Liebes Handballtagebuch!
Bob ist schuld! Dutzende graue Haare mehr, kratzender Hals, Blutdruck weit jenseits des Messbaren. Bob ist schuld! Vor einer Woche noch hat ZeeBee beim Trainerlehrgang Bob Hannings Vortrag zur "Aktiven Unterzahlabwehr" verfolgt. Wesentlich weniger systematische Herangehensweise als die Feldmann'schen Unterzahlformationen der 4:1, 3:2 oder des "weakside pressing", dafür aber mit dem Flair des ganz Außergewöhnlichen. Die Spielerinnen, die so instinktiv, antizipativ, kreativ und spontan verteidigen können, müssen Handball richtig verstanden haben. Womit könnte man das Training dieser aktiven Unterzahlabwehr rechtfertigen, wenn doch Unterzahl relativ selten vorkommt (außer bei einem gewissen Vater-Tochter-Schierigespann, s.o.)? Da gab es doch eine handballähnliche Sportart im Sand in ständiger Unterzahlabwehr und ein großes Turnier in Cuxhaven... in einer Woche!
Zeit genug, um diese höchst anspruchsvolle Deckungsweise mit einer weiblichen C-Jugend umzusetzen. ![]()
Mit wie vielen Spielerinnen und Betreuerinnen würden Christina und ZeeBee zum Turnier fahren? Mittels einer Mailumfrage ermittelt ZeeBee von den Eltern die Teilnehmerzahl. Lara sagt gar nicht erst zu, der Landesauswahltrainer hat sie gebeten, wegen eines Auswahlturniers das Wochenende freizuhalten. Hmpf... das könnte noch zwölf weitere Spielerinnen betreffen.
Die endgülige Zahl ist ermittelt, dann kann ZeeBee ja die Teilnehmerzahl melden. Dann greifen jedoch die Gesetze der Bistr-O-Matik:
ZitatDie erste nichtabsolute Zahl ist die Anzahl der Leute für die ein Tisch reserviert wird. Sie wird sich im Laufe der ersten 3 Telefonate ständig verändern und dann keine erkennbare Beziehung zur Anzahl der Leute haben, die wirklich dort aufkreuzen, die später noch dazukommen, oder die wieder weggehen,wenn sie sehen wer noch alles gekommen ist.
Die zweite nichtabsolute Zahl ist die angegebene Ankunftszeit, die inzwischen als einer der bizarrsten mathematischen Begriffe bekannt ist, nämlich als Reziproversexklusion, eine Zahl, deren Existenz nur so definiert werden kann, daß sie alles andere als sie selbst ist.
Außer Lara bekommen Tahia, Luisa W., Anabel und Mia eine Einladung vom Landesverband für das Auswahlturnier. Wenigstens nur fünf Auswahlspielerinnen weniger... Auf dem Parkplatz vor der Halle bekommt ZeeBee zufällig mit, dass die angemeldete Melisa nun doch nicht mitkomme, die Spielerin aus der dritten C-Jugend kommt aber nie auf den Gedanken, sich bei ZeeBee abzumelden. Nach der Anprobe der Beachtrikots findet ZeeBee Luisa K. auf der Liste wieder. Ein Vergleich mit der Teilnehmerliste ergibt, die Spielerin hat sich nie angemeldet. ZeeBee erfährt zufällig, dass das Mädchen sich selbst als angemeldet wähnt. Tahias Vater meldet seine Tochter von der Auswahlmaßnahme ab mit der Begründung, sie würde lieber mit ihrer Austauschschülerin zum Beachturnier fahren. Die Antwort des Auswahltrainers kommt ZeeBee in Kopie per Mail als Rowling'scher "howler".
ZeeBees Spielerin hat sich damit ein Jahr Urlaub von der Auswahl verdient. Pia D. aus der B-Jugend möchte als Betreuerin mitkommen, ihr Trainer meldet ihre Mannschaft jedoch kurzfristig für ein Rasenturnier an. Marlene wird kurzfristig krank und möchte vielleicht nachkommen. Donnerstag schaut Alessia vom Nachbarverein zum Probetraining vorbei und muss erst einmal enttäuscht feststellen, dass ZeeBee keine Hörner, keinen Pferdefuß und keinen Schwanz am Hinterteil hat, wie man es ihr in ihrem alten Verein berichtet hat. Sie kommt spontan am Folgetag mit zum Turnier. Inzwischen weiß ZeeBee nicht mehr, wie viele Mädchen tatsächlich teilnehmen werden, da einige angemeldete Spielerinnen auch die Auskunft über ihre Fahrgemeinschaft verweigern und gar nicht klar ist, ob sie ggf. abgeholt werden müssen. ![]()
Donnerstag übt ZeeBee noch mal die aktive Unterzahlabwehr. Zur Ballseite verschieben, aber stets die Passwege bedrohen, gegen Abräumen notfalls mal ein taktisches Foul und die Ballfalle bei Ballbesitz Außen... soweit die Theorie. ZeeBee übt die Deckung im zweimal drei gegen drei mit einem Läufer: Tor, Gegentor, Tor, Gegentor, Tor, Gegentor, Tor, Gegentor, Tor, Gegentor... so effektiv hat ZeeBee noch niemals in über fünfundzwanzig Jahren als Trainer Überzahlspiel gesehen.
