Dritter Versuch hat geklappt
OVZ-Interview mit dem neuen VfL-Trainer Alfred Gislason
Seit dem 17. Juli laufen beim VfL Gummersbach die Vorbereitungen für die Saison 2006/07. Neuer Cheftrainer ist Alfred Gislason. Über seine ersten Eindrücke in Gummersbach und die Saisonerwartungen sprach Dieter Lange mit dem Isländer.
Frage:
Sind Sie in Gummersbach schon angekommen?
Gislason:
Danke, ich wohne mit meiner Frau zwar im Augenblick noch im Hotel, aber am 1. September werden wir und unsere beiden noch nicht erwachsenen Kinder ein Haus in der Nähe von Rösrath beziehen. Die Nähe zu Köln war ein Kompromiss an die Kinder, die in der Nähe Kölns die größeren Wahlmöglichkeiten für die Schule haben. Ansonsten gefällt es mir aber sehr gut in Gummersbach.
Frage:
Und sportlich?
Gislason:
Ich habe einen sehr positiven Eindruck von der Mannschaft, die ist sehr motiviert und man merkt es, die will sportlich was erreichen.
Frage:
Wo lag bisher der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?
Gislason:
Bisher haben wir sehr viel für die Kraft und Ausdauer getan. Diese Grundlagen sind wichtig, weil mir beim VfL ein anderes Spielsystem vorschwebt. Wir müssen einen schnelleren Handball spielen und unsere Angriffe direkt aus der Abwehr starten. Das war bisher nicht gerade die Stärke des VfL.
Frage:
Wie war der Fitnesszustand Ihrer Spieler nach der Sommerpause?
Gislason:
Recht unterschiedlich. Die meisten Spieler haben offensichtlich ihre Hausaufgaben im Urlaub gemacht, einige aber auch nicht. Außerdem hätte ich gerne eine Woche früher mit der Vorbereitung begonnen. Das müssen wir jetzt aufholen.
Frage:
Sie standen sowohl als Spieler als auch als Trainer schon öfters auf der VfL-Wunschliste. Wie ist es jetzt zu Ihrem Engagement gekommen?
Gislason:
Es ist richtig, dass ich 1983 schon einmal als Spieler mit dem VfL Kontakt hatte. Aber dann ist Petre Ivanescu nach Essen gegangen und ich bin bei TuSEM gelandet. Auch als Trainer hatte ich 1997 ein Gespräch mit dem damaligen VfL-Chef Ernst-Albrecht Lenz. Jetzt ist der Kontakt durch Stefan Hecker gekommen. Nach einem Gespräch mit ihm und Hans-Peter Krämer hatte ich einen positiven Eindruck von dem neuen VfL.
Frage:
Es war schon im vergangenen Herbst bekannt, dass Sie zum VfL kommen würden, wenn Ihr Vertrag beim SC Magdeburg ausgelaufen ist. Warum hat der VfL dennoch Ende 2005 den Vertrag mit Velimir Kljaic noch bis zum 30. Juni 2007 verlängert?
Gislason:
Im November 2005 hatte VfL-Chef Hans-Peter Krämer noch ein Gespräch mit dem Magdeburger Manager Bernd-Uwe Hildebrandt, der ihm klipp und klar erklärte, dass er mich nicht vorzeitig aus dem bis zum 30. Juni 2007 laufenden Vertrag herauslassen wird. Dass ich dennoch sechs Wochen später entlassen wurde, war zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen. Dennoch waren es für mich dort sieben großartige und erfolgreiche Jahre mit dem Gewinn der Champions League als Höhepunkt.
Frage:
Waren Sie ab Ihrer Entlassung in Magdeburg für Velimir Kljaic eine Art unsichtbares Phantom, das im Hintergrund die personellen Fäden zog?
Gislason:
Zuerst einmal zur Klarstellung: Ich hatte und habe immer noch ein tolles Verhältnis zu Kljaic, der ein absoluter Handball-Fachmann ist. Es ist aber sicherlich richtig, dass ich bei der Verpflichtung von neuen Spielern auch gehört wurde. Richtig ist auch, dass ich von der Verpflichtung einiger Spieler, die Kljaic unbedingt haben wollte, abgeraten habe - mit Erfolg.
Frage:
Den VfL haben acht Spieler verlassen. Hätten Sie gerne den ein oder anderen gerne behalten?
Gislason:
Ich hoffte damals, dass man Yoon halten könne, aber nicht um jeden Preis. Das gleiche gilt für Frank von Behren. Auch Steinar Ege ist ein sehr guter Torhüter, aber mit seinen Knieproblemen ist er im Training wenig belastbar.
