Liebes Handballtagebuch!
ZeeBee ist unzufrieden. Dem ausbildungsfeindlichen Spielbetrieb ohne klare höchste Liga ein Schnippchen schlagen wollend, hat ZeeBee die weibliche D-Jugend nun schon in die zweithöchste Jungsliga gemeldet. Vor jedem Spiel beschwören, dass es um die Ausbildung und nicht das Ergebnis geht. Selbst wenn ein Spiel mal verloren gehen sollte oder es eine Klatsche gibt, die individuelle Ausbildung stehe im Vordergrund. Und dann das. Vom ersten Gegner kommt keine Gegenwehr. Der zweite Gegner wehrt sich nicht. Der dritte Gegner wehrt sich immerhin eine Halbzeit lang, um dann einzubrechen. Dann endlich das Spitzenspiel der beiden Statistikkönige der Liga. Die Jungs vom HSV Nordstars sind deutlich körperlich überlegen und ganz offenkundig eine Liga zu tief gemeldet. Immerhin bekommen die Jungs nun erstmals eine Herausforderung und müssen sich ihren 27:21 Sieg schon erarbeiten. Das Rückspiel möchte ZeeBee dann aber gewinnen. Die Eltern der Bengels sind jedenfalls begeistert, dass ausgerechnet eine Mädchenmannschaft Paroli bietet und dagegenhält.
Nicht alle finden den Schachzug mit einer Mädchenmannschaft in der Jungsliga lobenswert. Der Jugendwart des Regionsverbands zieht über die Dörfer und pöbelt. "Gibt man den Vereinen ein kleines Schlupfloch in den Bestimmungen, wird das gnadenlos ausgeschlachtet!" ZeeBee fragt sich, ob er für eine "gemischte D-Jugend" einen kleinen Jungen als Maskottchen ins Spielprotokoll eintragen und auf die Bank setzen muss.
Und in wessen Verantwortungsbereich fällt es eigentlich, einen Spielbetrieb zu organisieren, in dem Talentförderung möglich ist? Oder hätten ZeeBees Mädels die D-Jugend des Heimvereins eben jenes Funktionärs nicht mit 34:7 düpieren dürfen? ![]()
In Spiel Nr. 5 wehrt sich der Gegner wieder eine Halbzeit, bricht dann ein. Spiel Nr. 6 ist die weiteste Auswärtsfahrt mit knapp einer Stunde Anfahrt. Es ist nass, es ist kalt und die Halle ist noch nicht aufgeschlossen. Vor der Halle stehen vorerst sieben Mädchen und zwei oder drei Jungs mit Eltern. Die übliche Verwunderung.
"Hier ist gleich ein Jungsspiel!"
"Jo... wissen wir."
Die Mädels daddeln in der Halle rum. Etwas verspätet trudelt Torhüterin Lina ein. Eine dicke bunte Beule ziert die Stirn. Stammt -inklusive Gehirnerschütterung- vom Montagstraining. Nicht, dass ZeeBee die Verletzung mitbekommen hätte. Hat sie sich schließlich beim Duschen zugezogen. Oder so. ZeeBee will keine Details wissen. Zum Glück ist vom gerüchteweise riesigen Horn nur noch ein Bruchteil verblieben.
Die Gegner sind zu siebt, ZeeBees Mädels zu acht. Die Daddelei wird nach der Spielvorbesprechung eher fortgeführt, statt sich "ordentlich" warmzumachen. Anpfiff... und irgendwie nimmt das mit der Daddelei immer noch kein Ende. Dreieinhalb Minuten gespielt, die Mädels führen 1:2 bei verschenkten Chancen für ein 1:5 oder mehr... ein Biegler'sches Team Time Out muss her. Kurze Besprechung. Von der Tribüne:
"Und? Hast Du sie ordentlich zusammengeschissen?"
"War gar nicht nötig. Ab jetzt wird es ja laufen."
Und gleich der nächste Pass geht in die Botanik. ZeeBee verdreht die Augen, ab dann läuft's. Ein kleines Mädchen auf der Tribüne beweist Handballverstand.
"Ich glaube, die Mädchen gewinnen."
Einer von ZeeBees Handballpapas ist mit der Torquote seiner Tochter unzufrieden. Früher selbst höherklassig aktiv, kommen nun immer wieder Regieanweisungen an die genervte Spielerin, wie sie sich in Szene zu setzen habe. Normalerweise ist die Tribüne außerhalb ZeeBees Hörweite. Heute nicht. Im nächsten Team Time Out zur Spielerin:
"Und wenn der Zweittrainer auf der Tribüne nicht bald Ruhe gibt, haue ich ihn um."
