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23:31 nach 16:11-Führung gegen VfL GummersbachDie HSG Wetzlar erlebt ein 30-Minuten-Debakel
30.04.2005
Von Volkmar Schäfer
Holger Schneider lehnte fünf Minuten vor dem Ende ratlos an der Bande. Nebojsa Golic winkte einige Sekunden später auf dem Spielfeld kopfschüttelnd ab und die zuvor enthusiastisch mitgehenden Fans auf der Tribüne kämpften deutlich spürbar mit dem Frust - Sinnbilder eines Halbzeit-Debakels, dass die HSG Wetzlar gestern ganz tief hinein in den Abstiegskampf der Handball-Bundesliga stürzte. Um kurz vor neun Uhr abends war die grün-weiße Welt beim Halbzeitstand von 16:11 noch in Ordnung, 30 Minuten später hingen nach der 23:31-Packung gegen den VfL Gummersbach dicke schwarze Wolken über der Mittelhessen-Arena.
Die zehnte Niederlage in Folge könnte Holger Schneider möglicherweise seinen Job kosten, obwohl der Sportliche Leiter Rainer Dotzauer dies gestern weder bejahen noch dementieren wollte. "Wir wollen auf alle Fälle in der kommenden Saison noch in der Bundesliga spielen", meinte der Sportliche Leiter nach der Partie. Der Trainer selbst sagte: "Wenn man gewinnt, hat man alles richtig gemacht. Wenn man verliert, war alles falsch. Ich warte jetzt ab."
Das Bittere an der Geschichte: Eine Halbzeit lang hatte Schneider scheinbar alles richtig gemacht. Christian Caillat stieg des öfteren hoch wie eine Rakete und schmetterte den Ball - ohne an seine Ellbogenverletzung zu denken - insgesamt vier Mal ins Tor des Rekordmeisters. Björn Monnbergs Hüftprellung hinderte den schnellen Finnen nicht daran, VfL-Keeper Steinar Ege beim 5:2 (7.) mit einem Dreher zu düpieren. Alexis Alvanos blühte geradezu auf und war vom mächtigen Gummersbacher Abwehrblock überhaupt nicht zu halten (darunter bei einem tollen Unterhand-Treffer zum 10:5). Obendrein zeigten weder Mario Clößner noch Andreas Lex - der Youngster war an seinem 20. Geburtstag mit der Kurzdeckung für Weltklassemann Kyung-Shin Yoon betraut worden - Respekt vor den großen Namen des Kontrahenten. Die Gäste wiederum scheiterten entweder an der aufmerksamen Deckung der HSG oder am dahinter glänzend haltenden Axel Geerken. Mit ein bisschen Fortune (drei Mal Pfosten oder Latte) und Geschick (in Überzahl vergaben Alvanos und Monnberg beim Stand von 14:10) wäre der Vorsprung der Wetzlarer beim Gang in die Kabine noch deutlicher ausgefallen.
Dementsprechend hätte Holger Schneider "gerne auf die Halbzeitpause" verzichtet, wie er später zugab. Aber nach Clößners 19:14 (35.) folgte ein kompletter Zusammenbruch, wie ihn nicht nur die eingefleischten Fans unter den 4000 Zuschauern, sondern auch Rainer Dotzauer "noch nie bei uns erlebt hat." Zehn Minuten flog kein einziger Wurfversuch mehr am früh eingewechselten Henning Wiechers vorbei in die VfL-Maschen, und auf der anderen Seite rissen die routinierten Gummersbacher reihenweise Lücken für den überragenden Daniel Narcisse in die Wetzlarer Defensive.
Zu allem Überfluss verlor auch der Trainer den Faden, der seinen Spieler auf dem Parkett längst abhanden gekommen war. Die ständigen Wechsel - möglicherweise aus Furcht vor einer noch früheren konditionellen Talfahrt - brachten die HSG endgültig aus dem Rhythmus. Caillat saß knappe zehn Minuten draußen, Alvanos spielte zwischenzeitlich auf Rechtsaußen und wurde halbrechts vom indisponierten "Faxe" Jörgensen vertreten. Das Hin und Her auf der Spielmacherposition ließ sowohl Arvydas Kestawitz als auch Nebojsa Golic aus dem Tritt kommen. Hinten wurde der überforderte Andi Lex immer häufiger von Yoon ausgetanzt.
Kurzum: Die Gummersbacher nutzten den auch von ihrem Coach Lajos Mocsai bereits im Vorfeld "erwarteten Einbruch des Gegners" gnadenlos aus, zogen beim 21:20 (47.) erstmals vorbei und bis zum bitteren Ende auf und davon.
Auf die Frage, ob sich seine Mannschaft zur Halbzeit zu sicher gefühlt hatte, antwortete HSG-Kapitän Axel Geerken: "Wenn man vorher neun Spiele in Folge verliert, fühlt man sich in keinem Moment sicher." Ähnlich muss es Holger Schneider ergangen sein, als er fünf Minuten vor Schluss mit der zehnten Schlappe vor Augen an der Bande stand.
Wetzlar: Geerken, Strzelec (49. bis 54. und bei zwei Siebenmetern) - Clößner (4), Caillat (4), Kieselhorst (1), Sighvatsson (1), Kestawitz (2), Monnberg (1), Jörgensen, Alvanos (6), Golic (2/2), Lex (1), Roth (n.e.), Schmidt (1/1).
Gummersbach: Ege, Wiechers (ab 14.) - Burdet (4), Lapcevic (10/8), Narcisse (7), von Behren (2), Yoon (4), Houlet (n.e.), Mierzwa (2), Spatz, Schumacher, Dragunski (1), Fog (1), Ilper.
