"Ich bin der Kumpel, der hart durchgreifen kann"
27. Juni 2006
Michael Roth, der Trainer des TV Großwallstadt, über Handball, Erfolge, Abstiege und das Vertrauen in die eigene Stärke.
Sie haben 1994 Ihre aktive Karriere als Handballspieler beendet. Wie war danach der Berufswunsch?
Während meiner Zeit als Spieler beim TV Großwallstadt habe ich 1988 die Prüfung zum Reiseverkehrskaufmann abgelegt und habe parallel dazu in Leutershausen ein Reisebüro eröffnet. Nach dem Ende meiner aktiven Zeit 1994 bei Tusem Essen habe ich dann durch meinen Zwillingsbruder Uli die Möglichkeit gehabt, bei Radio Regenbogen im Promotion- und Vertriebsbereich einzusteigen. Das war eine Aufgabe, in der mein Talent, zu organisieren und zu verkaufen, voll zur Geltung gekommen ist. 1997 habe ich dann gemeinsam mit einem Partner eine eigene Promotion-Agentur gegründet.
Die ist noch immer in einem von uns selbst gebauten Bürohaus in Leutershausen zu Hause. Im Erdgeschoß gibt es noch das Reisebüro Roth, das von meiner Schwester geführt wird. Im ersten Stock ist meine Agentur, ganz oben hat mein Bruder Uli, der ja die Popgruppe „Pur“ managt, seine Büros. In diesem Haus ist die Familie Roth vereint. Handball ist dabei nicht das Wichtigste. Wir sind zum Beispiel für Events zuständig, vom kleinen Kindergeburtstag bis hin zu Konzerten mit 70 000 Zuschauern auf Schalke. Den größten Umsatz machen wir rund um das Formel-1-Rennen in Hockenheim.
Bleibt denn neben dem Job als Handball-Trainer noch Zeit für die anderen Geschäfte?
Meine Lebensplanung hat ja zunächst anders ausgesehen. Ich habe zwölf Jahre in Östringen in der zweiten Liga gearbeitet, zunächst noch zwei Jahre als Spieler, dann zehn Jahre als Trainer. Dort war alles noch eine Nummer kleiner, es war bei viermal Training pro Woche eine Art Hobby nebenbei. In Großwallstadt bin ich jetzt seit einem Jahr. Und im Rückblick hat es hervorragend geklappt. Ich fahre täglich von der Bergstraße nach Großwallstadt, mache dort meine Arbeit in der Halle und im Büro.
Sie hatten also nicht gleich nach der Karriere das Ziel, Profitrainer zu werden?
Ich habe mein Trainerhandwerk in Östringen gelernt, da war alles etwas übersichtlicher, vielleicht auch beschaulicher. Wobei sich das dort auch mit der Fusion mit Kronau zur SG Kronau/Östringen und dem Aufstieg in die Bundesliga im ersten Jahr nach der Fusion geändert hat. Zwölf Jahre in einem Verein waren schon erstaunlich.
Kronau/Östringen war also der Beginn der Trainerkarriere, bedeutet aber auch den ersten Karriereknick als Trainer nach dem Abstieg 2004 und der kurz darauf daraus resultierenden Trennung?
Kronau/Östringen damals und heute sind nicht mehr zu vergleichen. Unter meiner Regie hatten wir noch keine Arena in Mannheim, dementsprechend weniger Geld. Ich mußte als Trainer improvisieren. Am Ende stand der unglückliche Abstieg im zweiten Relegationsspiel. Genau in dieser Zeit wurde das Projekt SAP-Arena gestartet, bei dem ich an vorderster Stelle mitgearbeitet hatte. Da sind Flurschäden entstanden, weil ich bestimmte Dinge gegen Widerstände durchboxen mußte. Nach dem Abstieg hatte ich als Trainer dann eine schwache Position, dies wurde von jenen Leuten ausgenutzt, denen ich vorher auf die Füße getreten war. Wir haben schließlich gemeinsam entschieden, uns zu trennen. Ich war damals ziemlich am Ende, hatte keine Kraft mehr und wollte einfach nicht mehr. Zunächst einmal hatte ich ja ein Jahr Auszeit. Das hat mir richtig gutgetan. Meine Lebensplanung war nie, Profitrainer zu werden.
Da haben dann einige Leute erst gemerkt, daß aus dem Handballspieler ein Handballtrainer geworden ist. Aber eigentlich habe ich durch die Entwicklung mit der SAP-Arena in Mannheim mehr auf eine Laufbahn im Management geschielt. Dies hat sich dann ja von einem auf den anderen Tag erledigt. Es gab dann Angebote aus der ersten Liga, unter anderem aus Düsseldorf. Und dann kam der Anruf von Georg Ballmann aus Großwallstadt. Für mich eine ideale Konstellation, weil es mir ermöglicht, in der ersten Liga zu trainieren, den Lebensmittelpunkt aber an der Bergstraße zu lassen, meine Kinder nicht aus der Schule reißen zu müssen und strategisch in der Firma bleiben zu können.
