"Fiete Buschmann werde ich am meisten vermissen"
GWD Mindens "Käpt´n" geht von Bord und zieht Bilanz / "Hatte eine tolle Zeit" / Kritik an eigener Verabschiedungs-Zeremonie nach Derby-Pleite
Minden (much). Der Kapitän geht von Bord: Arne Niemeyer (26), Mannschaftsführer des Handball-Bundesligisten GWD Minden, verlässt den GWD-Kahn am Ende einer turbulenten Saison und heuert beim vermeintlichen Luxusliner HSV Hamburg an.
Von Michael Lorenz
Im Interview blickt der werdende Vater - Lebensgefährtin Claudia Niemann erwartet Ende Juni das erste Kind - auf eine lange Zeit im Mindener Land zurück und hoffnungsvoll auf zunächst geplante drei Jahre in der Elbmetropole.
Was werden Sie in Hamburg vermissen?
Jan-Fiete Buschmann. Ein Spiel ohne Fiete kann ich mir gar nicht vorstellen, wir haben mehr als zehn Jahre zusammen gespielt und sind eng befreundet. Die Umgebung, die Kampa-Halle und einen Großteil der Fans. Allerdings nicht die, die "Niemeyer raus" gerufen haben, diese Leute brauchen mich auch nicht mehr anzusprechen. Das Familiäre hier werde ich vermissen. Wenn wir mit Hamburg hier spielen, werde ich auch wieder in den Fankeller gehen und Interviews geben, da freue ich mich jetzt schon drauf.
Die Konkurrenz in Hamburg erscheint auf Ihrer Position übermächtig, zumal jetzt auch noch der Kroate Blazenko Lackovic von der SG Flensburg zu den Hamburgern gewechselt ist. Machen Sie sich Sorgen, überhaupt zum Einsatz zu kommen?
Darüber kann ich mir immer noch Sorgen machen, wenn es soweit sein sollte, dass ich nicht spiele. Ich habe mit Trainer Martin Schwalb Gespräche geführt. Er hat mir zugesagt dass ich auf Halblinks und in der Rückraum-Mitte meine Einsatzzeiten erhalten werde, ich hoffe, dass ich mich darauf verlassen kann. Außerdem weiß ich, dass ich Handball spielen kann und habe das über die letzten Jahre auch bewiesen.
Was hätte ein Abstieg zum Abschied für Sie bedeutet?
Der Abstieg wäre eine Katastrophe gewesen. Zwar haben wir in den letzten Jahren immer gegen den Abstieg gespielt, es aber immer geschafft, und dazu habe ich ja auch meinen Teil beigetragen. Man musste damit rechnen, dass es irgendwann einmal passiert, und wir waren ja auch praktisch schon weg. Ich bin viel zu sehr "Mindener Jung", habe mein halbes Leben bei GWD verbracht, es ist mir sehr nahe gegangen. Aber eine Woche nach dem Derby, dem Quasi-Abstieg also, sind wir ja direkt wieder aufgestiegen, wenn man so will. Die Zeit unmittelbar nach dem Derby war extrem hart. Das öffentliche Interesse am Spiel Minden gegen Lübbecke war nie so groß wie dieses Mal. Und dann erleben wir ein solches Debakel.
Haben Sie vor dem Flensburg-Spiel an den Sieg vor zwei Jahren beim HSV gedacht, der damals den Klassenerhalt gebracht hat?
Nein, und das Fünkchen Hoffnung, dass wir auf einen Sieg in Flensburg hatten, war wirklich minimal. Eher haben wir darauf gehofft, dass die Berliner Füchse in Lübbecke gewinnen und wir in die Relegation kommen. Auch wenn wir im Hinblick auf das Flensburg-Spiel mit Sätzen wie "die kochen auch nur mit Wasser" versucht haben, uns Mut zu machen. Aber so richtig daran geglaubt haben wir nicht, die meisten haben sich bereits in der zweiten Liga gesehen.
