Interview mit Hans-Ulrich Wehler
"Pascal Hens' Wucht ist sehr eindrucksvoll"
Der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler hat früher beim VfL Gummersbach gespielt. Im Gespräch mit WELT.de analysiert der 75-Jährige die Handball-Begeisterung im Land und begeistert sich für Präzisionswürfe von Torwart Henning Fritz, die mentale Kraft der Mannschaft und ästhetisch schöne Tore.
Von Holger Kreitling
Bevor der Historiker Hans-Ulrich Wehler (75) von Bielefeld aus die deutsche Geschichtsschreibung revolutionierte, lebte und spielte er in Gummersbach Feldhandball. Er war Mittelläufer beim VfL und westdeutscher Meister bei Mittelstreckenläufen. Bis heute ist er als Zuschauer dem Handball treu geblieben.
WELT.de: Herr Wehler, haben Sie denn mitgefiebert?
Hans-Ulrich Wehler: Ja, hab ich.
WELT.de: Das ganze Turnier über?
Wehler: Die meisten Spiele der Deutschen und ein paar, wo ich die Favoriten vermutete, wie Kroatien und Spanien.
WELT.de: Was hat Sie bei der deutschen Mannschaft am meisten erstaunt?
Wehler: Ich habe drei Gesichtspunkte. Es war eine außerordentlich effiziente Deckung. Also um Oliver Roggisch entstand ein Dreierblock, an dem war in der Regel nicht vorbeizukommen. Die Franzosen, letztlich auch die Polen, hatten ebenso eine gute Deckung. Aber die konnte man eher mal aufreißen. Das zweite war: Die deutsche Mannschaft besaß keinen besonders guten Rückraum an Stürmern, war aber außergewöhnlich gut war bei den Tempovorstößen. Der Torhüter Fritz spielte den Ball mit einer unglaublichen Genauigkeit über das halbe oder drei Viertel des Feldes zu. Das sind ästhetisch die schönsten Tore: Wenn Torsten Jansen und Michael Kraus frei durchgingen. Um das zu toppen, segelten sie noch mit einem Sprungwurf an den Keeper heran, so dass sie schließlich zwei Meter vor ihm in der Luft hingen und reinschießen konnten. Dazu muss man erst mal so einen Torhüter haben. Und man muss Stürmer haben, die die 100 Meter in elf Sekunden laufen.
WELT.de: Das hat besonders in der ersten Halbzeit des Endspiels gut geklappt.
Wehler: Es ist immer schön, wenn der Glandorf seinen Sprungwurf hinkriegt und den Ball reindonnert. Pascal Hens’ Wucht ist sehr eindrucksvoll. Oder wenn der Christian Schwarzer seine Zweizentner-Muskeln durch die Mauern wuchtet.
WELT.de: Und Ihr dritter Punkt?
Wehler: Die Deutschen haben die entscheidenden Spiele gewonnen wegen ihrer mentalen Durchsetzungsfähigkeit. Man hatte nie, auch nicht im vorweggenommenen Endspiel gegen die Franzosen, den Eindruck, dass sie aufsteckten, resignierten. Sie wussten: wenn wir das nächste Tor aufholen, haben wir Gleichstand, und es liegt an uns, ob wir in Führung gehen. Nun war ich selber lange im Leistungssport: Dazu muss man eine mentale Härte haben, um das an sich ablaufen zu lassen. Man merkte das in der kritischen Phase des Endspiels, nach zehn Minuten in der zweiten Halbzeit. Da passierten Fehler: Ballverlust, falsches Zuspiel, Stürmerfoul. Wenn man selber gut im Zug ist, passiert das nicht. Aber beim 22:21 kam die Wende, und die mental stärkere Mannschaft hat gesiegt. Ich sage das ohne jeden Handball-Patriotismus. Gute Werfer hat bei einem solchen Turnier jedes Team unter den letzten vier.
WELT.de: Spüren Sie denn Handball-Patriotismus?
Wehler: Ja, sicher. Ich bin in Gummersbach groß geworden, da wollte man als Junge immer in die Handball-Mannschaft.
WELT.de: Wie war denn Ihre Handball-Karriere?
