Ich stehe in einem seltsamen Raum. Rote schwere Vorhänge an den Wänden, eine rote Couch, der Fußboden ebenfalls rot, keine Tür, keine Fenster. Auf der Couch sitzt ein Zwerg im roten Frack mit Glatze und starrt mich an. Er spricht zu mir. Ich verstehe kein Wort, denn die Worte klingen rückwärts gesprochen. Neben ihm sitzt eine attraktive junge Dame in einem Abendkleid. Rot. Was sonst. Sie steht auf, geht auf mich zu, fordert mich zum tanzen auf. Ich zögere, denn die tiefe Bassstimme irritiert mich. Außerdem fehlt die Musik. In der Ecke steht zufällig ein Streichquartett und stimmt einen Walzer an. Eine Ziege streicht an meinen Beinen vorbei, tritt mir – scheinbar absichtlich – mächtig auf den linken Fuß, stellt sich neben die Couch und lässt sich von dem Zwerg mit der Füllung eines Kissens füttern. Ich überlege noch, wann David Lynch seinen letzten Film gedreht hat und ob ich den gesehen habe, da fasst meine Tanzpartnerin meine Hand und zieht mich kraftvoll zu ihr ran. Natürlich führt sie, ich habe keine Wahl. Einszweidrei...vier – einszweidrei...vier – einszweidrei...vier. Irgendetwas stimmt nicht. Hier ist etwas falsch. So geht das nicht. Ich wehre mich verzweifelt gegen den Tanz. Gegen den Takt. Gegen den Alptraum.
Sonntagmittag, Heimspiel in der ungeliebten Ausweichhalle in Roderbruch. Für einen Moment war ich irgendwie abwesend. Woanders. An einem merkwürdigen Ort, wo ungewöhnliche Dinge geschehen, die einem den Verstand rauben könnten.Aber nun bin ich wieder am Spielfeldrand, zu Hause quasi, die C-Jugend spielt gegen den Tabellenzweiten, der sich bislang nur den übermächtigen Badenstedterinnen hat beugen müssen und ich habe noch das Gefühl von heute morgen im Bauch: „Aue verliert heute bei uns.“ Bothfeld im Angriff, Rückraum Rechts hat den Ball, wird nicht bedrängt, geht in die Stoßbewegung, Pfiff, der Schieri dreht die Arme umeinander, Freiwurf Aue. Ungefähr unser ZWANZIGSTER SCHRITTFEHLER HEUTE IN EINEM SPIEL DER HÖCHSTEN SPIELKLASSE! Aus einer anderen Sphäre höre ich plötzlich Musik. Ein Walzer. Einszweidrei...vier – einszweidrei...vier. Der Alptraum ist noch da.
„Heute schlagen wir Aue!“ Die Liebenauer Mädchen halten sich diese Saison souverän auf Platz zwei. Im Hinspiel hatten wir in der zweiten Halbzeit noch einen Hoffnungsschimmer, das Spiel nach sechs Toren Rückstand drehen zu können. Drei Haupttorschützinnen, alle nebeneinander spielend, das muss besser zu verteidigen sein! Also diesmal von Anfang an mit einer 3:2:1. Recht spät treffen die Liebenauer Mädchen in der Halle ein. Von Trainer Ralph noch keine Spur, der noch arbeiten muss und später kommen wird. Aue startet merklich verunsichert in der Begegnung, Bothfeld legt einen sensationellen Start hin: 5:1, 11:6. Sperre / Absetzen, Einlaufen, 1-gegen-1, Karo hält an ihrem Geburtstag bombastisch. Alles gelingt, es ist nur noch eine Frage, wie hoch wir heute gewinnen werden. Mitten in den Bothfelder Lauf platzt Ralph Grabisch und übernimmt auf der Trainerbank, die Gäste gewinnen an Sicherheit. Kein Problem, den Stiefel noch runterspielen, bei fünf Toren Vorsprung müssen wir nur noch konstant weiterspielen.
Plötzlich gibt eine Spielerin das verabredete geheime Zeichen auf dem Spielfeld und eine Spielerin nach der anderen verlernt das Handballspielen, macht unbedrängt Schrittfehler. Liebenau löst weiterhin gewohnt in jedem Angriff an den Kreis auf. Bislang verteidigen wir das erfolgreich, dann macht der Mittelblock plötzlich jedes mal genau das Gegenteil von der Anweisung beim Spiel gegen zwei Kreisläufer, sinkt vor Ehrfurcht vor den Rückraumspielerinnen zurück und der Gegner kann sein Zwei-Kreisläuferspiel wie in einem Trainingsspiel gegen eine E-Jugend ausspielen: 11:6... Pausenstand 13:13.
In der zweite Hälfte knüpfen die Mädchen genau da an, wo sie aufgehört haben, streuen zur Abwechslung noch ein paar unbedrängte Fehlpässe zum Gegner ein. Fünf-Tore-Vorsprung zum Ausgleich zum Vier-Tore-Rückstand. Die Abwehr lässt Madita, die nun ins Tor gewechselt ist, gleich von Anfang an im Stich und gar nicht erst ins Spiel kommen, so dass Karo wieder ins Tor kommt, die sich aus der ersten Halbzeit noch ein wenig Lust auf Handball in die zweite Hälfte retten konnte. „WEN SOLL ICH DENN NUN NOCH EINWECHSELN, DIE DIE SCHRITTREGEL BEHERRSCHT?!“ Im Liebenauer Team-Time-Out fällt mir keine konstruktive Kritik ein. Um im Angriff Anweisungen geben zu können, müssten wir uns überhaupt mal ins Postionsspiel retten, ohne dass wieder ein Schrittfehler abgepfiffen wird. Zum Glück lässt sich Aue ein wenig von der Hektik anstecken, Karo hält noch ein paar Bälle und wir kommen sechs Minuten vor Schluss wieder auf zwei Tore ran. Grüne Karte Bothfeld. Keine Anweisungen, nur noch ein Appell an den Kampfgeist. Kurz vor Schluss nur noch ein Tor Rückstand und Unterzahl des Gegners. Offene Manndeckung plus Libero, um noch den Ausgleich zu holen. Vier Mädchen gehen in die Manndeckung über, eine schläft, Durchbruch, Paula greift ein, 7m plus Zeitstrafe. Gegentor, wir holen noch mal ein Tor auf. Ein höchst ungewöhnliches Spiel endet 30:31, Karo hätte zum Geburtstag einen deutlichen Sieg verdient gehabt, der nicht ganz unrealistisch war. Und ich höre von weit entfernt leise einen merkwürdigen Walzer.