"Hotti": WM mein emotionalstes Sporterlebnis
09.02.2007 - - DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier gewährt Einblicke in Titelkämpfe / "Heimvorteil war entscheidend für WM-Titel"
Minden (much). Für den Mindener Horst Bredemeier war die Handball-Weltmeisterschaft im eigenen Land, gekrönt vom Titelgewinn der deutschen Mannschaft, das größte Erlebnis seines reichhaltigen Lebens im Sport.
Von Michael Lorenz
"Hotti", der als Trainer seines Heimatvereins Grün-Weiß Dankersen-Minden einst Pokalsieger wurde, mit Turu Düsseldorf gar den Europapokal gewann und der ehemaliger Bundestrainer ist, fungiert bei GWD zurzeit als Manager und Vorsitzender. Beim Deutschen Handballbund (DHB) ist er als Vizepräsident für den Bereich Leistungssport verantwortlich und war als solcher einer der federführenden Köpfe bei der Ausrichtung der Welttitelkämpfe. Bei der gestrigen Pressekonferenz im Hinblick auf das GWD-Spiel in Göppingen gewährte Bredemeier Einblicke in das Hintergrundgeschehen bei der WM.
Du hattest vor, den kommenden Bundesligaspieltag auf einen späteren Termin zu verlegen. Warum ist nichts daraus geworden?
Wir wollten den Medienauftrieb nach der erfolgreichen WM nutzten, um die Spieler mehr im Fernsehen zu präsentieren. Das ist aber gleich wieder verworfen worden. So weit geht die Solidarität der Bundesligisten mit der Nationalmannschaft dann doch nicht. Wobei ich die Vereine teilweise verstehen kann: Die wollen ihre Spieler so früh wie möglich wieder im Training haben. Für Lemgo zum Beispiel geht es im Pokal am Dienstag gegen Kiel bereits um alles, was das internationale Geschäft angeht. Die Weltmeister werden aber am Samstag im ZDF-Sportstudio zu Gast sein, das, entgegen anderer Pläne nun nicht in Antholz sondern in Mainz stattfinden wird.
Wie soll der Weltmeistertitel für die Sportart Handball genutzt werden?
Ein Teil des erwarteten Gewinnes soll in die Jugendarbeit reinvestiert werden. Dabei ist an ein Projekt für Schule und Vereine gedacht. Die Vereine werden jetzt einen merklichen Zulauf haben. Aus meiner Sicht waren die frühen Anwurftermine der Spiele unserer Nationalmannschaft auch gut, da auf diese Weise mehr Kinder erreicht wurden als bei einem Anwurf um 20.30 Uhr. Es wird aber nicht leicht, die Euphorie an der Basis aufrecht zu erhalten. Da sind nun die Vereine selbst gefordert.
Im Vorfeld der WM gab es reichlich Kritik an der Vermarktung der WM.
Reichlich Kritik stimmt nicht. Es waren nur drei Kritiker, immer die selben: Erhard Wunderlich, Bob Hanning und Stephan Kretzschmar. Diese drei sind ja nun ausgewiesene Experten in Sachen Marketing (lacht). Immerhin wussten rund 20 Prozent aller Deutschen im Vorfeld von dieser WM, das sind fast 17 Millionen. Und von allen Sportinteressierten waren es sogar 78 Prozent. Wir können also nicht so viel falsch gemacht haben, wie diese drei Experten behauptet haben.
Haben die Fans nach dem Spiel in Köln die entgangene Weltmeisterparty aus dem Fußballsommer nachgeholt oder tatsächlich den Handballtitel gefeiert?
Natürlich waren auch Leute bei der Party auf dem Kölner Altermarkt, die das Spiel gar nicht gesehen haben, aber die stellten nicht den Hauptanteil. Wir waren von der großen Menschenmenge überrascht, da sie erst Samstagabend geplant wurde.
Wo gab es die größten Probleme?
In der letzten WM-Woche war fast alles improvisiert. Am Protokoll für das Finale habe ich am Freitag von morgens um neun bis abends um elf gesessen. Die Politiker haben uns kurzfristig die Türen eingerannt. Bundespräsident Horst Köhler war bei vier Spielen der deutschen Mannschaft dabei. Am Finaltag hatte er seinen polnischen Amtskollegen Lech Kaczynski in der Kölnarena zu Gast, zwischen den beiden Spielen haben sich die beiden zu einem 35-minütigen politischen Gespräch zurückgezogen. Innenminister Wolfgang Schäuble, der als solcher auch für den Sport zuständig ist, hat seine polnischen Kollegen aus dem Inneren und dem Sport mitgebracht. Bundesjustizministerin Brigitte Zypries war dabei, Bundestagsvizepräsident Norbert Lammert, unser ehemaliger Bundesinnenminister Otto Schily, Jürgen Rüttgers als gastgebender Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, NRW-Innenminister Ingo Wolf und Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Öttinger. Jeder Minister hatte einen Tross von sieben bis acht Leuten um sich. Ich habe aus den Kontakten mit den Ministerien viel gelernt. Auch Sportpolitiker wie der IOC-Vorsitzende Jaques Rogge, NOK-Chef Thomas Bach und der ehemalige IOC-Vorsitzende, der bereits 86-jährige Juan Antonio Samaranch, waren zugegen. Die Überreichung der Goldmedaillen habe ich gar nicht mitbekommen, weil ich Köhler und Schäuble zum Ausgang begleitet und offiziell verabschiedet habe, was bei ihnen zum Protokoll gehört.