Frage:
Unter den acht Neuerwerbungen gibt es da ausgesprochene Wunschspieler von Ihnen?
Gislason:
Natürlich: Sverri Andreas Jakobssen ist einer, auch Bennet Wiegert, den ich noch aus meiner Magdeburger Zeit bestens kenne und dem ich damals den Weggang empfohlen habe, um sich sportlich weiter zu entwickeln. Und im Fall Goran Stojanovic mussten wir einfach zugreifen, wenn ein solcher Klassekeeper plötzlich frei auf dem Markt ist. Aber auch bei den übrigen Neuverpflichtungen bin ich natürlich gehört worden. Es wäre doch eine katastrophale Lage für den VfL, wenn ich mit fünf bis sechs Spielern arbeiten müsste, die ich so schnell wie möglich wieder los haben wollte. Wir wollen schließlich etwas Langfristiges aufbauen.
Frage:
Können Sie einmal kurz die Stärken der acht Neuerwerbungen skizzieren?
Gislason:
Zuerst zu den Torhütern: Goran Stojanovic ist ein Torhüter der typischen jugoslawischen Schule, der in Pfullingen gerade eine Supersaison gespielt hat. Er ist unglaublich schnell und an ihm werden wir noch viel Freude haben. Nandor Fazekas ist zu Recht die Nummer eins in Ungarn. Er ist ein technisch sehr guter und sehr erfahrener Torhüter, der einige überzeugende Jahre in Lübbecke hatte. Zusammen mit Christian Ramota haben wir in der kommenden Saison drei gute Torhüter, von denen jeder seine Chancen bekommen wird. Entscheiden muss am Ende die Leistung.
Frage:
Und die Feldspieler?
Gislason:
Sverri Andreas Jakobsson ist ein absoluter Deckungsspezialist, sowohl bei einer 5:1- als auch bei einer 6:0-Abwehr. Seine überragenden Abwehrqualitäten hat er erst kürzlich in der isländischen Nationalmannschaft beim Qualifikationssieg gegen Schweden bewiesen. Bennet Wiegert ist ein vielseitiger Junge, der nicht nur Linksaußen spielen kann; von Hause ist er eher ein Halblinker oder Mittelmann. Vedran Zrinic ist ein sehr intelligenter Rechtsaußen mit internationaler Klasse. Ich bin mir sicher, dass er besonders von Alexis Alvanos profitieren wird. Alvanos ist ein ganz anderer Spieler als Yoon, er ist schnell, hat ein gutes Auge, spielerisch stark, aber auch torgefährlich. Ich denke, dass gerade unsere Rechtsaußen, die von Yoon kaum einen Ball bekommen haben, von ihm profitieren. Er wird zusammen mit Denis Zacharow ein gutes Paar auf Halbrechts bilden. Mit der körperlichen Verfassung Zacharows bin ich derzeit zwar noch nicht zufrieden, aber er bringt alles mit, um ein Weltklassemann zu werden. Ein solcher ist Daniel Narcisse schon, während Momir Ilic einer werden kann. Ilic ist ein sehr starker Abwehrspieler und mit einem Riesenpotenzial im Angriff. Bleibt noch der junge Jörg Lützelberger, der vor Ehrgeiz brennt, sich als junger Spieler aus der zweiten Liga sich erst an die raue Luft in der Bundesliga gewöhnen muss.
Frage:
Die Terminplaner haben Ihnen einen äußerst schweren Saisonstart präsentiert. Sehen Sie darin einen Vor- oder einen Nachteil?
Gislason:
Natürlich ist es für uns als nicht eingespielte Mannschaft kein Vorteil, wenn man direkt am Anfang auf Magdeburg, Kiel und Flensburg trifft, aber dies kann auch den Vorteil haben, dass wir gegen Ende der Saison aus dem Windschatten heraus kommen.
Frage:
Wer wird Deutscher Meister?
Gislason:
Diese Frage ist ziemlich einfach: Für mich ist der THW Kiel haushoher Favorit.
Frage:
Und danach?
Gislason:
Danach kommt ein sechsköpfiges Verfolgerfeld, zu dem ich Flensburg, Magdeburg, Hamburg, Lemgo, Kronau-Östringen und uns zählen. Diese sechs Mannschaften werden die restlichen Champions-League- und Europacupplätze unter sich ausmachen.
Frage:
Und was sind Ihre Erwartungen an den VfL?
Gislason:
Wenn die Konkurrenz in der kommenden Saison auch noch größer und stärker ist, aber für mich ist ein erneuter Champions-League-Platz das erklärte Saisonziel.
(Quelle:OVZ vom 05.07.2006)