Schiedsrichter: Andler/Andler (Remseck/Stuttgart) - Zuschauer: 4000 - Zeitstrafen: Wetzlar acht (Clößner/zwei, Monnberg, Caillat/zwei, Sighvatsson/drei, rote Karte 52.), Gummersbach vier (Yoon, Lapcevic, Mierzwa, Fog) - verworfene Siebenmeter: Golic (Wetzlar) trifft den Pfosten (45.), Schmidt (Wetzlar) trifft den Pfosten (58.).
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Manager Dotzauer entmachtet den TrainerZerbricht Holger Schneider am Fluch der neuen Arena?
02.05.2005
Von Thomas Hain
Unter dem Schock des 23:31 (16:11)-Heimdebakels gegen den VfL Gummersbach wollte Rainer Dotzauer "keine Entscheidung" über die Zukunft des in die Schusslinie geratenen Trainers Holger Schneider treffen. Nach mehreren Krisensitzungen mit Aufsichtsrat und einigen Spielern verkündete der Manager des seit elf Partien sieglosen Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar statt der von manchem erwarteten Entlassung eine Entmachtung des 41-Jährigen.
"Wir wollen mit Holger die Saison zu Ende spielen", erklärte gestern der Sportliche Leiter, der nach dem "noch nie erlebten Einbruch unserer Mannschaft" am Freitagabend nicht zu der Aussage bereit war, dass der mit einem Vertrag bis 2007 ausgestattete Schneider beim nächsten Spiel am kommenden Samstag in Göppingen noch auf der HSG-Bank sitzen würde. Dort will Dotzauer "als eine Art Co-Trainer" selbst mehr Verantwortung übernehmen. "Auf der Bank sind zuletzt entscheidende Fehler gemacht worden", kritisiert der selbst viele Jahre als Trainer tätige Manager öffentlich seinen Chef-Coach, den er von der obligatorischen Gesprächsrunde nach Spielschluss im VIP-Raum der mit über 4000 Zuschauern erneut prächtig besuchten Mittelhessen-Arena ausgeladen hatte.
"Ich bin immer Kämpfer gewesen", schließt der laut Dotzauer "unter einem Riesendruck" stehende Schneider einen Rücktritt aus und flüchtet sich in Sarkasmus: "Zur Not werfe ich die Bälle selbst noch rein". Mehr als eine Halbzeit lang tat dies seine Mannschaft mit Bravour. "Wir haben Gummersbach dominiert", erklärte Rechtsaußen Björn Monnberg mit Fug und Recht. Beim 18:12 in der 33. Minute sahen die, so VfL-Trainer Lajos Mocsai, "phantastisch motivierten" Grün-Weißen wie der sichere Sieger aus. Bis der totale Einbruch kam.
"Wir haben Gummersbach mit unseren vergebenen Chancen stark gemacht", sagte HSG-Coach Schneider. "Wir hatten am Ende viel Glück und die Wetzlarer waren platt", resümierte Gummersbachs Nationalspieler Frank von Behren. "Wir haben natürlich auch viel mehr Möglichkeiten zum Wechseln", sprach der koreanische Ex-Welthandballer des Jahres, Kyung-Shin Yoon, den Andreas Lex an seinem 20. Geburtstag lange Zeit gut im Griff hatte, den wohl entscheidenden Unterschied an.
Während der seit dem Trainerwechsel (Mocsai für Richard Ratka) in fünf Spielen 9:1 Punkte aufweisende Rekordmeister praktisch zwei komplette Reihen aufs Parkett schicken konnte, hatten mit Christian Caillat, Björn Monnberg und Alexis Alvanos gleich drei Wetzlarer Stammkräfte im Vorfeld gesundheitlich bedingt nur eingeschränkt oder gar nicht trainieren können. "Wir haben zu Beginn bewiesen, dass wir das Handballspielen nicht verlernt haben", betonte Monnberg. Angst vor einem drohenden Abstieg hat der nach dieser Saison in seine Heimat zurückkehrende Finne trotz des immer tieferen Sturzes in den Tabellenkeller nicht: "Das bringt nichts". Torwart und Kapitän Axel Geerken, der einige seiner völlig frustrierten Mannschaftskameraden lautstark zur gemeinsamen Verabschiedung der Zuschauer zurück aufs Feld beordern musste, sieht das anders: "Natürlich müssen wir uns Gedanken machen, wie wir endlich wieder ein Spiel gewinnen, um nicht noch weiter abzurutschen."
"Wir brauchen einen, der das Zepter in die Hand nimmt und die Mannschaft auf dem Feld führt", nimmt Holger Schneider vor allem Nebojsa Golic in die Pflicht. Wobei die gestörten Beziehungen zwischen Coach und Spielmacher offensichtlich wurden, als sich der Bosnier nach einer Auswechslung demonstrativ von der Bank und seinem Trainer abwendete.
Der Nachfolger des sechs Jahre lang erfolgreich in Dutenhofen tätigen Velimir Petkovic droht am Fluch der neuen Arena zu zerbrechen. Seit dem Umzug in die schöne neue Halle und dem wahrscheinlich nur von Optimisten erwarteten Zuschauerzuspruch läuft es sportlich nicht mehr bei der HSG. Alle sechs Heimspiele wurden verloren. "An der fehlenden Kraft liegt es nicht", sagt Holger Schneider. "Die Mannschaft steht klar hinter dem Trainer", betont Kapitän Geerken.
oh je. da scheint es langsam so weit zu sein. zumindest den trainer hat die arena - die damit verknüpften erwartungen - gefressen.