Heiner Brand mit dem Jahresrück- und Ausblick

  • Brand im Interview
    WM-Film liegt unterm Weihnachtsbaum
    Von ALEXANDER HAUBRICHS

    Weltmeister. Trainer des Jahres. Die goldene Sportpyramide der Sporthilfe. Das Bundesverdienstkreuz. Dutzende PR-Termine, zig Interviews. Heiner Brand hat ein bewegtes Jahr hinter sich. Der Handball-Bundestrainer mit dem markanten Schnäuzer hat sich mit dem Triumph von Köln am 4. Februar selbst ein Denkmal gesetzt.

    Nun findet der bodenständige Oberberger Ruhe zu Hause. Bevor wieder der EM-Stress losgeht, gehört Weihnachten ganz der Familie.

    Herr Brand, die Feiertage stehen vor der Tür. Wie blicken Sie auf das Jahr 2007 zurück?
    Heiner Brand: Wir waren ja gestern noch mal mit der Mannschaft zusammen und konnten das alles ein bisschen Revue passieren lassen. Es war sicher das verrückteste, hektischste Jahr meines Lebens. Aber sicher auch eins der schönsten. Das waren natürlich unvergessliche Erlebnisse. Auch wenn es manchmal ganz schön stressig war und es einem manchmal zu viel wurde. Es hat sich gelohnt.

    Sie haben viele Auszeichnungen bekommen. Welche bedeutet Ihnen persönlich am meisten?
    Hmmm. Ich denke, die Sportpyramide. Die haben bisher nur ganz wenige. Franz Beckenbauer, Manfred Germar, Rosi Mittermaier, Max Schmeling. Dass ich in diesen Kreis gehöre, macht mich schon stolz.

    Die Begeisterung in ganz Deutschland und gerade in Köln war unglaublich. Konnte man damit rechnen?
    Nein. Sicher hatten wir geglaubt, mit einer guten WM etwas für den Handball-Sport zu tun. Aber dass es solche Ausmaße annehmen würde, damit konnte man nicht rechnen.

    Hatten Sie sich vor dem WM auch mit dem Scheitern befasst? Scheitern ist immer eine Möglichkeit im Sport. Aber da denkt man nicht drüber nach. Wir hatten einige besondere Maßnahmen ergriffen.

    Welche?
    Die Ruhe am Ammersee in der Vorbereitung etwa. Die intensive Zusammenarbeit mit Sportpsychologen, etwa mit Peter Boltersdorf oder Jörg Löhr. Die Musiktherapie. Dazu kam die Begleitung des Kamerateams, die den Film „Projekt Gold“ gedreht hat. Wir haben versucht, die Vorbereitung zu optimieren. Davon werden wir bei EM und Olympia auch profitieren.

    Die Fußball-Nationalmannschaft will jetzt auch von Ihnen profitieren.
    Ja, ich habe mit einem Mitarbeiter von Matthias Sammer gesprochen. Wir wollen uns da austauschen. Ich habe das eigentlich immer gemacht. Ich würde auch gerne mal zum 1. FC Köln gehen oder zu den Basketballern – einfach um auf neue Ideen zu kommen. Und solche Vorträge sind nicht schlecht – dass die Spieler mal was anderes erleben und nicht immer der olle Trainer vorne steht und was erzählt.

    Im Olympia-Jahr setzen Sie weiter auf die Weltmeister?
    Der Konkurrenzkampf ist schon da, aber sie bilden den Kern der Mannschaft für die EM.

    Was ist in Norwegen drin?
    Wir sind sicher in der Lage, jeden zu schlagen. Aber wir können auch gegen acht, neun Mannschaften verlieren. Es wird sicher spannend.

    Der Handball kam kürzlich aber auch negativ in die Schlagzeilen. Die Olympia-Qualifikation in Asien musste wegen Manipulationen neu angesetzt werden…
    Damit ist das für mich aber auch geregelt. Ich sehe nicht ein, warum wir uns in Deutschland damit in besonderem Maße befassen sollten. Wir haben hier unseren Handball, auch in Europa und da läuft’s. Asien ist ein anderer Kulturkreis, damit haben wir nichts zu tun. Man muss das aufarbeiten. Aber man sollte das Thema nicht zu hoch hängen und dem Handball am Ende noch Schaden zufügen. In Spanien und Frankreich macht man nicht so ein Aufhebens.

    Welche Auswirkungen hat der WM-Titel auf die Liga?
    Der Handball insgesamt boomt. Die Liga hatte schon vorher hohe Zuschauerzahlen. Nur in Magdeburg und Gummersbach sind sie runtergegangen – aus verständlichen Gründen.

    Was ist das Problem beim VfL?
    Der Schritt in die Kölnarena kam zeitgleich mit einem sportlichen Rückschritt durch den Verlust von Daniel Narcisse, wobei ich bis heute kein Verständnis für das Urteil der EHF habe, ihn aus seinem Vertrag zu lassen. Aber wenn du mit so einem Berater wie Bhakti Ong kooperierst, dann musst du auch die Nachteile in Kauf nehmen.
    Der VfL braucht aber so einen Spieler, um der Topverein zu sein. Wenn du ganz oben mitspielen willst, brauchst du einen Narcisse, einen Nikola Karabatic oder einen Pascal Hens. Aber mit Krantz und Klev hat man nicht annähernd Ersatz gefunden – das ist knappes nationales Durchschnittsniveau. Da ist Viktor Szilagyi, wenn er fit ist, für diese Gummersbacher Mannschaft eine Bereicherung.

    Neulich hatten Sie Fotoaufnahmen für Misereor, mit dem EXPRESS besuchten Sie die Kinder-klinik, sie engagieren sich in der Jo-Deckarm-Stiftung. Wie wichtig sind Ihnen diese sozialen Dinge?
    Eigentlich kommt man noch zu wenig dazu, etwas von dem weiterzugeben, was man als so genannte Person des öffentlichen Lebens bekommt. Ich versuche schon, das so oft wie möglich zu machen, bin Schirmherr des Kinderhospiz. Man versucht diesen Leuten zu helfen, um ihnen die Arbeit zu erleichtern.

    Ihr Freund Jo Deckarm ist seit fast 30 Jahren nach einem Unfall schwerbehindert. Wie oft sehen Sie sich?
    Zu selten. Wenn ich in Saarbrücken bin, besuche ich ihn immer. Früher habe ich ihn öfter hergeholt am Wochenende. Jetzt fehlt mir oft die Zeit. Wir telefonieren schon mal. Mein Kontakt mit ihm hilft mir, Dinge anders einzuschätzen. Man streitet sich über Nichtigkeiten, sorgt sich um finanzielle Dinge. Aber da merkt man, wie gut es einem eigentlich geht.

    Wie feiern Sie Weihnachten?
    Wir haben dieses Jahr gar keinen Weihnachtsbaum. Wir sind eh kaum zu Hause. Heiligabend sind wir bei meinem Sohn. Seine kleine Jonna ist jetzt anderthalb. Sie fängt jetzt an, mit mir zu telefonieren. Am ersten Weihnachtstag sind wir mit der Großfamilie zusammen, mit meinen Brüdern und dem ganzen Anhang, da kommt einiges zusammen.