Liebes Handballtagebuch!
ZeeBee hat Respekt vor dem nächsten Gegner. Genauer genommen, ZeeBee hat Respekt vor Dilayla. Der Segen der Digitalisierung, bereits im Jugendbereich herrscht gewisse Transparenz. Über nuLiga sind die gegnerischen Torschützinnen zu finden bzw. lassen sich ggf. Talente aufspüren. Der Heimspielgegner Georgsmarienhütte vertraut auf die Tore von Dilayla, im Schnitt bereits 15 je Spiel. Und die junge Dame spielt erfolgreich im Nachbarverein noch in der B-Jugend Oberliga als Gast. Und ist auch noch im nächsthöheren Landesauswahljahrgang aktiv. Normalerweise bereitet sich ZeeBee in dieser Altersklasse nicht auf die Gegner gesondert vor, ein Bauchgefühl sagt aber, nun sei es soweit. "Wir spielen Sonntag eine Deckungsvariante, die wir noch nie geübt haben." In manchen Mannschaften müssen die Mädels etwas flexibler sein als in anderen Mannschaften. ![]()
Das Sauerstoffzelt steht bereit, der Defibrillator, der RTW... man ist nicht mehr der Jüngste und ZeeBee kann sich ausmalen, was auf der Bank los sein wird, wenn eine ungeübte Deckungsvariante dirigiert werden muss. Keine Hexerei, die - in der Liga und Altersklasse ohnehin exotische - Halbfeldmanndeckung soll bei Durchbruchversuchen hinter den Ball zurücksinken. ZeeBee hat die Deckung stets mit Skepsis betrachtet, heute scheint sie aber ein angemessenes Gegenmittel zu sein. Die sinkende Manndeckung dürfte als "Ausbildungsdeckung" gelten, heute soll sie als Waffe missbraucht werden. Nahezu jeder andere Trainer würde eine defensivere Grundaufstellung wählen. Aber jeder andere Trainer schreibt auch keinen Blog seit siebzehn Jahren. ZeeBee braucht noch etwas Frischluft, setzt sich vor die Halle und der Gegner rollt auf den Parkplatz. Die gesamte Mannschaft passt in einen Kleinbus. ZeeBee interviewt die Mädels nach ihrer Trikotfarbe und verwickelt den Trainer Thilo in ein Gespräch. Nichts deutet auf das kommende Drama hin.
Von Mannschaftsfotos kennt ZeeBee zumindest das Erscheinungsbild der jungen Ausnahmespielerin. Durchschnittlich groß, eher zierlich als kräftig, wird wohl über Technik und Schnelligkeit kommen. Dilayla kommt über Technik und Schnelligkeit. Mehrere Abwehrspielerinnen arbeiten sich an ihr ab, niemand kann sie wirklich beeindrucken. Und der Notfallplan, Hinten Mitte mit zusätzlicher Liberoaufgabe, geht auch nicht auf. Der Plan war es, Dilayla einstellig zu halten. Bereits zur Halbzeit (15:13 vorne) liegt sie bei zehn Treffern!
Zehn von dreizehn Tore... ZeeBees Ehre verbietet es, gegen eine einzige Torschützin im Mannschaftssport zu verlieren!
In der Pause wiederholt ZeeBee lediglich die Prinzipien, die für das heutige Spiel gelten sollen. Auch wenn sich die Aufgabe als noch schwieriger als gedacht herausstellt, eine defensivere Ausrichtung der Deckung kommt nicht in Frage. Hier geht es um das Prinzip. Das Prinzip bekommt ZeeBee gleich nach Anpfiff um die Ohren. Ausgleich. Die nächsten Minuten spielen die Teams auf Augenhöhe, Vorlegen, Ausgleich, Vorlegen, Ausgleich. Endlich mal zwei Tore vor. 20:18. Dann kommt unweigerlich der Durchhänger, mit vier von fünf Toren ist Dilayla am 5:0 Lauf der Gäste beteiligt und bricht den Gastgebern zehn Minuten vor Schluss mit 20:23 das moralische Genick.
Oder doch nicht? ZeeBee ist ja inzwischen Frauenflüsterer... Die kleinste Spielerin auf dem Platz, D-Jugendliche Emmie, trifft zum 21:23 und ZeeBee kann seine Mannschaft noch mal mobilisieren. Acht Minuten vor Schluss erzielt Kreisläufermaschine Nelli den Ausgleich.
Dann wieder das Spielchen Vorlegen, Ausgleich, Vorlegen... Die Mädels verwerfen zwei 7m, beim zweiten 7m hält die Torhüterin auch den Nachwurf spektakulär. ZeeBees Puls erreicht bedrohliche Höhen. Drei Minuten vor Ende wieder Ausgleich, kein eigener Treffer, dafür Balleroberung. Noch 150 Sekunden und das Momentum ist gerade bei ZeeBees Mädels. Ein letzter Personalwechsel für die crunch time, ZeeBee sagt den Wechsel an.
Zeitsprung zurück. Co-Trainerinnen Amina und Charlotte verkünden, dass sie Beide zeitgleich selber spielen. Allein auf der Bank birgt immer gewisse Risiken. ZeeBee überlegt, eine handballerfahrene Mutter mit auf die Bank zu setzen. Eine Oberligaspielerin der C I fragt vor dem Spiel, ob sie mit auf die Bank dürfe. "Du passt mir auf, dass die Mädels richtig wechseln!" ZeeBee kennt seine Pappenheimer und steht immer auf der Abwehrseite neben der Bank fern der Wechselzone. Ohne erfahrene Betreuerin ein Vabanquespiel.
Sonnenschein Anni steht auf, die Auswechselspielerin eilt Richtung Bank, urplötzliich vergeeht diee Zeeiit immmeer laangsaaameer innn ZeeeBeeees Waaahrneeehmuuuuuuuuuuuung. Die folgende Szene erlebt ZeeBee in der kommenden Woche noch hundert Male wieder und wieder, gefangen in seiner Höllenvision. Die Auswechselspielerin ist noch zwei Schritte von der Bank entfernt, Anni läuft strahlend auf das Spielfeld, ZeeBee schreit in Gedanken "NNNNNEEEEEEEEEEEEEIIIIIIIIIIIIIIIIIINNNNNN!", blickt nach links, wo wenige Schritte entfernt der Feldschiedsrichter in Richtung seiner Position läuft und in Banknähe alles mitbekommen hat. ZeeBees Puls erreicht rekordverdächtige Höhen, die Weichbodenmatte hinter der Torauslinie muss dafür herhalten, dass ZeeBee doch keine handballerfahrene Mutter mit auf die Bank gesetzt hat. Zeitstrafe, Wiederanpfiff an der Bank, Tore 16 und 17 von Dilayla, Nelli erzielt in Unterzahl den Anschlusstreffer und etwa zehn Sekunden vor Schluss hat Torhüterin Ronja noch mal den Ball. Zehn Sekunden für den Ausgleich! ZeeBees Puls ist inzwischen so hoch, dass die Nervenbahnen in Mitleidenschaft gezogen sind und das Team Time Out nicht im Entferntesten in den Sinn kommt. Stattdessen fordert ZeeBee Tempo, Torhüterin Ronja checkt die Lage, sondiert die Möglichkeiten, holt aus... und prügelt die Kugel ins Niemandsland der gegnerischen Hälfte.
Whatever… ZeeBee eilt zur niedergeschlagenen Anni. ![]()
Dein
Karsten