Wie groß war der Stress?
Ich hatte mir fest vorgenommen, alles unter einen Hut zu bringen, das ist gelungen. Ich fahre täglich nach Großwallstadt, weil ich der Überzeugung bin, daß es wichtig ist, vor Ort zu sein. Dabei hat geholfen, daß die Arbeit riesigen Spaß macht. Die Mannschaft hat fantastisch mitgezogen, wir haben keine faulen Eier im Team, und wir haben ein großes Vertrauensverhältnis entwickelt. Ich bin nur ganz selten mal mit einem schlechten Gefühl abends nach Hause gefahren.
In der aktiven Zeit galten Sie wie auch Ihr Bruder oder auch Martin Schwalb als geniale Spieler, die aber nicht immer den nötigen Ernst aufbrachten. Nicht alle haben Michael Roth zugetraut, ein seriöser und ein guter Trainer zu werden. Was hat sich geändert vom Spieler zum Trainer?
Wir haben schon ernsthaft trainiert und gespielt. Wie bei jedem Menschen hat auch bei mir eine Entwicklung stattgefunden. In der zweiten Liga habe ich viel gelernt. Man muß dort anders arbeiten als in der Bundesliga, weil einfach das Niveau nicht so hoch ist. Auch in Östringen hatte ich Erfolgserlebnisse, indem ich beispielsweise Spieler wie Zeitz oder Gensheimer rausgebracht habe. Aber was jetzt passiert ist, war die Optimallösung. Großwallstadt ist ein Verein, den ich kannte, wo ich selbst erfolgreich gespielt habe und der solide geführt wird. Der Erfolg in der ersten Saison ist für beide Seiten sehr gut.
Was für ein Trainertyp ist Michael Roth?
Ich möchte es als modern autoritär bezeichnen. Ich kommuniziere viel, kann Kumpel sein, kann aber auch hart durchgreifen. Wenn ich sehe, wie unsere Mannschaft mitzieht, kann ich mehr zulassen als in anderen Situationen. Ich habe den Jungs zu Beginn der Saison gesagt, es braucht mich keiner auf den Arm zu nehmen. Ich habe alles selbst erlebt und alles selbst versucht, ich kenne also meine Pappenheimer. Mir muß niemand etwas vormachen. Es sind alles erwachsene Spieler, also muß man auch so mit ihnen reden.
Sie haben Peter Meisinger in Großwallstadt abgelöst, der dort auch mehr als ein Jahrzehnt gearbeitet hatte. Nach außen wurde immer transportiert, wie harmonisch dieser Wechsel vor sich gegangen ist. War das wirklich so?
Tatsächlich sehr harmonisch. Peter war mitverantwortlich bei meiner Verpflichtung. Er war bei allen Gesprächen dabei. Das ist schon ein Vertrauensbeweis von ihm für mich gewesen. Daß ich nach der Vertragsunterschrift die Personalpolitik in Ruhe ein halbes Jahr planen konnte, war ein Riesenvorteil. Die Planungen lagen alleine in meiner Verantwortung. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber sowohl Georg Ballmann als auch Peter Meisinger haben das akzeptiert. Nur so ist das auch für mich eine Basis.
Gab es denn bei Ihnen nie Bedenken, daß bei Mißerfolgen ganz schnell der Ruf nach Meisingers Rückkehr auf die Trainerbank laut werden könnte?
Nein, denn er hat nie versucht, Einfluß aufs Tagesgeschäft zu nehmen. Das würde ich auch nie zulassen. Ich bin froh, daß Peter geradeaus seine Meinung sagt und nicht hinterfotzig ist. Da gab es überhaupt keine Schwierigkeiten. Aber die Saison ist natürlich gut gelaufen, so daß es wenig kritische Diskussionen gab. Wie es im echten Krisenfall sein wird, muß man abwarten, auch wenn ich keine Bedenken habe.
Sie haben die Spielweise beim TV Großwallstadt in dieser Saison auf den Kopf gestellt. Wie schwer war es, Spieler wie Umfeld vom schnellen offensiven Handball zu überzeugen?
Wir hatten das gemeinsam mit der Mannschaft vor der Saison festgelegt. Am Anfang waren wir noch nicht stabil, haben kritische Phasen noch nicht überstanden. Wir wußten, daß es dauert. Wenn man nun am Ende die Statistik sieht, wird deutlich, daß die Abwehr nicht schlechter geworden, der Angriff aber besser geworden ist. In allen Belangen haben wir mehr Effektivität erreicht, natürlich auch durch die Qualität der Spieler. Das beste Beispiel ist Uli Wolf. Er war der lokale Held, hat vorne wie hinten gespielt, mit der Folge einer großen Belastung, die wiederum zu vielen Verletzungen geführt hat. Jetzt wurde er im Angriff von Jens Tiedtke entlastet und hat in der Abwehr fast hundertprozentig gedeckt. Er hat die neue Rolle vorbildlich angenommen.
