Dass die subjektive Auslegung des passiven Spiels nicht immer allen Beteiligten Recht ist, ist nicht neu. Allerdings habe ich bislang noch keine Alternativen gehört, die mich überzeugen konnte. Ich empfinde die momentane Regelung als sinnvoll, da sie lange Angriffe und Zeitschinden unterbindet und gleichzeitig die Möglichkeit bietet allen individuellen Spielsituationen gerecht zu werden - gerade weil die Shiedrsrichter jede Spielsituation individuell bewerten können.
Die Shot-clock wäre ein objektives Kriterium für die Länge des Angriffs, aber sie funktioniert nur im Zusammenspiel mit anderen Regeln bzw. deren Auslegung. Im Basketball verhindern persönliche Fouls und der Ausschluss des Spielers nach einer bestimmten Anzahl Fouls, dass die verteidigende Mannschaft durch ständige Fouls den Angriffsfluss des Gegners stört und so ein Ablaufen der Shot-clock bewirkt. Im Handball hingegen könnte man durch ein Foul kurz vor Ablauf der 35 Sekunden der angreifenden Mannschaft jede Chance zum Torwurf nehmen. Die einzige Möglichkeit dies zu unterbinden bestünde darin Fouls konsequenter progressiv zu bestrafen, wie es Meteokoebes bereits angedeutet hat.
Ein anderes Problem ist das Anhalten der Spielzeit. Im Basketball wird bei jeder Spielunterbrechung die Spielzeit und damit auch die Shot-clock angehalten. Im Handball ist dies jedoch eher die Ausnahme. Ein klassisches Beispiel. Ein Spieler wird beim Versuch zum Tor zu ziehen fest gemacht und sowohl Abwehr- als auch Angriffsspieler kommen dabei zu Fall. Tpischerweise belieben die Spieler nun zwei, drei Sekunden liegen und rappeln sich dann langsam wieder auf. Gleichzeitig rollt der Ball davon oder der Torwart spielt mit ihm rum. Ehe der Freiwurf ausgeführt wird vergehen locker zehn Sekunden. Momentan kein Problem, aber bei einer 35-Sekunden-Shot-clock, von der im Moment des Fouls vielleicht schon 15 oder 20 Sekunden abgelaufen waren, wären diese verlorenen zehn Sekunden viel zu lang. Würde man nun im Handball konsequent bei jeder Spielunterbrechung die Spielzeit anhalten, dann würden sich die Spiele deutlich in die Länge ziehen. (Das wäre in letzter Konsequenz auch nicht im Sinne der übertragenden Fernsehsender, die dann für ein Handballspiel noch mehr kostbare Sedezeit freiräumen müssten.)
Die Shot-clock würde meiner Meinung nach im Handball nur im Zusammenspiel mit weiteren massiven Änderungen funktionieren. Und da stellt sich mir die Frage, ob der vereinzelte Ärger über die Interpretation des passiven Spiels einen so großen Eingriff in die Sportart rechtfertigt.
P.S.: Meiner Meinung nach sind 35 Sekunden auch zu wenig für einen Angriff. Ich habe mir gerade die erste Halbzeit des Pokalfinales zwischen dem THW Kiel und dem VfL Gummersbach (Halbzeitstand 15:12) unter dem Gesichtspunkt der Auswirkungen des russischen Modells noch einmal angesehen. Von den 27 Toren, wären 12 Tore nicht gefallen, weil im vorangegangenen Angriffsspiel mindestens einmal die Shot-clock abgelaufen gewesen wäre. Insgesamt hätten 16 Angriffe wegen überschreiten der 35 Sekunden abgepfiffen werden müssen. Zum Vergleich: Es wurde in der ersten Halbzeit nur zweimal passives Spiel angezeigt und beide Male kam der Torwurf noch bevor die Schiedsrichter abgepfiffen haben. Von den 15 "regulären" Treffern wurden sechs Tore aus dem Tempogegenstoß oder der zweiten Welle innerhalb von zehn Sekunden nach Ballgewinn erzeilt. Aus dem Positionsspiel heraus konnten beide Mannschaften nur 9 Tore erzielen, bei denen nicht vorher die Shot-clock ihre Angriffe beendet gehabt hätte. Eine abgebrochene zweite Welle mit anschließenden Spielerwechseln verschlingt in der Regel 20 bis 25 Sekunden. Da bliebe nicht mehr viel Zeit für das Positionsspiel.