Der Handball wird beim Kreisderby zur Nebensache Vorfälle rund um die Mindener Fan-Gruppe Commando 1924 drängen den Sport in den Hintergrund - dabei ist eigentlich kaum etwas passiert
Von Marcus Riechmann
Minden/Lübbecke (mt). In grandioser Manier erzielte der TuS N-Lübbecke im 54. Handball Kreisderby einen 33:25-Heimsieg gegen GWD Minden. Eigentlich ein Ereignis mit viel Erinnerungs- und Gesprächspotenzial.
Aber eben nur eigentlich. Denn gesprochen wurde im Nachklang des Nachbarschaftduells nur am Rande vom Bundesliga-Handball als Hauptgeschehen, sondern in der Hauptsache vom Randgeschehen: von den Vorkommnissen rund um die Mindener Fan-Gruppierung Commando 1924 und dort insbesondere vom Einschreiten der Polizei gegen ein 16-jähriges Mitglied der Fangruppe. Unter Gewaltanwendung - vielleicht unnötig heftig, wie etliche Zuschauer anmerkten - wurde der junge Mann Mitte der zweiten Halbzeit von einem Polizisten - pikanterweise aus dem Führungsstab des TuS Nettelstedt - aus der Halle entfernt.
Rund 3600 Zuschauer in der Kreissporthalle registrierten am Samstag folgendes: Zunächst reagierte der Lübbecker Spieler Sergo Datukashvili auf die Provokationen der grün-weißen Anhänger und baute sich - wenig diszipliniert und wenig sportlich - vor den Fans in überaus aufreizender Pose und mit eindeutiger Gestik auf. Das brachte den Fan-Block mächtig in Rage. Wenige Momente später, eine Viertelstunde vor Abpfiff, begannen die Fans eine Schubserei in der Art eines Pogo-Tanzes. Keine gute Idee auf den Sitzplätzen. Einige Jungen kamen zu Fall. Die Polizei befürchtete Ausschreitungen und Gefahr für die jungen Leute. "Hier haben die Kollegen vor Ort Handlungsbedarf gesehen", erklärte gestern Ralf Steinmeyer, Pressesprecher der Minder Polizeibehörde das Einschreiten. Man habe den jungen Fan als Rädelsführer identifiziert und sodann von der Gruppe isoliert und aus der Halle befördert.
[B]"Die Gruppe hat sich dann disziplinierter verhalten"
"Die Personalien wurden festgestellt und es wurde ein Platzverweis erteilt. Daran hat sich der junge Mann gehalten. Das Ziel der Kollegen vor Ort wurde erreicht. Die Gruppe hat sich im Anschluss disziplinierter verhalten", berichtete Steinmeyer weiter. Dem 16jährigen Mindener - der bei Arminia Bielefeld mit einem Stadionverbot belegt ist - wird nichts weiter zur Last gelegt. Eine Anzeige wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt stehe gegen den zeitweilig wehrenden GWD-Anhängers nicht zur Debatte, so Steinmeyer.
Überhaupt liege gegen die Commando-Gruppe nichts vor. In einem Anruf sei eine Anzeige wegen Sachbeschädigung an einem parkenden Auto wegen der von den jungen Leuten vor der Halle abgefeuerten Leuchtraketen angekündigt worden, erklärt Steinmeyer, aber konkret sei keine Anzeige gestellt worden.
"Eben, es ist eigentlich gar nichts passiert", erklärte dazu GWD Mindens Verinsvorsitzender und Bundesliga-Manager Horst Bredemeier, der gestern ein Gespräch mit seinen Fans führte und sie ein Stück weit in Schutz nahm. Auch im Bus, mit dem sich die Fans bis kurz vor die Halle hatten bringen lassen, sei nichts vorgefallen. "Die sind ein Stück zu Fuß marschiert, weil sie das so wollten", erklärte Bredemeyer, der sich mit dem Busfahrer unterhalten hatte. Mit dem Bus wurden die Commando-Teenager nach dem Spiel auch wieder - begleitet von der Polizei - bis zur Kampa-Halle gebracht.
"Man kann die Jungs nicht kollektiv an den Pranger stellen", erklärte Bredemeyer gestern und wies auf die unglückliche Platzierung der Gruppe unmittalbar am Spielfeldrand hin: "Die Karten hätten sie gar nicht bekommen sollen. Wir hatten jetzt 15 Spiele in Folge und nicht einmal ist etwas vorgefallen." Man stehe zudem in ständigem Kontakt mit der Polizei und habe bereits morgen erneut ein Treffen.
Allerdings gesteht der GWD-Vorsitzende ein, dass sich die häufig mit kreativen Choreografien glänzenden Commando-Aktivisten in der Vergangenheit mit Fehlverhalten einen zweifelhaften Ruf erworben hatten und dass ihr Auftreten in Lübbecke die aggressive und aufgeheizte Stimmung erst so richtig entfachte. Schwarz gekleidet und mit übergezogenen Kapuzen marschierten die Commando-Leute vor der Halle auf und riefen markante Parolen. "Das war sehr provokativ und ist für viele andere Zuschauer, gerade mit Kindern, sicher abschreckend", sagte Bredemeyer, dem das auch nicht gefallen hatte: "Die schießen in ihren Aktionen manchmal übers Ziel hinaus."
Aggressive Stimmung selbst in die Halle getragen
Wohl wahr: Umsitzende Handballfreunde wurden Samstag in Sicht und Genuss massiv und rücksichtslos beeinträchtigt. Die aggressive Grundhaltung strahlte vom Commando durch die ganze Halle - und der Fanatismus war einigen "Fans" in den Augen abzulesen. Selbst die Geste des Halsdurchschneidens gehörte zur Gestik der zu großen Teilen aus dem gymnasialen Umfeld stammenden jungen Leute. Das aufgeheizte Umfeld, in dem die Polizei dann - vielleicht härter als nötig - durchgriff und ein Exempel statuierte, hatten die Commando-Mitglieder zu einem wesentlichen Teil selbst geschaffen.