Schwieriges Neuland für die Unparteiischen
Die an der Handball-WM stark kritisierten Schiedsrichter tolerieren wieder mehr Härte
Köln, 31. Januar
Christer Ahl, US-Amerikaner mit schwedischen Wurzeln und Schiedsrichterchef im Handball-Weltverband IHF, steht immer, wenn sich ein Titelturnier dem Ende nähert, im Fokus der Kritiker. Und die kommen in der Regel aus den Verlierer-Verbänden. Ahl und seine Kommission - der neuerdings auch der Schweizer Roland Bürgi angehört - haben aufmerksamen Beobachtern des IHF-Gebarens mit ihrem Aufgebot schon im Vorfeld des Turniers eine Angriffsfläche geboten.
Unerfahrene Referees
Nur 5 der 18 aufgebotenen Paare aus 16 Nationen hatten schon vorher auf der Stufe WM-Endrunde Spiele geleitet. Integrität und Immunität der Referees sind aber gerade im 20. Titelkampf, der alle Rekorde sprengt, einer harten Belastungsprobe ausgesetzt. Die Top-Spiele finden in einer besonderen Atmosphäre mit fünfstelligen Zuschauerzahlen statt und werden jeweils von 14 TV-Kameras lückenlos festgehalten. Die meisten Schiedsrichter betraten Neuland, und die ausserordentlichen Rahmenbedingungen erzeugten einen starken Druck auf die Spielleitung. Möglicherweise hat die IHF diesem Phänomen zu wenig Rechnung getragen. Die Spielleiter wurden nur in einem einwöchigen Lehrgang im letzten Sommer und unmittelbar vor dem WM-Start in einem Tageskurs in Berlin auf ihre Aufgabe vorbereitet. Im Welt- und im Europaverband ist mit Blick auf die ständig wachsende Dynamik und Athletik der Sportart eine generelle Verjüngung der Schiedsrichtergilde im Gange. Der Generationenwechsel an der Spitze ist noch nicht ganz vollzogen. Die europäische Elite ist auf die Paare Lemme/Ulrich (Deutschland), Breto/Huelin (Spanien) und Bord/Buy (Frankreich) zusammengeschrumpft, momentan besteht im Schiedsrichterwesen auf höchstem Niveau ein Vakuum.
Naturgemäss ist das Team des Gastgebers erster Nutzniesser der WM-Umstände. Dass alle Vorteile des Heimrechts ausgeschöpft werden, ist durchaus legitim. Das war vor zwei Jahren in Tunis und vor sechs Jahren in Paris nicht anders. Auf dem Weg in den Halbfinal 2005 profitierte Tunesien wiederholt von der Nachsicht der Unparteiischen. Frankreich konnte auf verschiedenen Etappen im Titelrennen 2001 das Wohlwollen der Spielleiter beanspruchen. Wie das Beispiel der EM 1996 in Sevilla zeigt, befanden sich auch die Spanier, die sich am Tage nach dem Ausscheiden gegen Deutschland in der Rolle der Geprellten gefallen, schon unter den Privilegierten. Kritik an der Spielleitung ist immer eine Frage des Standpunktes.
Kritik als taktisches Mittel
Das Sperrfeuer aus Spanien gegen die beiden Norweger Ken Abrahamsen und Arne Kristiansen und kroatische Rüffel an die Adresse der Russen Igor Tschernega und Wiktor Poladenko dürfen nicht überschätzt werden. Verschwörungstheorien gehören nicht selten zur Terminologie von Trainern und Teamleitungen, die Misserfolge erklären müssen. Nicht dem Courant normal entspricht aber beispielsweise die Entgleisung von Kasim Kamenica nach der 29:35-Niederlage gegen Deutschland. Der slowenische Teamchef bezichtigte das dänische Gespann Olesen/Pedersen des Betrugs. Sanktionen hat Kamenica nicht zu befürchten. Der Wortlaut der mehrsprachigen Pressekonferenz kann nicht mehr rekonstruiert werden. Der russische Mehrfach-Weltmeister und Olympiasieger Wladimir Maksimow unterstellte den Franzosen Gilles Bord und Olivier Buy eine «antirussische» Haltung, obwohl er soeben Ungarn 26:25 geschlagen hatte. Kernige Statements sind unreflektierte Momentaufnahmen und werden nicht selten als taktisches Mittel eingesetzt, um künftige Nominationen nicht genehmer Referees zu verhindern.
Mit Blick auf ihren bescheidenen Erfahrungsschatz, das glaubt der Schweizer Experte Bürgi, hätten sich die Referees nicht schlecht aus der Affäre gezogen und die WM-Partien gesamthaft betrachtet fair geleitet. Ob die Entschärfung der Härte des Spiels, die nach den «Schlachten» an der EM 2004 in Slowenien eingesetzt hat, an der laufenden WM konsequent fortgesetzt wird, steht freilich auf einem andern Blatt und spaltet die Meinungen. Es gibt viele Indizien, dass sich der Verteidiger wieder mehr erlauben darf, dass sich der Trend zur Härte wieder verdichtet. Wer im Viertelfinal Spanien - Deutschland beobachtet hat, wie die DHB-Auswahl um den Haudegen Oliver Roggisch den spanischen Kreisläufer Rolando Urios praktisch ohne Sanktionen 60 Minuten lang attackiert hat, neigt zum Urteil, dass mindestens im laufenden Turnier der gängige (grosszügige) Bundesliga-Tarif die Messlatte darstellt.
Hans Hugentobler