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Mit gebremstem Schaum
HANDBALL Rivalität zwischen Wetzlar und Melsungen brennt wieder auf kleiner Flamme
WETZLAR Zwischen Wetzlar und Melsungen liegen 125 Kilometer. Trotzdem sprechen alle von einem Derby, wenn die Bundesliga-Handballer aus beiden Städten aufeinandertreffen. Denn das Duell zwischen der HSG und der MT elektrisiert so wie ein Nachbarschaftsduell. Seit Jahren.
Am Freitagabend (19.45 Uhr) findet das Spiel der beiden einzigen hessischen Erstligisten zum 21. Mal im Oberhaus statt. Die Rittal-Arena ist ausverkauft. Und es wird knistern - wie bislang immer.
Denn gerade für die eingefleischten Wetzlarer Fans sind die Nordhessen nicht irgendein Gegner. Sie sind der Rivale schlechthin. "Natürlich ist das für uns das Spiel des Jahres", gibt Hans-Ulrich Moser vom HSG-Fanclub Grün-Weiss zu. Er betont aber, dass die meisten Anhänger der beiden Vereine untereinander ein lockeres Verhältnis pflegen. "Das ist nicht wie Frankfurt gegen Offenbach", sagt der bekennende Eintracht-Fan Moser. "Und das ist gut so."
Auch die Vereinsverantwortlichen legen Wert darauf, dass sie in einem guten Kontakt stehen. "Unter den Spielern, aber auch auf der Führungsebene besteht keine Rivalität", erklärt HSG-Geschäftsführer Björn Seipp und spricht vielmehr von einem "guten Miteinander", was sein Melsunger Pendant Axel Geerken bestätigt: "Wir klären viele Dinge im Einvernehmen", sagt der 43-Jährige, der als Spieler und Geschäftsführer insgesamt zwölf Jahre für Wetzlar aktiv war.
Dank ihres wirtschaftlichen Vorteils schaffen es die Nordhessen, ihre Top-Spieler zu binden
Trotzdem ist das Duell nach wie vor emotional aufgeladen. Und das liegt vor allem an der Vergangenheit. Schon zu Zweitliga-Zeiten in den 90er Jahren lieferte sich die damalige HSG Dutenhofen/Münchholzhausen heiße Kämpfe mit den Nordhessen. Seit deren Erstliga-Aufstieg 2005 setzt sich das eine Klasse höher fort. Vor allem die Spielertransfers zwischen den Clubs befeuerten eine ganze Zeit lang die Rivalität. Während Wetzlar Profis verpflichtete, die in Melsungen keine Zukunft mehr hatten, warb die MT in schöner Regelmäßigkeit Leistungsträger der Domstädter ab.
Savas Karipidis war der erste. "Wir konnten ihm finanziell nicht das bieten, was die Melsunger geboten haben", erinnert sich der damalige HSG-Manager Rainer Dotzauer. Ein Satz, der bei allen Abgängen der Grün-Weißen in Richtung Nordhessen fiel. Und für Zornesröte bei den Fans an der Lahn sorgte. "Wir sind in Wetzlar ja so ein bisschen als die Millionarios verschrien", seufzt MT-Trainer Michael Roth. Durch das Engagement der B. Braun Melsungen AG, dem Weltmarktführer für medizinische Produkte, sind die finanziellen Möglichkeiten des letztjährigen EHF-Pokalteilnehmers schon lange größer. "Das ist wirtschaftlich eine andere Hausnummer", meint Seipp, während Geerken glaubt, dass beide Vereine in Sachen Personaletat "gar nicht so weit auseinanderliegen".
Fakt ist: Melsungen schafft es seit geraumer Zeit, Topspieler langfristig zu binden und die Mannschaft punktuell zu verstärken, während die HSG zwar immer wieder Talente entdeckt und voranbringt, sie schlussendlich in den meisten Fällen aber nicht halten kann.