Im Sand gelten aber bestimmt andere Gesetze. Während des Trainings reicht Handballmutter Katrin Fahrzeugpapiere und Autoschlüssel rein. Sie verleiht freundlicherweise ihren Bulli für das Turnier. Nach dem Training tritt ZeeBee in freudiger Erwartung aus der Halle, in der Suche nach seinem Bluesmobil. Wie würde es wohl aussehen? ZeeBee trifft der Schlag: Matt schwarz, schwarze Felgen, die hinteren Scheiben abgedunkelt. Kein Bluesmobil, ZeeBee fährt nach Cuxhaven im
Black Metal Mobil! ![]()
Morgens schubst ZeeBee einen Teil der CD Sammlung vom Regal in einen Schuhkarton. Eine Scheibe darf auf keinen Fall fehlen.... Im Wagen wirft ZeeBee die CD in den Höllenschlund des Black Metal Mobils:
ZitatAtomic force, feel no remorse
Crank up the amps now it's night
BLACK METAL![]()
lay down your soul to the gods rock `n' roll
Sämtliche Schutzengel des Fahrzeugs schrecken auf, drehen ab, schlagen ein Kreuz und verschwinden in die nächste Kneipe, während sich ZeeBee noch kurz das traditionelle Vor-Turnier-Beruhigungs-Sushi gönnt. Auf der Hinfahrt holt ZeeBee seinen potenziellen Neuzugang Alessia ab. Härtetest: Dreizehnjähriges Mädchen, neuer Trainer, zwei Stunden Fahrt und das Black Metal Mobil. ZeeBee überlegt kurz, sie vor die Wahl zu stellen: Freiwillige Konversation oder eben laute, teuflische Rockmusik. Bevor Alessia aber freiwillig aus dem fahrenden Wagen springt, überlässt ZeeBee die Konversation dem Zufall. Erfahrungsgemäß verfügen in dem Alter die sonst so redegewandten Mädchen urplötzlich nur noch über ein Höhlenmenschenvokabular. Auf ZeeBees Fragen kommen mehrsätzige Antworten und etwas zögerlich sogar mal Gegenfragen. ZeeBee ist begeistert und überlässt die Musikwahl dem Zufallsprinzip ohne Foltervorsatz. Nach Manowars "Sign of the Hammer", Metallicas "Creeping Death/Jump in the Fire" und Savatages "Gutter Ballet" ist Alessia sicher froh, dem Black Metal Mobil zu entrinnen. ZeeBee ist überzeugt, die Spielerin kann dieses Wochenende nichts mehr umhauen. ![]()
Vor Ort errichten die Eltern der Mädels die Zeltstadt am Deich und Christina und ZeeBee teilen fünfundzwanzig Mädchen aus drei verschiedenen Badenstedter C-Jugenden in zwei gleichstarke Mannschaften ein. Torhüterin Vicki erfährt mit Entsetzen, dass sie als Feldspielerin eingeplant ist; die Variante mit "Spezialistin" im Tor ist dem Trainergespann zu langsam. Danach nimmt sich das Trainerduo der Salzwegkrabben eine Auszeit und fährt für eine Fischmahlzeit in die "Schlemmerpfanne", unwissend, dass in einem Nachbarraum dort die gesamte mitgefahrene Elternschaft speist. ![]()
Zu später Stunde das übliche Turnierritual: Der Bewegungsradius wird nach und nach eingeschränkt, ebenso der Lautstärkepegel sowie die Anzahl der Gäste durch hormongepeitschten Bengels von den Nachbarzelten. Als schließlich völlig überraschend durch vorherige Ankündigung eine halbe Stunde zuvor der Bewegungsradius auf das eigene Zelt beschränkt ist, fragt sich die halbe Mannschaft, wie das Zähneputzen im Zelt möglich sein soll und was sich die Trainer dabei gedacht haben.
Schon Stunden zuvor war die weibliche E-Jugend hinter ihren Trainerinnen im Gänsemarsch geschlossen zum Zähneputzen marschiert. ZeeBee macht sich eine Notiz für spätere Turniere mit der C-Jugend. Nachdem schließlich der Lautstärkenpegel auf "null" reduziert ist, müssen einige Mädchen zu ihrem Entsetzen feststellen, dass sie das schallisolierte Zelt zu Hause gelassen haben und ihr Gekicher, Gegacker und Gegrunze sehr wohl nach außen durch die Zeltwände dringt und die Zeltwand auch Konversationsfetzen darüber, wer wem gerade in den Nippel gekniffen hat, durchlässt. Irgendwann ist ZeeBee der ständigen Ermahnungen leid und verzieht sich in das Black Metal Mobil, zwar in der richtigen Annahme, dass dort Ruhe herrscht, aber in dem Irrtum, in einem Bulli mit Rücksitzen ließe sich irgendwo eine vernünftige Schlafposition finden.
, not!
Fortsetzung folgt
Dein Karsten