@Hagi63:
Du hast in deinem Beitrag #61 den Regeltext zu Regel 7:11 und 7:12 korrekt zitiert und darauf verwiesen, dass darin der Passus enthalten ist, dass "jederzeit" auf passives Spiel entschieden werden kann. Das Problem, das ich bei dieser Herangehensweise und Argumentation sehe ist, dass immer wieder der Fehler gemacht wird Regeln singulär zu betrachten und nicht als Bestandteil des Regelwerks als Gesamteinheit. Die Handballregeln sind ein in sich geschlossenes Regelwerk in dem gleichwertige Regeln im Allgemeinen nebeneinander zeitgleich Gültigkeit besitzen und nicht einander ausser Kraft setzen. Ausnahmen von diesem Grundsatz werden in den Handballregeln explizit aufgeführt. Das bedeutet der Wortlaut einer Regel impliziert (wenn nicht explizit eine Ausnahme formuliert wird), dass gleichzeitig alle übrigen Handballregeln gelten und sich daraus ergebende Konstellationen nicht in jeder einzelnen Regel aufs Neue durchgespielt werden müssen. Man kann in Gedanken an jede Regel den Nebensatz ",sofern dies nicht im Widerspruch zu einer anderen Regel steht." ergänzen.
Was bedeutet dies für den konkreten Fall?
In der hier diskutierten Situation kommen zwei Regeln zum Tragen, die gleichrangig Teil der Handballregeln sind:
Zitat
7:12
Wird eine Tendenz zum passiven Spiel erkennbar, wird das Vorwarnzeichen (Handzeichen Nr. 17) gezeigt. Dies gibt der ballbesitzenden Mannschaft die Gelegenheit, die Angriffsweise umzustellen, um den Ballverlust zu vermeiden. Falls sich die Angriffsweise nach dem Anzeigen des Vorwarnzeichens nicht ändert, kann jederzeit auf passives Spiel entschieden werden. Wird von der angreifenden Mannschaft nach maximal 6 Pässen kein Torwurf ausgeführt, wird auf Freiwurf gegen die ballbesitzende Mannschaft entschieden (13:1a, Verfahren und Ausnahmen siehe Erläuterung 4, Abschnitt D).
Zitat
13:3
Wenn eine Regelwidrigkeit erfolgt, die gemäß Regel 13:1a - b normalerweise zu einem Freiwurf führt, wenn der Ball nicht im Spiel ist, wird das Spiel mit dem Wurf wiederaufgenommen, der dem Grund für die gegebene Unterbrechung entspricht (beachte aber auch Regel 8:10c, besondere Anweisungen in den letzten 30 Sekunden)
Gemäß Regel 7:12 darf der Schiedsrichter jederzeit entscheiden, dass die Regelwidrigkeit "passives Spiel" vorliegt - das ist korrekt. Gleichzeitig gilt aber auch Regel 13:3 wonach Regelwidrigkeiten die zwischen einer Spielunterbrechung und der Wiederaufnahme des Spiels (in diesem konkreten Falle durch Ausführung des Freiwurfs) begangen werden nicht dazu führen können, dass die Mannschaft den zugesprochenen Freiwurf nicht ausführen darf bzw. der Ballbesitz wechselt. Beide Regeln existieren gleichrangig und müssen in der Gesamtheit der Handballregeln gemeinsam betrachtet werden.
Die einzige Ausnahme von Regel 13:3 wird im Regeltext explizit mit dem Verweis auf Regel 8:10c gemacht. Alle übrigen Regeln können nur im Einklang mit Regel 13:3 angewendet werden. Wenn also der Schiedsrichter auf Freiwurf für Mannschaft A entscheidet und das Spiel damit unterbricht, dann kann (sofern nicht 8:10c greift) die Spielfortsetzung nur ein Freiwurf für Mannschaft A sein. Jede anderslautende Entscheidung ist ein klarer Regelverstoß des Schiedsrichters der auch nicht von der Tatsachenentscheidung gemäß Regel 17:11 abgedeckt wird.
Mir ist bewusst, dass der Rahmen des Forums oft dazu verleitet nur einzelne Textpassagen oder Regeln zu zitieren, weil alles andere den Rahmen sprengen würde. Trotzdem sollte immer im Hinterkopf sein, dass die Handballregeln als Gesamtheit ein in sich geschlossenes und logisches Regelwerk sind und es problematisch sein kann einzelne Passagen aus dem Gesamtkontext herauszunehmen.
P.S.: Ich war überrascht als ich heute morgen gesehen habe wie übers Wochenende die Anzahl der Beiträge in diesem Thread in die Höhe geschossen ist. Einige Beiträge haben durchaus neue Betrachtungsweisen und neue Argumentationen angestoßen, doch der Großteil war von persönlichen Animositäten geprägt. Es werden irgendwelche Extremsituationen und Beispiele konstruiert bloß mit der Absicht den anderen Foristen in eine Falle zu locken oder bloßzustellen. Ich würde mir wünschen, dass einige seit Jahren aktive Mitforisten sich auf den Sinn und Zweck des Forums und insbesondere der Regelecke besinnen würden und ihre Beiträge entsprechend verfassen. Eine lebendige Diskussion ist vollkommen in Ordnung, aber es ist nicht zielführend bloß deshalb Contra zu geben, weil links der Name bzw. Avatar eines speziellen Users auftaucht. Ich bin selber nicht immer frei davon und es ist berechtigt die Meinungen anderer User auch im Hinblick auf die Gesamtheit ihrer Beiträge zu betrachten (hier schließt sich er Kreis zu den Handballregeln
) aber in Zentrum jedes Beitrages sollte (insbesondere in der Regelecke) ein konstruktiver Beitrag zur ursprünglichen Fragestellung stehen.