Interview
„Ich bitte um Zeit und Vertrauen“
Sead Hasanefendic, Trainer des VfL Gummersbach, fordert Kontinuität und glaubt, dass sich der Klub wieder Stars leisten muss. Der Handball-Coach über Perspektiven und Ziele.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Hasanefendic, das muss ja ganz schön gerappelt haben dieser Tage in der guten alten Eugen-Haas-Sporthalle . . .
SEAD HASANEFENDIC: Wieso?
Na ja, nach so einer Packung wie dem 31:38 zum Saisonstart in Stuttgart gegen Göppingen werden Sie als bekannt temperamentvoller Trainer doch nicht gleich zur Tagesordnung übergegangen sein.
HASANEFENDIC: Ach, wissen Sie, ich halte nichts davon, jetzt auf die Mannschaft einzuschlagen, und es gibt auch überhaupt keinen Grund, wütend oder traurig zu sein. Wir haben ein Spiel verloren, aber es kommen noch 33 andere. Uns fehlte etwas die Frische - es war ja unser viertes Spiel in drei Tagen . . .
Pardon, aber niemand wird gezwungen, so kurz vor Saisonbeginn an einem Einladungsturnier wie dem Schlecker-Cup in Ehingen teilzunehmen, geschweige denn, sich dort zu verausgaben . . .
HASANEFENDIC: Natürlich nicht, aber das war ja auch nicht meine Idee. Der Termin stand schon fest, als ich beim VfL anfing. Diese Verpflichtung mussten wir erfüllen, und mit einem B-Team konnten und wollten wir dort auch nicht antreten. Aber die fehlende Spritzigkeit war auch nicht der einzige Grund. Wir sind als Mannschaft eben noch nicht so weit. Ich bin überzeugt, wir werden immer besser und besser, aber wir brauchen auch noch Zeit.
Was für eine Reaktion erwarten Sie am Samstag von Ihrer Mannschaft?
HASANEFENDIC: Auf jeden Fall eine kämpferische. Alles weitere wird man sehen.
Das Zuschauerinteresse in Köln an den VfL-Heimspielen hat stark nachgelassen. Wie wollen Sie die Fans zurückgewinnen?
HASANEFENDIC: Mit guten Resultaten und spektakulärem Handball. Wir müssen es hinkriegen, dass wieder ein positives Klima im und um diesen Verein herrscht. Ich glaube fest an eine große Zukunft des VfL, deswegen bin ich hier, dafür arbeite ich mit meiner ganzen Power.
Etwas konkreter bitte - was ist in dieser Saison zu erwarten?
HASANEFENDIC: Ich kann mich jetzt nicht hinstellen und sagen: Wir werden Meister - das geht nicht. Ich kann auch nicht sagen: Wir schaffen die Qualifikation für die Champions League - auch das wäre nicht sehr realistisch. Aber soll ich sagen: Wir werden Fünfter, Sechster oder Siebter? Was soll denn das für eine Zielsetzung sein? Also sage ich es so: Wir wollen auf uns aufmerksam machen, im EHF-Cup, im Pokal, in der Liga. Mehr kann ich für diese Saison nicht versprechen. Und nächstes Jahr greifen wir dann ganz oben an.
Ist mit dem aktuellen Kader nicht mehr drin, ist die Mannschaft nicht stärker besetzt als im Vorjahr?
HASANEFENDIC: Okay, wir haben gute Leute hinzubekommen, aber der VfL hat auch Gudjon Valur Sigurdsson abgeben müssen, er war die Leitfigur, der Chef des ganzen Orchesters. Außerdem ist Abwehrchef Sverre Jakobsson nicht mehr bei uns, und Torhüter Goran Stojanovic fällt nach seiner Bandscheibenoperation erstmal aus - solche Leute ersetzt du nicht über Nacht.
Als Sie Alfred Gislasons Nachfolge antraten, stand der Kader für diese Saison schon längst fest . . .
HASANEFENDIC: Das stimmt, aber ich will mich nicht beklagen.
Sind Nachbesserungen nötig oder überhaupt möglich?