Die wirtschaftlich besseren Möglichkeiten des derzeitigen Tabellenvierten hängen eng mit Barbara Braun-Lüdicke zusammen. Sie ist Mitglied des Aufsichtsrats beim Hauptsponsor und Aufsichtsratschefin der MT Melsungen. Braun-Lüdicke hat ein großes Handball-Herz und traf vor fünf Jahren ihre wohl klügste Entscheidung. Sie lockte im Oktober 2010 Michael Roth zu ihrem Club, der aus den großen Möglichkeiten bis dato viel zu wenig gemacht hatte. Trotz gültigen Vertrags in Wetzlar wollte Roth unbedingt bei den in großen sportlichen Schwierigkeiten steckenden Melsungern anheuern. Zahlreiche Fans an der Lahn haben ihm den Weggang bis heute nicht verziehen. Er war damals der Hoffnungsträger bei den Grün-Weißen, der von jetzt auf gleich das Weite suchte - und dann auch noch zum Rivalen. "Ich kann verstehen, dass die Anhänger mir das übel genommen haben. Trotzdem haben beide Seiten damals davon profitiert", betont er. Denn die HSG, die im Herbst 2010 wirtschaftlich nicht auf Rosen gebettet war, erhielt eine nicht unerhebliche Abfindung. Und der 53-Jährige fand beim dreifachen DHB-Pokal-Halbfinalisten sein sportliches Glück. Er rettete den Club nicht nur vor dem Abstieg, sondern führte ihn in die Spitzengruppe der Bundesliga. Jüngst unterschrieb er einen Rentenvertrag bis 2020.
Der Wechsel des Trainers sorgte damals für so viel Aufruhr, weil er in eine Zeit fiel, in der kurz zuvor schon HSG-Linksaußen Michael Allendorf von den Nordhessen abgeworben wurde. Und wenig später auch Nikolai Weber bekanntgab, einen Vertrag beim hessischen Konkurrenten unterschrieben zu haben, den er aber im Februar 2011 wieder auflöste und schließlich in Wetzlar blieb.
So hitzig und giftig wie im Juni 2011 ging es zwischen den beiden Teams nie wieder zu
Doch auch so verlief Roths erste Partie als MT-Trainer in der Rittal-Arena hoch emotional. Beide Teams lieferten sich an jenem 4. Juni 2011 eine enorm intensive Auseinandersetzung. Die Atmosphäre war vergiftet. Roth wurde mit einem gellenden Pfeifkonzert begrüßt. Eine Seltenheit im Handball. Die HSG-Fans entrollten erstmals das Plakat "Lieber Grün-Weiß als Braun-Roth." Die Partie erlebte ein trauriges Ende. Kurz vor der Halbzeitpause brach ein Zuschauer mit einem Herzinfarkt zusammen und verstarb noch in der Rittal-Arena. Sämtliche Rivalitäten wurden umgehend beiseite geschoben.
So hitzig wie damals vor dem tragischen Unglück ging es nie wieder zu. Mit Samthandschuhen haben sich die Teams bei ihren Aufeinandertreffen dennoch nicht angefasst. Was in den beiden vergangenen Jahren auch an den Müller-Zwillingen Philipp und Michael lag - die vorerst letzten, die es von Wetzlar nach Melsungen zog.
Dass die Nordhessen jüngst nicht mehr bei der HSG "wilderten", ist eher Zufall. "Wenn es in Wetzlar interessante Spieler gibt, werden wir uns auch zukünftig damit beschäftigen", sagt Axel Geerken, der seine Fühler vor zweieinhalb Jahren mal nach Kevin Schmidt und in der vergangenen Saison nach Andreas Wolff ausgestreckt haben soll.
Vielleicht ist das Verhältnis in diesen Tagen aber auch deswegen so entspannt, weil es in beiden Fällen nicht zu einem Vertragsabschluss gekommen ist. "Ich finde es super, dass beide Mannschaften so eine tolle Saison spielen", sagt Geerken, der nach wie vor in Dutenhofen wohnt und dessen beide Kinder in den HSG-Jugendmannschaften aktiv sind.
Neulich, als Melsungen und Wetzlar in der Tabelle die Plätze zwei und vier belegten, sagte der ehemalige Torwart in einem Anflug aus Scherz und Übermut, dass Hessen in der Handball-Bundesliga das neue Schleswig-Holstein sei. Doch mittlerweile haben die Branchen-Riesen THW Kiel und SG Flensburg-Handewitt die Verhältnisse wieder geradegerückt. Ein Vergleich mit den beiden Nord-Clubs verbietet sich jedoch ohnehin. Denn das sind echte Rivalen.