Wie ist der erstmals in dieser Form ausgerichtete Presidents-Cup der ausgeschiedenen Teams angenommen worden?
Auch er war ein Erfolg. Das habe ich aber vorher schon gesagt - weil unsere Zuschauer da mitmachen. Selbst beim Spiel Brasilien gegen Angola waren noch 2000 Zuschauer dabei, und die haben den Teams am Ende Standing Ovations entgegengebracht. Für die Mannschaften war es eine Riesensache, das kannten sie gar nicht. Auch hat beispielsweise Angola ansonsten gar nicht die finanziellen Mittel, um in Brasilien zu spielen. Die haben sich bedankt, dass sie solch einen Rahmen bekamen.
Sind die Erwartungen des Organisationskomitees an die Titelkämpfe erfüllt worden?
Alles, was wir uns vorgestellt haben, ist bei weitem übertroffen worden. Alles. Es war im Sport das Emotionalste, was ich erlebt habe, so etwas wird auch nicht wieder kommen. Wir haben nach der WM so viele Komplimente bekommen, dass mir teilweise die Tränen in den Augen standen. Das ist das schönste Dankeschön, dass man für so eine Arbeit bekommen kann.
Hätte die WM aus deiner Sicht noch eine Woche weiter gehen können oder bist du froh, dass sie vorbei ist?
Ich bin körperlich und mental absolut kaputt. Jeden Tag 16 bis 18 Stunden arbeiten, fast im Halbstundentakt neue Entscheidungen treffen - es hat einen Riesenspaß gemacht, aber ich bin froh, dass es jetzt vorbei ist. Allein die Siegerehrung haben wir während des Endspiels noch drei Mal geändert.
Wieviel hat der Heimvorteil für den Erfolg des deutschen Teams ausgemacht?
Den größten Teil. Die Qualität unserer Mannschaft reicht eigentlich nur für eine Viertelfinalteilnahme. Darüber waren sich alle Verantwortlichen einig. Das Team hat die einmalige Chance genutzt, mit einem fantastischen Publikum im Rücken den Titel zu holen. In einem anderen Land wäre die Mannschaft wohl kein Weltmeister geworden. Was auch sehr wichtig ist: Jetzt sind wir direkt für Olympia 2008 in Peking und für die WM 2009 in Kroatien qualifiziert. Das gibt dem DHB große Planungssicherheit. Noch ein Wort zu Torhüter Henning Fritz: Es ist schon erstaunlich, wie ein Trainer es schaffen kann, aus einem Ersatzkeeper in nur drei Wochen wieder einen Weltklassemann zu machen.
Was sagst du zu den verbalen Nachtritten des französischen Trainers Claude Onesta, der sich im Halbfinale von den Schiedsrichtern verschaukelt fühlte?
Dass das Tor der Franzosen kurz vor Ende der zweiten Verlängerung nicht gegeben wurde, hat mich auch gewundert. Ich hatte mich schon mit dem Siebenmeterwerfen abgefunden. Auch bei dem Ausgleichstor von Markus Baur kurz vor Ende der regulären Spielzeit hatten wir Glück. Ich meine, vorher einen Pfiff gehört zu haben. Es ist fast immer so, dass die Heimmannschaft bei zwei gleichstarken Teams einen gewissen Vorteil hat. Den hatten die Franzosen 2001 im eigenen Land auch. Aber sie wird niemals gegen eine bessere Mannschaft zum Sieg gepfiffen. Wir haben die Schiedsrichter nicht bestochen, haben nur dafür gesorgt, dass sie sich in Deutschland wohl fühlen. Aber das macht jeder Gastgeber. Die Kritik von Onesta wird übrigens nur in der deutschen Presse so wahrgenommen. In Frankreich selbst wird der Trainer angegriffen, weil er es nicht geschafft hat, mit einer solchen Mannschaft den Titel zu holen.
Hat der DHB bei der Schiedsrichter-Ansetzung des WM-Finales mit zwei Franzosen keinen Protest erwogen?
Nein. Wir haben uns zwar mit Heiner Brand darüber beraten, es dann aber verworfen. Nachdem ein Betreuer der französischen Nationalmannschaft nach dem Halbfinale im Hotel einen norwegischen Schiedsrichter tätlich angriff (Anm. d. Red.: Es wurde ein falscher Schiri erwischt, denn das betreffende Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich wurde von zwei Schweden geleitet), war klar, dass das Finale sauber über die Bühne gehen würde. Dazu bilden die Schiedsrichter eine zu geschlossene Kaste.
Wir kam der deutsche Handball-Bund darauf, einen Song der Kölner Karnevalsband "Höhner" zum WM-Lied zu machen?
Dadurch, dass wir die entscheidenden Spiele in Köln gemacht haben und dass Bundestrainer Heiner Brand mit einem Höhner-Mitglied befreundet ist. Das Lied ist bereits zwei Jahre alt, es wurde im Trainingslager am Ammersee von Heiner und den Höhnern nur umgedichtet. Zur Zeit schießt es in den Charts nach oben. Es war ein echter Glücksgriff wie so vieles bei der WM. Wir haben aufs richtige Pferd gesetzt. Es wird bald auch einen Film von Wilfried Oelsner über das "Wintermärchen" geben.
Was wird aus Trainer Heiner Brand?
Am Sonntag fährt er erstmal in den Urlaub. Er hat einen Vertrag bis zum 31. Dezember 2008 und weiß, dass wir ihn darüber hinaus halten wollen.