kompliziert ist, weil Schwenker und Serdarusic nicht mehr miteinander reden, sondern nur noch übereinander. "Noka hat sich in den vergangenen 15 Jahren so ziemlich mit allen angelegt. Jetzt hat er sich mit mir angelegt, und das ist das Schlechteste, was dem THW passieren kann", sagte Schwenker dem Abendblatt, ohne genauer zu werden: "Die Gründe bleiben privat." Kenner der Kieler Szene wollen wissen, dass sich die einst befreundeten Familien der beiden entzweit haben.
Und so ist die Frage, ob Serdarusics Vertrag noch einmal über 2009 hinaus verlängert wird, zu einer Machtfrage geworden - High Noon im hohen Norden. Schwenker weiß die Entscheidungsträger im Verein hinter sich. Die fünf mächtigen THW-Gesellschafter sprachen ihrem Geschäftsführer kürzlich noch einmal mehrheitlich das Vertrauen aus. In dem Führungsgremium ist das eigenwillige Auftreten des Coachs von jeher umstritten, dessen Prinzip Schwenker so beschreibt: "Noka Serdarusic ist ein exzellenter Trainer, aber die einzige Autorität, die er anerkennt, ist er selbst." Oftmals war es der Manager, der die Kritik abfederte ("Ich war immer der Filter"). Nun ist er nicht mehr bereit dazu.
Serdarusic glaubt trotzdem, dass sich die Kieler Erfolgsgeschichte fortschreiben lässt - solange er den Rückhalt der Mannschaft hat. "Ich will und muss nur uneingeschränkt mit meinem Team arbeiten können. Das kriege ich hin", gab der aus Bosnien stammende Coach der FAZ durch: "Beim Gedanken, diese Mannschaft abzugeben, bricht mir fast das Herz." Was auch für den Verein gelten könnte. Topstar Nikola Karabatic hatte seinen Verbleib beim THW explizit an den des Trainers geknüpft.
Mit einer schnellen Beilegung des Streits ist nicht zu rechnen. "Wir haben monatelang Zeit für Gespräche", sagt Serdarusic, "jetzt habe ich Urlaub."
erschienen am 10. Juni 2008