Nachdem sich jede Lokalzeitung zwischen Gießen und Solingen ([1], [2], [3], [4], [5], [6] ...) dem "größten Skandal im Handball" (Andreas Lex) gewidmet hat und die Mannschaft des TV Hüttenberg einen offenen Brief verfasst hat, möchte ich auch meine Sicht der Dinge darlegen. Dabei möchte ich zwischen den sportlichen, wirtschaftlichen und menschlichen Aspekten dieses Falls unterscheiden.
In erster Stelle steht der sportliche Aspekt. Nachdem im Herbst 2011 die Trennung von Sead Hasanefendic nach drei überaus erfolgreichen Jahren zum Ende der Saison 2011/12 beschlossen war, verpflichtete der VfL Gummersbach mit Jan Gorr einen jungen, aufstrebenden Trainer, der beim TV Hüttenberg eine junge Mannschaft in die 1. Bundesliga geführt hat. In Gummersbach sollte Jan Gorr die lang erhoffte Einbindung junger Spieler aus der vereinseigenen Akademie in die Profimannschaft vollziehen. Für diese Aufgabe schien er der richtige Trainer zu sein und diese Verpflichtung wurde von vielen gelobt. Gleichzeitig erzeugte der frühzeitig feststehende Abschied von Sead Hasanefendic in Zeiten der sportlichen Talfahrt zusätzlichen Druck auf den Trainer. Es war eines der Mosaiksteinchen, das zu seiner Beurlaubung führte und den vormaligen Co-Trainer Emir Kurtagic zum Trainer beförderte. Was folgte war ein beispielloser Wandel innerhalb der Mannschaft und eine selbst von kühnsten Optimisten nicht für möglich gehaltene Rückrunden-Bilanz des VfL Gummersbach, der im Dezember noch als fast sicherer Absteiger galt.
Diese unerwartete Entwicklung stellte den Verein vor ein Dilemma, denn nur zu gerne wollte man die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Emir Kurtagic fortsetzen. Als Notlösung sollte Emir Kurtagic den freien Posten des Akademieleiters übernehmen und so dem VfL Gummersbach erhalten bleiben. Doch wer sich mit dem VfL Gummersbach ein wenig beschäftigt, der weiß, dass hinter den Kulissen starke Persönlichkeiten am Werk sind und ihren Willen geltend machen. Emir Kurtagic hat sich durch die phantastische Rückrunde und die nicht zuletzt durch die langjährige Verbindung der Familie Kurtagic zum VfL Gummersbach im Verein einen ähnlichen Status erarbeitet wie zuvor Sead Hasanefendic. Wichtige Personen im Aufsichtsrat und unter den Geldgebern wollen Emir behalten und haben dies durchgesetzt (Das ist zumindest meine Sicht der Dinge). Nicht zu unterschätzen dürfte in dieser Situation auch das Votum der Mannschaft gewesen sein. Nach der Entscheidung für Emir Kurtagic war zu vernehmen, dass die Spieler diesen Schritt begrüßen. Da nicht zuletzt das am Ende zerüttete Verhältnis zwischen Sead Hasanefendic und der Mannschaft zum schlechten Abschneiden in der Hinrunde der zurückliegenden Saison geführt hatte, mag die Vereinsführung derzeit das Verhältnis zwischen Trainer und Spielern besonders sensibel betrachten. Hier hatte man auf der einen Seite Emir Kurtagic, der von der Mannschaft respektiert und für seinen Führungsstil gelobt wird, und auf der anderen Seite die große Unbekannte Jan Gorr, der zwar in Hüttenberg einen tadellosen Ruf genießt aber bislang noch nicht mit einer Mannschaft um erfahrene Nationalspieler konfrontiert wurde.
Damit kommen wir zum wirtschaftlichen Aspekt. In Medien, Fanforen und im offenen Brief des TV Hüttenberg, wird die HBL aufgefordert das Vorgehen des VfL Gummersbach scharf zu kontrollieren, weil nach der unter Bedingungen erteilten Lizenz nun scheinbar direkt wieder Geld für einen zweiten Trainer verbrannt wurde. Wie bereits geschrieben gehe ich davon aus das die Trainerentscheidung durch Personen im Aufsichtsrat und im Umfeld des Vereins getroffen wurde, die die daraus resultierenden Kosten begleichen werden. Darüber hinaus ist die Aufregung eigentlich unnötig, weil die HBL dem VfL Gummersbach eine Pflicht zur regelmäßigen Berichterstattung auferlegt hat.
Schlussendlich bleibt der menschliche Aspekt. Jan Gorr hat sich zu einem Zeitpunkt für den VfL Gummersbach entschieden als der große Traditionsverein sich in einer tiefen Krise befand und die sportliche Zukunft ebensowenig absehbar war wie die wirtschaftliche Entwicklung. Andererseits bot sich dem aufstrebenden Trainer (überspitzt formuliert) die Chance zum Sprung vom kleinen Dorfverein in die große Handballwelt die sich so schnell vielleicht nicht wieder ergeben hätte. Das Verhalten des VfL Gummersbach gegenüber Jan Gorr lässt sich auf menschlicher Ebene nicht schönreden. Einen Monat vor dem geplanten Amtsantritt wird ihm mitgeteilt, dass er in Gummersbach als Trainer der Bundesligamannschaft nicht mehr gebraucht wird. Noch dazu scheint die Entscheidung für Emir Kurtagic (und damit gegen Jan Gorr) sehr kurzfristig getroffen worden zu sein. Es ist offen inwiefern dabei das angebliche Interesse anderer Bundesligisten an Emir Kurtagic eine Rolle gespielt hat. Jan Gorr hätte es verdient gehabt, dass man ihn in die Überlegungen mit einbezieht und nicht einfach vor vollendete Tatsachen setzt. Ich kann seine Verägerung ebenso verstehen wie die kritischen Stimmen aus dem Umfeld von Mannschaft und Fans des TV Hüttenberg. Zurecht wurde angemerkt, dass sich der VfL Gummersbach im Zusammenhang mit dem Wechsel von Patrick Wiencek zum THW Kiel auf ein sehr hohes moralisches Ross gesetzt hat von dem die handelnden Personen spätestens jetzt heruntergefallen sind.
Ob die Entscheidung für Emir Kurtagic als Trainer richtig war wird die Zukunft zeigen.