Und während des Spiels?
Die Flensburger wollten bestimmt nicht verlieren, aber für sie ging es um nichts mehr. Und sie wollten sich halt auch nicht über Gebühr wehtun oder gar verletzen, die meisten von ihnen sind ja bei den olympischen Spielen dabei. Noch in der Halbzeit habe ich mir gedacht: "Hoffentlich zieht Flensburg nicht an." Sie haben dann zwar mehr Gas gegeben, aber wir haben dagegen gehalten. Kurz vor dem Ende, als es 26:26 und 27:27 stand, haben wir dann alles in die Waagschale geworfen, haben mit einer überragenden Teamleistung und viel Glück gewonnen. Das Spiel wurde zu 80 Prozent im Kopf entschieden, wie übrigens auch das Derby.
Nach der Partie gab es von Lübbecker Seite Verschwörungstheorien.
Dafür habe ich absolutes Verständnis. Das wäre im umgekehrten Fall bei uns doch nicht anders gewesen.
Was bleibt Negatives aus Ihrer Mindener Zeit hängen?
Die Entlassung meines Vaters Rainer als GWD-Trainer mit all ihren Begleitumständen, meine schwere Verletzung, mit der ich mehr als ein halbes Jahr ausgefallen bin. Meine Verabschiedung nach dem Derby fand ich sehr enttäuschend, ich finde, das hätte man vor dem Spiel machen müssen. Und außerdem habe ich in der abgelaufenen Rückrunde einige Entscheidungen des Trainers hinsichtlich meiner Person nicht so ganz verstanden, aber da will ich jetzt nicht nachtreten. Insgesamt war es eine tolle Zeit, die ich hier hatte, und ich habe zu Manager Horst Bredemeier ein gutes Verhältnis.
Welcher Trainer hat Ihnen am meisten gebracht?
Kein Trainer wird mir so in Erinnerung bleiben wie Jürgen Buhrmester, den wir bei GWD in der Jugend hatten. Er war ein toller Trainer, dazu Vaterfigur und Seelentröster in einem.
Trauen Sie Janis Helmdach zu, irgendwann im GWD-Bundesligateam in Ihre Fußstapfen zu treten?
Auf jeden Fall. Es ist unglaublich, was er mit seinen 18 Jahren für körperliche Voraussetzungen hat. Aufgrund seiner Wurfhärte wird er bei uns nur "Kalaschnikow" genannt. Mit diesen Mitspielern wird er es packen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Janis in der kommenden Serie seine ersten Bundesliga-Tore wirft.
Glauben Sie, dass GWD im kommenden Jahr wieder drin bleibt?
Ja, GWD hat jetzt schon eine gute Truppe für die nächste Serie beisammen.
Können Sie sich vorstellen, am Ende Ihrer Karriere nochmal für GWD Minden aufzulaufen, so wie es Frank von Behren macht?
Auf jeden Fall. Allerdings muss man erstmal abwarten, was die Zeit bringt. Claudia und ich sind sehr heimatverbunden, aber wir haben noch nie woanders gewohnt als hier. Jetzt freuen wir uns erstmal auf ein Leben zu dritt in Hamburg. Es ist wirklich eine tolle Stadt, wir schauen uns derzeit Wohnungen an. Es ist ein Riesenschritt für uns.
Fakten - Arne Niemeyer (26)
* Vereine: TuS Südhemmern (Minis), JSG Nordhemmern/Südhemmern/Mindenerwald (bis 1. Jahr B-Jugend), GWD Minden (seit 1995) HSV Hamburg (ab 1. Juni 2008)
* Bundesligaspiele/Tore: 215/937
* Länderspiele/Tore Junioren: 19/46
* Länderspiele/Tore Männer: 13/17
* Größte Erfolge: Deutscher A-Jugendmeister mit GWD Minden 1999, diverse Bundesliga-Nichtabstiege mit GWD