HASANEFENDIC: Erst mal nicht. Aber auf längere Sicht fehlen mir noch ein, zwei Elemente. Eine gute Flöte reicht nun mal nicht für ein ordentliches Orchester.
Der VfL hat zuletzt immer wieder Stars verloren - erst Yoon, dann Narcisse, jetzt Sigurdssson . . .
HASANEFENDIC: Ja, leider. Und er hatte in den vier Jahren zwischen meinem Abschied und meiner Rückkehr vier Trainer, obendrein wurden 29 Spieler in diesem Zeitraum ausgetauscht. Was ich damit sagen will: Der VfL braucht endlich Kontinuität. Und er braucht bei seinen Spielern mehr Klasse als Masse.
Aber das kostet auch . . .
HASANEFENDIC: Stimmt schon, aber der VfL muss auch seinem großen Namen wieder gerecht werden und sich Weltklassespieler leisten. Natürlich haben wir nicht die Möglichkeiten wie der THW Kiel, der kauft sich Karabatic, Omeyer, Lund und wen er sonst noch gerade haben will. Aber ein, zwei Ausnahmespieler sollten auch wir beim VfL besitzen. Ich habe jetzt 19 Spieler, lieber wären mir 14, wenn ich für die Differenz einen Karabatic bekäme.
Am Ende entscheidet nur die finanzielle Kraft eines Klubs über Kommen und Gehen solcher Spieler.
HASANEFENDIC: Moment mal, unser Etat ist auch nicht so schlecht - viereinhalb Millionen Euro, das sind neun Millionen Deutsche Mark! Aber weil andere mehr haben, müssen wir eben auch neue Wege gehen.
Sie sprechen die Handball-Akademie des VfL an?
HASANEFENDIC: Genau. Allerdings reicht es nicht, wenn man sich bei der Talentsuche auf die Region beschränkt, man muss das ausweiten, auf ganz Deutschland und sogar auf das Ausland. Und wenn es eines Tages aus einem Jahrgang nur einer in den 14-Mann-Kader bei den Profis schafft, wäre das super. Aber wir müssen die Akademie internationalisieren, sonst bringt das ganze Konzept nichts.
Was sagt die Klubführung dazu?
HASANEFENDIC: Ich habe das Gefühl, die Ohren sind offen dafür.
Bei aller mittel- und langfristigen Planung müssen aber auch Sie schnelle Resultate erbringen.
HASANEFENDIC: Solange wir noch personelle Defizite haben, müssen wir sie ausgleichen, indem wir mehr als hundert Prozent geben und härter als alle anderen arbeiten. Aber erstmal bitte ich um ein bisschen Zeit und vor allem Vertrauen. Alle großen Trainer - übrigens auch im Fußball - waren nur dort erfolgreich, wo man ihnen vertraute, und zwar über einen längeren Zeitraum; wo das Vertrauen fehlte, sind auch sie gescheitert, ob sie nun Mourinho, Trapattoni oder Cuper hießen.
Als Sie und der VfL vor vier Jahren den Vertrag miteinander auflösten, beklagten Sie im Interview mit dieser Zeitung eine Beschneidung Ihrer Kompetenzen durch die Klubführung, der es auch am Sachverstand gefehlt habe. Hat es ein Trainer mittlerweile leichter beim VfL?
HASANEFENDIC: Seitdem hat sich einiges geändert, mit Francois-Xavier Houlet (VfL-Sportdirektor, d.Red.) und Stefan Hecker (Geschäftsführer, d.Red.) komme ich gut aus. Mein Vorgänger Alfred Gislason hatte übrigens eine solche Vertrauensstellung im VfL, er hatte die besten Arbeitsbedingungen, obwohl am Ende der vergangenen Saison auch nur Platz sechs rausgesprungen ist. Ich möchte auch eine solche Position, aus der heraus ich dann auch Möglichkeiten zur Korrektur erhalte, wo ich freie Hand habe, um meine Vorstellungen von der Mannschaft zu realisieren. Aber zuerst mal muss auch ich gute Resultate produzieren, das ist schon klar.
Das Gespräch führte Christoph Pluschke
Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger