Nach der allmählich ausklingenden Saison mache ich mir mal so meine Gedanken zur Entwicklung des VfL Gummersbach. Vorab - wenn hier und da kritische Anmerkungen bezüglich der Zukunft gestellt vorkommen, soll das Eines nicht in Frage stellen: Die Entwicklung der letzten Jahre, die aktuelle Situation sowie die Perspektiven sind im Moment so, wie wir sie uns als Fans sicherlich in den kühnsten Träumen nicht hätten vorstellen können. Dass der VfL auf einer gesunden sportlichen und augenscheinlich auch wirtschaftlichen Basis einen Angriff auf die nationale wie internationale Spitze wagen will, ist angesichts der Historie sensationell. Und dennoch stelle ich mir bezüglich der näheren Zukunft die eine oder andere Frage.
Kern meiner Überlegungen ist, ob mit dem quasi ausgerufenen Angriff auf die Champions League-Plätze nicht eine zu hohe Erwartungshaltung geschürt wird. Das Team ist stabil und organisch gewachsen, die Leistung verteilt sich auf etliche starke Schultern. Dennoch sehe ich es so, dass mit Julian Köster und Dominik Kuzmanovic die beiden zentralen Stützen den Verein verlassen. Dass dafür vielversprechende Neuzugänge kommen, ist richtig. Ob dies unmittelbar in eine so erfolgreich spielende Truppe umzusetzen ist, bleibt abzuwarten.
Mehrheitlich finde ich die Neuzugänge spannend. Mit Nikola Roganovic lotste man ein europaweit umworbenes Talent nach Gummersbach – super, aber dem jungen Burschen muss man Zeit zur Eingewöhnung zugestehen. Dies gilt umso mehr für Gardar Ingi Sindrason. Mit Isländern ist man mit Goggi als Trainer bisher bestens gefahren, aber der Sprung des Youngsters aus der isländischen Liga ist gewaltig. Wie sich Ignacio Biosca auf Anhieb einfügt, bleibt abzuwarten. Ich denke aber, für den wohl unvermeidlichen Abgang von Kuzma ist er ein solider Ersatz.
Wovon ich ganz offen gestanden überhaupt nichts halte, ist die Verpflichtung von Alex Dujshebaev. Mag sein, dass ich ihm mit einer Art „Sippenhaft“ wegen seines cholerischen Trainervaters und dem theatralischen Auftreten der beiden Brüder auf dem Spielfeld unrecht tue. Ein 33 Jahre alter „Superstar“ passt für mich nicht in die VfL-Strategie. Bei seinen bisherigen Stationen in Spanien (bis 2013) und insbesondere Mazedonien und Polen hat er stets in Ligen gespielt, in denen seine jeweiligen Topclubs nur in wenigen Saisonspielen wirklich gefordert waren. Nun spielt er erstmals in einer Liga, in der er Woche für Woche auf Topniveau performen muss und wo er zudem aller Voraussicht international spielt.
Da er meines Wissens zudem weiterhin in der spanischen Nationalmannschaft weitermacht, habe ich höchste Zweifel, ob er dies körperlich weitgehend verletzungsfrei übersteht. Wie er sich charakterlich in die bislang offenbar so harmonische Truppe einfügt, kann ich natürlich nicht sagen. Ich lasse mich da gerne eines besseren belehren, aber der vermeintliche „Königstransfer“ schürt bei mir erhebliche Zweifel.
Darüber hinaus sehe ich gravierende Herausforderungen in der Kaderbreite, sofern wir uns für die European League (oder gar doch noch CL) qualifizieren. Zum Einen bin ich erstaunt, dass die Mannschaft in einer Saison, in der auf Vereinsebene eine minimale Belastung mit ausschließlich 34 Ligapartien sowie zwei Pokalspielen herrscht, die Mannschaft offenbar am Ende „auf dem Zahnfleisch“ daherkommt (dabei gebe ich zu, dass mittlerweile fast alle Stammspieler als Nationalspieler nicht unerhebliche Zusatzbelastungen tragen).
Ohne den Modus der europäischen Wettbewerbe gerade detailliert im Kopf zu haben, kommen bei internationaler Beteiligung voraussichtlich zwischen 8 und 16 weitere Spiele hinzu – mit entsprechendem Reiseaufwand etc.. Das wir dann eine deutlich höhere Verletztenquote befürchten müssen als in der laufenden Saison, hat die vorhergehende Spielzeit gezeigt. Da reicht für mich ein Kader von derzeit 18 Spielern nicht aus. Dies ist besonders deshalb dramatisch, da kein Unterbau aus der Jugend/2. Mannschaft zur Verfügung steht.
Die A-Jugend steigt soeben als Herrenteam sang- und klanglos aus der 4. Liga ab(!!). Inwiefern aus der derzeitigen B-Jugend unter Umständen (notfalls) Ergänzungsspieler rekrutiert werden können, kann ich nicht einschätzen. Als wenig hoffnungsvolles Indiz nenne ich einmal, dass der derzeit durch die Verletzung von Julian Köster freie Kaderplatz nicht von einem Nachwuchsspieler besetzt wird, sondern frei bleibt. Aus meiner Sicht muss man hier über die Verpflichtung oder den Aufbau weiterer Kaderspieler dringend nachdenken. Zweitspielrechte mit den Nachbarn aus Ferndorf oder Dormagen könnten aus meiner Sicht Lösungsansätze bieten.
Soweit meine Gedanken ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit. Und nochmal, alle kritischen Anmerkungen sind „Luxussorgen“, die wir in den letzten fünfzehn Jahren gerne gehabt hätten. Ich bin gespannt, wie ihr die angesprochenen Punkte bewertet.