Voltaren geflaggt
Die Schmerzen und das Nationalgefühl: Zum Kinostart des Handball-WM-Wintermärchens
Von Peer Schmitt
»Blöd ist, wer vergißt, daß Profisport eine Frage der Schmerzen ist«
Handball ist schwerer Blues-Rock. Auf Vereinsebene erfolgreich gespielt wird er hierzulande vor allem in Klein- und Mittelstädten wie Göppingen, Gummersbach, Großwallstadt. Für mich immer mit einem zurückgelehnten 70er-Jahre-Flair verbunden. Etwas für das Sonntag nachmittags-TV »der guten alten Zeit« (immer die jeweilige Kindheit). Wie Zweitliga-Fußball früher. Harte ehrliche Arbeit, mitunter am Rande des zivilisatorisch Gutzuheißenden. Wahrscheinlich ist Handball neben Wasserball der brutalste Mannschaftssport, den es gibt. »Kontaktsport«. Barbarei der Basis. Große Volksnähe. Provinz. Soweit der populäre Mythos. Irgendwie eine sehr deutsche Angelegenheit. Größter bekennender Fan der deutschen Handballnationalmannschaft, die Anfang dieses Jahres »im eigenen Land« die Weltmeisterschaft gewann, ist nicht zufällig Schreckensmann Horst Köhler.
Nun hat sich in den letzten Jahren Handball auch hierzulande nach spanischem und französischem Vorbild zum international ausgerichteten Profisportspektakel entwickelt. Mit guten TV-Quoten, gutem Geld und zuletzt einem WM-Titel, der Gold wert ist: Aus dem Außenseitersumpf zu den Sternen. Kein Wunder, daß auch die Handballer ihren eigenen Dokumentarfilm bekommen haben, wie ihn die Möchtegernweltmeister des DFB dank Sönke Wortmanns »Deutschland. Ein Sommermärchen« hatten. Vom Sommermärchen zum Wintermärchen. Das Wintermärchen ist besser. »Projekt Gold« heißt es. Überraschenderweise ein mehr als ordentlich gemachter Dokumentarfilm, den Regisseur Winfried Oelsner da abgeliefert hat. Mit im naheliegenden Vergleich zu Wortmann der klareren Dramaturgie, den besseren Szenen, besseren Typen, besseren Schnauzbärten und nicht zuletzt auch den besseren Einsichten.
Die Warnungen aus dem Deutschland-Wintermärchen von Heinrich Heine – »Fatal ist mir das Lumpenpack,/ Das, um die Herzen zu rühren,/ Den Patriotismus trägt zur Schau/ Mit allen seinen Geschwüren« – kann der Film natürlich nicht voll beherzigen. Doch ist der Anteil der Fahnenschwenkerei an der Spielzeit im Vergleich zum Wortmann-Machwerk deutlich reduziert. Bilder fahnentrunkenen Volks sind hier auch nicht so sehr als kulturpolitische Drohgebärde zu verstehen. Sie sind eher Mittel zum Zweck, die teilweise verblüfften Reaktionen der Spieler auf die nationale Euphorie zu dokumentieren, obwohl zumindest meiner Erinnerung nach die offizielle TV-Berichterstattung vom Turnier von einem extrem widerwärtigen Chauvinismus gekennzeichnet war.
Unfreiwillig groteske Szene andererseits, in der der jüngste Spieler der Manschaft, Dominik Klein, in seinem engen Hotelzimmer einen Platz für eine riesige Deutschlandfahne sucht. Schließlich hängt er sie vor das Fenster, als wäre eine Nationalflagge einfach dazu da, die kleine Sichtluke auf die äußere Welt restlos zu verdecken, mithin jeden Fahnenbesitzer in eine blinde National-Monade zu verwandeln.
Eine der besten Sequenzen des Films handelt vom Unterschied zwischen Normalität und medialem Ausnahmezustand. Nach ihrem Eröffnungsspiel in Berlin steht die Mannschaft abseits aller TV-Kameras relativ orientierungslos auf einem Bahnsteig des Berliner Ostbahnhofs. Sie steigt in den Zug nach Köln und muß feststellen, daß das reservierte Abteil bereits hoffnungslos überfüllt ist. Niemand kümmert sich besonders um die Nationalhelden (das Turnier ist, wie gesagt, im Anfangsstadium eine eher provinzielle Angelegenheit). Die Handballer sind zwar erfolgreiche Profisportler, aber aufgrund der relativen Marginalität ihres Sports keine Stars im gegenwärtig weltläufigen Sinne, keine »Prominenz«. Dann zeigen sich diese Handball-Brutalos tatsächlich als nette und witzige Typen, mit Hang zu Selbstironie und versteckten Nachdenklichkeiten.
Einer der interessantesten ist der Abwehr-Experte Oliver Roggisch. Den Unterarm mit asiatischen Schriftzeichen tätowiert (vermutlich irgendwelche Schmerzensformeln), redet Roggisch offen und klug von Verletzungen, Ängsten und Leidenschaften. Seine Hauptleidenschaft ist anscheinend (seinem Sport gemäß) der Schmerz. Maxime des Leistungssports: Ohne Schmerzen kein Gold. Später wird Roggisch in der Umkleidekabine eine Rißwunde am Kopf getackert. Der Manschaftsartzt fragt: »Mit oder ohne Betäubung?« Roggisch in fast schon verächtlichem Tonfall: »Ohne!«
»Bundestrainer, Bundestrainer, was hast du mir da bloß angetan«, murmelt der wegen der Verletzungen nachnominierte Christian Schwarzer nach dem offensichtlich sehr schmerzensreichen Halbfinale gegen Frankreich in der Kabine und schüttet sich dabei ungefähr ein halbes Pfund Kraftpulver in seine Wasserflasche.
Da fällt einem natürlich sofort Ex-Nationalspieler Stefan »Kretzsche« Kretzschmar ein, der zu diesem Zeitpunkt spekulierte, die Mannschaft würde sich nach der Halbfinalschlacht auf das Endspiel mit kräftiger Einnahme von Voltaren vorbereiten, einem ursprünglich zur Therapie von Rheuma entwickelten Schmerzmittel. Unlängst hat Anti-Doping-Radler Rudolf Scharping das Statement im Zusammenhang der Tour de France-Diskussionen wieder aufgekocht. Scharping kritisierte die Verharmlosung eines Medikaments, das dazu diene, »die Schmerzschwelle höher zu drücken, damit man das, was in einem sehr harten Spiel auszuhalten ist, tatsächlich aushalten kann.« Blöd ist, wer vergißt, daß Profisport eine Frage der Schmerzen ist. Oliver Roggisch weiß das. Stefan Kretzschmar weiß das. Nur die Funktionäre, Politiker und Mediendeppen tun so, als wüßten sie es auf einmal nicht mehr. Sie stellen sich blöd. Kretzschmars Antwort an Scharping: »Wir fressen das ja nicht wie Müsli. Offenbar hat er (Scharping) einen Fahrradschlauch im Kopf und zu doll aufgepustet.«
Die Qualität von Winfried Oelsners Dokumentarfilm liegt genau darin, einen Kompromiß zwischen konventioneller Turnierverlaufsdramaturgie samt Monaden-Nationalismus und eben der Reflektion des Voltaren-Alltags der Leistungssportler zu finden. Lehrreich.
»Projekt Gold«, BRD 2007, Regie: Winfried Oelsner, 106 min, Kinostart heute