Sh:z berichtet: Anderssons Geduldsprobe
09.10.2006 18:32 -
Kent-Harry Andersson, Trainer des deutschen Handball-Vizemeisters
SG Flensburg-Handewitt erholt sich von einer schweren Operation.
Kent-Harry Andersson werden die Tage lang. Der Handball fehlt ihm, die SG Flensburg-Handewitt und das Hobby Golf. Nach der kleinen weißen Kugel will der 57-Jährige bald wieder schlagen. "Nächste Woche gehe ich mal auf die Driving Range“, erzählt der Trainer beim Frühstück in seinem Handewitter Haus.
In kleinen Schritten kehrt Kent-Harry Andersson in die Normalität zurück. "Ich muss Geduld haben“, sagt er und lächelt. "Geduld habe ich immer meinen Spielern gepredigt. Ich lerne gerade, dass das nicht so einfach ist.“ Seine Kraft hat er fast wieder zurückgewonnen, seine Körperspannung wirkt so, wie man es bei jemanden erwarten darf, der sein Leben lang Sport getrieben hat. "Es geht mir gut. Ich werde immer fitter. Von sechs Kilo, die weg waren, habe ich zwei schon wieder aufgeholt“, bilanziert Andersson 53 Tage nach der Operation am Innenohr, der die "schlimmste Woche meines Lebens“ folgte. Fünf Stunden hatte der Eingriff im International Neuroscience Institute in Hannover gedauert. "Danach konnte ich nicht aufstehen, ich hatte keine Balance mehr, und mir war ständig übel.“
Der Neurochirurg Professor Dr. Madjid Samii entfernte bei Andersson ein Akustikneurinom. Das ist ein gutartiger Tumor, der im Falle des schwedischen Patienten auf den achten Gehirnnerv drückte und den Gehör- und Gleichgewichtssinn beeinträchtigte. "Er war so groß wie ein Golfball. Aber es war kein Krebs. Mein Arzt hat mir versichert, dass alles 100-prozentig wieder in Ordnung kommt. Er hat die Nerven gemessen, keiner ist beschädigt worden. Ich habe allen Anlass, optimistisch zu sein“, sagt Andersson.
Professor Samii ist einer der weltweit führenden Neurochirurgen, erfahren in über 20000 Operationen, vielfach ausgezeichnet. Anderssons Fall gehört zur Routine des Iraners. 3900 Patienten behandelte er wegen der relativ häufigen Krankheit, die übrigens auffallend viele professionelle Musiker trifft.
Vor über zwei Jahren hatte Andersson die ersten Symptome gespürt, nachlassendes Hörvermögen, gelegentlichen Schwindel. "Alterserscheinungen“ beschwichtigte der erste Arzt, den der Schwede aufsuchte. "Ich habe mich nicht mehr darum gekümmert“, sagt der 57-Jährige. Bis zu diesem Sommer. Andersson ließ sich in der "Röhre“ eines Magnetresonanztomographen (MRT) untersuchen. Danach war die Diagnose klar. "Es war ein Schock. Es waren keine schönen Ferien diesmal“, sagt Andersson.
Der Handball-Trainer musste sich einer Zäsur in seinem Leben stellen. "25 Jahre habe ich kein Spiel versäumt. Ich bin nie krank gewesen. Ja, ich hatte Angst“, sagt Andersson. Er trainierte mehr als sonst, um stark zu werden für den langen Eingriff. Die psychische Belastung blendete er aus. "Ich habe mich vorbereitet wie auf einen Zahnarztbesuch. Aber es kam dann doch etwas übler.“
So präzise Professor Samii auch arbeitete, es war nicht zu vermeiden, dass durch die Operation auch der siebte Hirnnerv, der die Gesichtsmuskulatur reguliert, belastet wurde. Es ist dieser Nervus facialis, der Andersson zur Geduld zwingt. Die Mimik der linken Gesichtshälfte hat er noch nicht unter Kontrolle, das linke Auge kann er nicht schließen, weshalb er dort eine Schutzkappe, die das Austrocknen verhindert, tragen muss. Das Gefühl wird zurückkehren, sagen die Ärzte. Es kann noch Wochen dauern, Monate oder ein halbes Jahr. Ruhe ist das Einzige, was die Regeneration fördert. "Es kommt von selbst. Die Medizin kann da nicht forcierend eingreifen“, sagt SG-Arzt Dr. Hauke Mommsen, der nicht vor Anfang Januar mit der Rückkehr des SG-Trainers rechnet.
Kent-Harry Andersson schaut Handball-Videos.
Andersson verlässt sein Heim zurzeit nur für die eine Stunde Waldlauf jeden Morgen und für seltene Ausflüge. Er weiß, dass er als öffentliche Person auf Anteilnahme und Neugier stoßen wird, wenn er in die Stadt oder in die Campushalle geht. "Ich hätte Lust, am Sonntag zum Spiel gegen Nordhorn zu kommen. Ich hoffe, dass die Leute dann respektieren, dass ich die Sache nicht mit jedem detailliert besprechen möchte“, sagt Andersson.
Den Weg seiner Mannschaft verfolgt der Schwede so intensiv, wie es die Distanz zulässt. Sein Nachbar, der SG-Kreisläufer Johnny Jensen, berichtet ihm aus erster Hand, die Spiele hat er alle live oder auf Video gesehen. Mit seinem Stellvertreter ist er zufrieden: "Es sieht gut aus. Ich finde es gut, dass Viggo Sigurdsson unseren Stil grundsätzlich beibehält und versucht, die Mannschaft mit eigenen Elementen weiter zu entwickeln.“
Die Energie ist Andersson geblieben. "Ich habe Lust auf Handball. Es wird immer mehr“, sagt der Schwede, dem es so schwer fällt, geduldig zu sein. "Aber vielleicht hat so eine Pause auch etwas Positives, wenn man vorher 16 Stunden am Tag gearbeitet und nur ein paar Wochen Freizeit im Sommer hatte.“
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Von: Jan Wrege (sh:z)