Der Tiefpunkt ist erreicht
HANDBALL: TuS N-Lübbecke und Trainer Kljaic beenden die Zusammenarbeit
VON WILFRIED BRASE UND RAINER PLACKE
Lübbecke. Heimniederlage gegen einen Konkurrenten im Abstiegskampf, Absturz auf den letzten Tabellenplatz , Aufhören-Rufe der treuesten Fans, in die zum Schluss sogar der tief enttäuschte Hauptsponsor Paul Gauselmann mit einstimmte, sowie Kljaic-Raus-Rufe vor der Pressekonferenz: schlimmer konnte sich die Situation des Bundesligisten TuS N-Lübbecke nach der 24:30 (12:16)-Heimpleite gegen die HSG Wetzlar nicht darstellen. Am Sonntag ging dann alles ganz schnell. Am Abend erfolgte, so die offizielle Sprachregelung, der Rücktritt von Velimir Kljaic.
"Es ist nicht meine Art zu resignieren, und abgerechnet wird erst zum Saisonschluss. Aber so wie sich die Mannschaft in den letzten drei Spielen präsentiert hat, kann sie den Klassenerhalt nicht schaffen", stellte Paul Gauselmann fest. Weitergehend wollte er sich nicht äußern. Der Hauptsponsor des TuS N-Lübbecke zeigte sich "maßlos enttäuscht und traurig" und wollte keinem Spieler vorwerfen, nicht gekämpft zu haben.
Er hinterfragte jedoch die Arbeit des Trainers. "Wir haben alle Anstrengungen unternommen, dass er die Spieler bekommen hat, die er wollte, nur macht er daraus keine Mannschaft. Es hat mich auch gestört, dass er in der ersten Halbzeit immer vor der Bank, nur mit den Achseln zuckte und Ratlosigkeit ausstrahlte. Das darf nicht sein, man kann nicht schon vorher resignieren", sagte Paul Gauselmann, bevor er sich zur weiteren Meinungsbildung in den VIP-Bereich begab.
Einer Entscheidung wollte er nicht vorgreifen, da sein Sohn und TuS-Wirtschaftsbeiratssprecher Armin Gauselmann, der am vergangenen Wochenende beruflich unterwegs war, erst am Sonntag zurück kehrte. Auf dem Rückweg begann er jedoch bereits die telefonische Abstimmung mit seinem Vater sowie mit Geschäftsführer Uwe Kölling und Teammanager Zlatko Feric über die weitere Vorgehensweise, die schließlich in der vorzeitigen Beendigung der Zusammenarbeit mit Velimir Kljaic mündete.
Der so heftig in der Kritik stehende Kljaic, der vor Beginn der Pressekonferenz von einigen Anhängern verbal attackiert wurde, bewies bei der anschließenden Analyse wenig Fingerspitzengefühl. Auf die Frage, warum der aus Melsungen geholte Spielmacher Petr Hazl größtenteils auf der Bank gesessen habe, antwortete er zunächst mit einem "Weil ich ihn hasse". Der Kroate merkte allerdings die Wucht seiner Worte, um dann zu relativieren. "Er bietet sich im Training nicht unbedingt für einen Einsatz von der ersten Minute an. Mir fehlt bei ihm der unbedingte Wille, sich in das Team spielen zu wollen", so Kljaic.
"Damit hat er doch bereits indirekt um seine Entlassung gebeten. Er wollte den Spieler doch unbedingt haben", kommentierte Hazls Berater Frank Schoppe.
Je länger die Pressekonferenz dauerte, desto mehr brodelte es derweil im gerade 62 Jahre alt gewordenen Kljaic. "Warum fragt ihr nicht nach Cale?", wollte er wissen, um sich regelrecht in Rage zu reden. "Ich habe den Spielern noch nie schlechte Ratschläge gegeben. Sie tun einfach nicht, was man ihnen sagt. Jakub Szymanski hat viermal auf das kurze Eck geworfen, Sergo Datukaschwilli und Branko Kokir ebenfalls.
Abgesprochen war etwas anderes. Diese Undiszipliniertheiten bringen uns um den Lohn der Arbeit", so Kljaic weiter. Auch zu Michal Jurecki hatte er einiges zu sagen: "In Wilhelmshaven hat er einige Male aus 12 Metern geworden. Gegen Wetzlar steht er viermal bei sieben Metern in der Luft, wirft dann aber nicht. Dafür habe ich kein Verständnis".
Bei seinem zunächst sachlichen Versuch der Spielanalyse musste der Kroate von einem verdienten Sieg der HSG Wetzlar sprechen. "Tiefer als wir kann man nicht mehr fallen. Wetzlar ist wesentlich disziplinierter aufgetreten als wir. Nach gutem Beginn haben wir wie in Wilhelmshaven nur noch versucht, über Einzelaktionen zum Torerfolg zu kommen. Mit dieser Art und Weise geht es nicht weiter", musste er eingestehen.
Vom Trainer beleidigt (FOTO: OLIVER KRATO)
Auf die Frage, wie er die Mannschaft nach den zwei Niederlagen in den als Schlüsselpartien bezeichneten Begegnungen wieder auf Kurs bringen wolle, zeigte sich Kljaic ratlos. "Ich habe keinen Joystick, um jeden Spieler einzeln zu führen. Ich kann nicht in sie hineinschauen", so Kljaic abschließend.
Wie sehr ihn die angespannte Situation mitnimmt, beweist die Tatsache, dass er anschließend die Pressekonferenz durch die Seitentür ins Freie verlassen wollte, um nicht an den auf der anderen Seite stehenden Fans vorbei gehen zu müssen. Die Tür war aber abgeschlossen, der Ausweg für Kljaic also versperrt.
Eine Trennung deutete sich auch bereits bei den sorgsam gewählten Worten von Teammanager Zlatko Feric an. "Wir haben gegen eine strukturierte Mannschaft verloren. Die Mannschaft hat nicht zu der kämpferischen Einstellung wie bei den Siegen gegen Nordhorn und Göppingen gefunden. Wir müssen eine Struktur finden, denn nach wie vor haben wir die Chance auf den Klassenerhalt. Wir haben aber gerade durch die Nachverpflichtungen meiner Meinung nach auch Qualität genug, nicht nur durch Kampf Spiele zu gewinnen", formulierte Feric und ging damit auf Konfrontation zur harten Kljaic-Linie, stets Kampf und bedingungslosen Einsatz provozieren zu wollen.