Es war also gar nicht so viel Überzeugungsarbeit nötig, wie viele Beobachter geglaubt haben?
Genau, denn ich habe nun auch die Spielertypen dazu, um schnell zu spielen. Heiko Grimm macht das gerne, Alex Petersson ist ideal dafür, Dominik Klein sowieso. Aber es ist längst noch nicht alles optimal gelaufen. Insgesamt aber hat alles gut zusammengepaßt, sportlich wie menschlich, da braucht man als Trainer auch Glück.
Welche Veränderungen gab es in den anderen Bereichen, im medizinischen Bereich, in der Öffentlichkeitsarbeit?
Natürlich haben wir vieles verfeinert, so die Spielvorbereitung und die Spielnachbereitung. Wir versuchen auch medizinische Betreuung noch besser zu machen, überall alte Zöpfe abzuschneiden. Wenn ein neuer Trainer kommt, bringt er neue Ideen ein. Ideal war, daß die Ideen hier beim TVG aufgenommen und angenommen worden sind. Leute wie Georg Ballmann oder Sascha Schnobrich haben mir sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Was sicher nicht ganz einfach war, denn schon unsere Saisonplanung, ein einstelliger Tabellenplatz, war sehr mutig. Nun sind alle froh, denn wir haben ja Mannschaften mit deutlich höheren Etats wie Göppingen, Nordhorn, Hamburg oder Nettelstedt hinter uns gelassen.
Sie arbeiten nicht nur als Trainer, sondern haben auch Manager-Aufgaben übernommen. Ist dies vereinbar, oder braucht der TV Großwallstadt irgendwann einen sportlichen Manager?
Großwallstadt hat in den letzten drei, vier Jahren vorbildliche Basisarbeit gemacht. Das Produkt wurde in der Region am Untermain stabilisiert, selbst als noch Abstiegsgefahr geherrscht hat, sind die Leute wieder in die Halle geströmt. Das ist das Verdienst von Leuten wie Ballmann oder Schnobrich, die sehr solide an der Basis gearbeitet haben. Hier werden 50-Euro-Sponsoren genauso betreut wie 100 000-Euro-Sponsoren. Ein Manager ist aus meiner Sicht nicht nötig. Wir müssen weiter gemeinsam versuchen, das gute Image des TVG in der Region zu stabilisieren und darüber hinaus auch nationale Sponsoren zu finden.
Das wäre der nächste Schritt. Aber der TVG ist schon ein Stück vorangekommen. Wir können nicht nur gute Spieler holen, wie jetzt Anders Oechsler aus Kolding, sondern wir sind auch in der Lage, gute Spieler zu halten, wie beispielsweise Einar Holmgeirsson. Das war ein Zeichen für alle, für uns und für die Konkurrenz. Diese Mannschaft kann nun zwei Jahre zusammenbleiben und wird sich weiterentwickeln.
Liegt die Zukunft des Handballs nur noch in den ganz großen Hallen?
Das sehe ich nicht so. So hat sich Gummersbach in der Köln-Arena zwar aus der Insolvenz gerettet, hat aber immer noch große Probleme. Große Hallen kosten auch viel Geld, das sollte man nie vergessen. Unsere Konstellation mit Aschaffenburg und Elsenfeld halte ich für ideal. Wichtig ist, daß man zufrieden ist mit dem, was man hat.
Nicht die Halle ist entscheidend, die Gegebenheiten sind viel wichtiger, so müssen richtige VIP-Räume gebaut werden, um Sponsoren, die viel Geld geben, auch richtig betreuen zu können. Daran muß gearbeitet werden, bevor man darüber nachdenkt, in größere Hallen zu gehen. Das schließt nicht aus, daß wir zu einem Sonderevent, vielleicht wenn wir in den Europapokal zurückgekehrt sind, auch mal nach Frankfurt ausweichen.
Der TVG hat sich in einem Jahr vom Rand der Abstiegszone bis ans Ende der Spitzengruppe vorgearbeitet. Wie schwer wird es nun, neue Ziele festzulegen, ohne zu große Erwartungen zu wecken?
Das Gefühl der eigenen Stärke ist jetzt da. Wir müssen uns schon daran orientieren, was wir in dieser Saison geleistet haben. Wir haben trotz vieler Handicaps den siebten Platz erreicht, das war eine famose Leistung. Wir haben elf Spiele zu Hause in Folge gewonnen, das ist eine Hausnummer, die wir ausbauen müssen. Wir haben uns auch auswärts klar gesteigert. Fakt ist, daß wir eine Mannschaft mit Qualität haben. Die muß jetzt noch stabiler werden.
Die Vorbereitung fangen wir diesmal nicht bei Null an. Wir haben unser System und müssen nur einen Spieler integrieren, das ist ein Vorteil. Zudem haben wir die letzte Saison nur mit einem Zwanzigjährigen auf der Königsposition im linken Rückraum gespielt. Da werden wir diesmal deutlich stärker sein. Wir brauchen also unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen.
Die Fragen stellte Josef Schmitt.