Wehler: War keine Karriere. Ich hab beim VfL Gummersbach gespielt, mit dem Vater von Heiner Brand. Der hatte den Spitznamen „Sherry“, ein 1,90 Meter großer Rotblonder, der Nationalspieler bis 1945 war. Eigentlich war der VFL eine Schülermannschaft des Gymnasiums. Dann kamen über Brandt Leute, die sich aus der Kriegszeit kannten, vor allem vom berühmten Luftwaffensportverein Berlin, wo Göring Sportler privilegierte, um damit anzugeben. Für mich war dann schon Abitur und Beginn des Studiums. Und da begann die Erfolgsserie des Vereins, als Hansi Schmidt, ein Rumäniendeutscher, nach Gummersbach kam. Der ist bis heute unübertroffen, was Sprungkraft angeht. Man hatte den Eindruck, der schwebte eineinhalb Meter über den Mauern und warf rein, wie er wollte. Und der VfL wurde zwölf Mal Deutscher Meister.
WELT.de: Da haben Sie aber nicht mehr gespielt.
Wehler: Nein, nein. Mein Herz hing eigentlich an den 400 und 800 Metern.
WELT.de: Auf welcher Position spielten Sie?
Wehler: Mittelläufer. Man rechnete pro Spiel, 15 Kilometer zu laufen. Als Mittelstreckler hatte ich die Kondition dazu.
WELT.de: Waren Sie fair?
Wehler: Glaub’ schon. Ich habe das gehasst. Es gab damals schon die Tricks: Mit Karate auf die Nieren oder den Arm von hinten blockieren, wenn man gerade voll durchzog. Was die Jungs da jetzt mit ihrem Schultergürtel aushalten, wenn die auf den Verteidigungsblock auflaufen, das ist schon unglaublich. Da wurde sehr hart zugegriffen – würde mich nicht wundern, wenn drei oder vier Spieler Schulteroperationen nötig hätten.
WELT.de: Geht Ihnen der Sieg jetzt näher als die Fußball-WM?
Wehler: Viel näher.
WELT.de: Warum?
Wehler: Das hat mit der Herkunft aus dieser sportfanatischen Kleinstadt zu tun. Es kann auch sein, dass die Motivation nach diesem berühmten Klinsmann-Sommer war, einmal zu zeigen, was in uns Handballern drinsteckt. Der Werbeeffekt ist großartig.
WELT.de: Ist Euphorie gut für Deutschland?
Wehler: Ja. Ich wurde immer wieder nach einem neuen Nationalismus gefragt. Ich halte von dem giftigen Ideengemisch überhaupt nichts. Aber das hatte nicht zu tun mit der spontanen Freunde und der sehr honorigen schwarz-rot-goldenen Fahne. Man hat ja auch begeistert gefeiert, wenn Mannschaften aus der Ferne gewannen. Genauso ist es beim Handball. Die spontane Begeisterung gehört in einem dem Sport gegenüber sehr aufgeschlossenen Land dazu. Das gilt auch für Reiten, Biathlon, Leichtathletik. Die Freude – dass man aus der gewöhnlichen Rolle des zurückhaltenden Beobachters herausgeht – ist vollauf berechtigt.
WELT.de: Was halten Sie von der These, dass mit der Handball-WM der Blick auf die Provinz gelenkt wird?
Wehler: Das ist ein altes Phänomen. Als der VfL berühmt wurde, hatte Gummersbach 28.000 Einwohner. Nun lebe ich in Bielefeld, in der Nähe ist Lemgo, kleiner als Gummersbach, aber eine fanatische Handballstadt. Das ist gar nicht so leicht zu erklären. Am Anfang wollten die Eltern ihre Jungs spielen sehen. In Großwallstadt spielten nur Großwallstädter. Heute ist das anders. Man braucht aber wohl trotzdem die emotionale Homogenität einer Kleinstadt, wo die Spieler auf der Straße bewundert und gepäppelt werden.
WELT.de: Periphere Sportarten gedeihen in der Peripherie?
Wehler: An diesen Orten gibt es keine Konkurrenz durch andere Sportarten. In München können sie nicht gegen Fußball angehen. In Tauberbischofsheim konnten sie nicht gegen die Fechter angehen. Wenn dort eine Basketball-Mannschaft aufgebaut worden wäre, hätte Emil Beck mit seinen Fecht- und Säbelkünstlern dennoch das Feld beherrscht. In Göppingen, Lemgo, Gummersbach war eben der Erfolg des Handballs da.
WELT.de: Sie schreiben gerade den fünften Band ihrer „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“. Wird die Handball-WM 2007 da ihren Platz finden?
Wehler: Nein, ich höre 1990/91 auf, mit dem Zerfall der Sowjetunion und einer völlig neuen Konstellation.
WELT.de: Und der Gewinn der Fußball-WM 1990?
Wehler: Auch nicht.
Artikel erschienen am 05.02.2006