Hamburger Morgenpost
Zensur bei "Beckmann"!
- Einstweilige Verfügung gegen NDR / Gesendet wurde nur die halbe Wahrheit
- Zoff mit geständigem Dietz / Ex-Telekom-Teamchef Godefroot offenbar belastet
JÖRG HEINRICH
Der Skandal wird immer größer: Am Montag schockierte das Doping-Geständnis von Ex-Radprofi Bert Dietz in der ARD-Sendung "Beckmann" die deutschen Sportfans (MOPO berichtete). Doch erst jetzt wurde klar: Einige der brisantesten Aussagen von Dietz wurden zensiert. Und mittlerweile darf die gesamte Sendung nicht mehr gezeigt werden, die Aufzeichnung verschwand im Giftschrank des NDR. Grund laut Informationen der MOPO: Dem Sender liegt eine einstweilige Verfügung gegen die weitere Ausstrahlung vor. Deren Urheber ist unklar, der Gedanke an Ex-Telekom-Teamchef Walter Godefroot ist aber zumindest naheliegend.
Aufmerksamen Zuschauern der Sendung fiel schon am Montag eine Tonstörung auf, die einen Dialog zwischen Moderator Reinhold Beckmann und Dietz unverständlich machte. Ein Leser des Internet-Sportblogs "allesaussersport.de" analysierte die fragliche Passage am Computer, entfernte elektronisch einen Pfeifton, der das Gespräch überlagerte. Ergebnis: Schwere Vorwürfe von Dietz an Godefroot wurden wieder klar verständlich.
NDR-Sprecherin Iris Bents bestätigte gestern: "Die Beckmann -Sendung am 21. Mai haben wir für kurze Zeit mit einem Piepton unterlegt, um den Gast vor möglichen strafrechtlichen Konsequenzen zu bewahren und um möglichen äußerungsrechtlichen Ansprüchen vorzubeugen. Veranlasst hat dies der Sender im Einvernehmen mit allen Beteiligten."
Wie die MOPO gestern erfuhr, kam es am Rande der Aufzeichnung des Interviews in Hamburg hinter den Kulissen zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Beckmanns Team und Dietz - vor allem aber mit einem mysteriösen "Freund", der den Ex-Radprofi begleitete und an dessen Namen sich gestern weder in Beckmanns Büro noch beim NDR jemand erinnern wollte oder konnte.
Nach der Aufzeichnung der Sendung zwischen 20 und 21.30 Uhr hatten Dietz und sein Begleiter offenbar kalte Füße bekommen, wollten entscheidende Stellen aus dem Gespräch entfernen lassen. Aus Zeitmangel bis zum Beginn der Ausstrahlung um 22.45 Uhr konnte die zentrale Godefroot-Passage nicht mehr herausgeschnitten werden - daher die technisch dilettantische Lösung mit dem Piepton.
Mittlerweile darf die Beckmann-Sendung mit Dietz gar nicht mehr gezeigt werden. Sie ist nicht, wie sonst bei jeder Ausgabe üblich, im Internet auf der Website des Ersten als Online-Video verfügbar. Und die geplante Wiederholung morgen um 10.15 Uhr in 3sat wurde ebenfalls gestoppt. NDR-Sprecherin Bents: "Eine Bedingung des Gastes, die wir akzeptiert haben, um die Fernsehsendung am Montag zu ermöglichen, war, sie nicht noch einmal auf 3sat zu zeigen. Der NDR hat also nicht die entsprechenden Senderechte für die Wiederholung der Beckmann-Sendung vom 21. Mai auf 3sat." 3sat bestätigte der MOPO dagegen gestern, dass tatsächlich eine einstweilige Verfügung vorliegt.
Wer wen unter Druck setzt im Radsport-Sumpf, wer dafür verantwortlich ist, dass Bert Dietz seine Aussagen nicht mehr wiederholt sehen will - das bleibt damit vorerst offen. Fortsetzung folgt.
Info:
Zur Person
Der Belgier Walter Godefroot (63) war von 1992 bis 2005 beim Team Telekom (später T-Mobile) Sportlicher Leiter. Als Aktiver verweigerte er beim "Paris-Tours" (1967) und beim "Fleche Wallone" (1974) Dopingtests. Disqualifikation 1974 bei der Flandernrundfahrt wegen Einnahme von Ritalin. Über seinen Ex-Schützling Bert Dietz sagte Godefroot in der "Berliner Morgenpost" "Dietz ist bezahlt worden, um das zu sagen." Eine eigene Verwicklung in den Skandal wies er zurück.
RUND UM DEN EKLAT
- SENDUNG Die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten halten trotz des Doping-Skandals an ihrer Berichterstattung fest. Dies gilt insbesondere für die Tour de France (7. bis 29. Juli). "Natürlich gibt es in unseren Reihen Überlegungen zu einem Ausstieg. Es gibt aber auch die Auffassung, dass ein Boykott genau jene schwächt, die sich für einen sauberen Radsport einsetzen", sagte ARD-Sprecher Peter Meyer zur MOPO.
- TERMIN Heute gibt das T-Mobile-Team in Bonn eine Pressekonferenz. Das ZDF überträgt live von 11.15 bis 12 Uhr.
- AUSSAGE Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) wird keine Mediziner der Uniklinik Freiburg für Olympia 2008 in Peking nominieren, die möglicherweise in die aufgedeckten Doping-Praktiken involviert waren.
- ANSAGE Fußball-Zweitligist SC Freiburg will trotz der Doping-Vorwürfe gegen den Sportmediziner Andreas Schmid (steht zusammen mit Lothar Heinrich im Fokus der Ermittlungen) an ihm als Mannschaftsarzt festhalten. "Die Dopingvorwürfe sind für uns unvorstellbar, haben mit Fußball nichts zu tun", so SC-Boss Achim Stocker.
- ZASTER Laut "Badische Zeitung" soll die Uni-Klinik Freiburg für ihre medizinischen Dienste jährlich 140000 Euro von T-Mobile kassiert haben.
- KONSEQUENZ Nach Berichten der "Süddeutschen Zeitung" denkt die Telekom über einen Ausstieg aus dem Radsport nach. "Die Frage ist, ob man glaubt, dass man den Radsport sauber kriegen kann. Wenn nicht, muss man Konsequenzen ziehen", sagte Stephan Althoff (Telekom-Sponsoring-Leiter).
- DEMENTI Jens Heppner (1992 bis 2002 Telekom-Profi) will vom systematischen Doping nichts mitbekommen haben. "Ich kann die Aussagen von Bert Dietz nicht bestätigen. Es scheint mir zum Teil gelogen", sagte der 42-Jährige.