Die Spielerin lächelt erleichtert. Papa hat nur Bruchstücke verstanden.
"Was hat er gesagt?"
"Ich sagte:
Und wenn der Zweittrainer auf der Tribüne nicht bald Ruhe gibt, haue ich ihn um."
Nach dem Spiel einigt man sich auf eine zukünftige grundlegende Neuverteilung der Coachingaufgaben zwischen Trainerbank und Tribüne.
6:21 Führung zur Halbzeit. Wichtige Kabinenbesprechung, denn ZeeBee stellt nun erstmals auf die zuletzt im Training geübte Raumdeckung um. Die Mädels haben ganz andere Sorgen. Bei bislang 21 erzielten Toren ist das nahe Kistentor bei "30" doch keine Herausforderung mehr. Es wird auf die "40" hochgeschraubt. ZeeBee weiß von der "self nonfulfilling prophecy" und bietet großzügig an, selbst für die Kiste aufzukommen. Die Mädels jubeln, haben offenbar das mit der Umstellung von Mann- auf Raumdeckung auch noch nicht bis ins letzte Detail durchdrungen. ![]()
Die zweite Halbzeit wird eine logistische Herausforderung. Der Gegner ist ohne Auswechselspieler angetreten. Bei verletzungs- oder erschöpfungsbedingter Unterzahl nimmt ZeeBee ebenfalls eine Spielerin für ein 5:5 Verhältnis vom Feld. Die zunehmend frustrierten Bengels nehmen ihre unterlegene Rolle recht humorlos und werden allmählich ruppiger. Die zeitstrafenbedingte Überzahl spielt ZeeBee 6:5 aus, muss aber immer wieder nachfragen, ob gerade ein gefrusteter Spieler bockig mit taktischer Verletzung oder doch mit Zeitstrafe auf die Bank gelaufen ist. Die Umstellung auf Raumdeckung geht dagegen voll auf, in den zweiten zwanzig Minuten kassieren die Mädels nur noch zwei Gegentore. Aus dem Kistentor wird natürlich nichts, die Quote der Balleroberungen hat wenig überraschend abgenommen. ![]()
Und jetzt das! Der Spielwart mailt rum, der bislang einzige ernstzunehmende Gegner in der Liga habe zurückgezogen! Der Höhepunkt der Saison, die Revanche, ist damit dahin. ZeeBee hat allerdings einen schleichenden Verdacht und schaut in die Ligaübersicht. Aus der höchsten Liga wechselt eine dort überforderte Mannschaft nach unten und tauscht mit den Nordstars die Liga. Eine sportlich sehr sinnvolle Maßnahme... den Stein ins Rolle gebracht hat ZeeBee gegenüber der befreundeten Trainerin der nun nach unten wechselnden Mannschaft. Muss die Revanche eben im Trainingsspiel erfolgen, dafür aber toller Schachzug der Staffelleiterin!
Völlig überraschende Kritik kommt aus dem eigenen Lager. Der Trainer der männlichen D-Jugend, nun um zwei Punkte aus einem glorreichen 34:12 beraubt, schießt aus vollen Rohren in den E-Mail Verteiler: "Winkelzug am grünen Tisch", "den größten Widersacher aus dem Weg geräumt", die weibliche D-Jugend tue ihm leid...
Großes Erstaunen. ZeeBee versteht das als hingeworfenen Fehdehandschuh:
ZitatZu viele Haschkekse zu Halloween genascht?
Erstens haben wir keine "Widersacher", was auch immer das sein soll. Zweitens ist das eine sportlich tolle Lösung, da beide Tauschpartner vollkommen falsch gemeldet waren. Drittens habe ich nur die Idee in den Raum geworfen. Hätte ich - wie unterstellt- der Staffelleiterin ein Angebot gemacht, das sie nicht ausschlagen konnte, wären die Schaumburger Bengels eine Liga tiefer gelandet.
Leid darf Dir die weibliche D insoweit tun, als dass mein Einschätzungsvermögen versagt hat. Als Ihr rumgejammert habt, die Regionsoberliga sei zu hoch für die Westendboys, hätten die Westendgirls tauschen und als männliche D I ins Rennen gehen müssen. Cojones scheinen hier ja ungerecht verteilt zu sein.
Noch viel Spaß mit den Keksen.
Zwei Tage später treffen sich männlich D-Trainer und weiblich D-Trainer erstmals wieder in der Halle. ZeeBee ist offen für das volle Spektrum von Beleidigungen und Konterbeleidigungen.
"Friede?"
"Jo."
Kurze Umarmung. Training kann losgehen.
Dein
Karsten