21.08.2008 - Christian Ciemalla - handball-world.com
"Wir sind an uns selbst gescheitert" - Ein Blick auf das Ausscheiden der deutschen Herren
Bundestrainer Heiner Brand
Foto: Christian Ciemalla
"Wir sind an uns selbst gescheitert", stellte Michael Kraus fest und meinte damit nicht nur die entscheidende Niederlage gegen Dänemark, sondern das gesamte Turnier. Fünf Punkte sammelte die deutsche Auswahl in den fünf Vorrundenspielen in Peking ein, doch in der Sechser-Gruppe reichte dies am Ende nur zu Platz Fünf - als erstes Team schied Deutschland bei einem Olympischen Turnier trotz fünf Pluspunkten in der Vorrunde aus. Doch, auch das Erreichen des Viertelfinals hätte die Probleme im deutschen Team nicht verdecken können, diese waren trotz zwei Siegen und einem Unentschieden zu offensichtlich. Ein erster Blick in die Statistik verdeutlicht dies. In den nächsten Tagen werden wir das deutsche Aus noch aus einem anderen Blickwinkel beleuchten.
Michael Kraus war einer der besten Torschützen der Vorrunde
Foto: Andreas Walz
Das Olympische Turnier kann aus deutscher Sicht unter zwei Gesichtspunkten betrachtet werden: Zum einen stellt sich die Frage, warum die Mannschaft nicht an frühere Leistungen anknüpfen konnte und sie in keinem Spiel wie der gehandelte Goldfavorit auftrat. Die andere wäre, warum dass Team die sich trotzdem bietende Chance auf das Viertelfinale nicht nutzen konnte. Übermächtig war kein deutscher Gegner, das zeigten auch die Viertelfinals in denen bis auf Island alle Teams das Nachsehen gegen die Vertreter aus der anderen Gruppe hatten. Weder Russland, noch Südkorea oder die durch Verletzungspech gehandicapten Dänen waren übermächtig, auch nicht die im Halbfinale stehenden Isländer. Dies zeigt auch die Vorrunde, jedes Team der Gruppe B gab zumindest vier Minuspunkte ab.
Noch mit Pascal Hens gelang der deutschen Auswahl ein mühevolles 27:23 gegen Südkorea, danach folgte eine verdiente Niederlage gegen Island und ein knapper Erfolg gegen Afrikameister Ägypten. Ein Sieg gegen Russland hätte so den sicheren Einzug in die nächste Runde bedeutet, doch das deutsche Team kam nicht über ein Unentschieden hinaus. "Es hätte nicht zu einem Endspiel gegen die Dänen kommen müssen", sah DHB-Vizepräsident Horst Bredemeier die Versäumnisse bereits vor dem Showdown gegen Dänemark. In diesem Spiel zeigte die deutsche Auswahl nicht einmal ihre schlechteste Leistung, scheiterte aber schließlich daran, dass die Dänen das deutsche System durchschaut hatten und Michael Kraus und insbesondere Holger Glandorf nicht mehr die Wucht und Kraft hatten, dieses mit individueller Klasse zu kompensieren. "Mit Blick auf das Viertelfinale wäre mir natürlich lieber gewesen, wir hätten aus den schwächeren Leistungsreihen die Chinesen oder die Brasilianer dabei gehabt", hatte Bundestrainer Heiner Brand bereits bei der Auslosung gesagt, dies bestätigte sich nun, die deutsche Auswahl scheiterte in der Vorrunde.
Aber auch das Erreichen des Viertelfinals hätten die Probleme der deutschen Auswahl nicht verdecken können und diese waren zahlreich. Heiner Brand vertraut seinem System, ihm fehlen aber die Spieler, die dieses System umsetzen können. Beispiel Deckung: Ein Mittelblock wie früher Petersen/Zerbe ist nicht mehr verfügbar, mit Oliver Roggisch steht lediglich ein Abwehrspieler von internationaler Klasse zur Verfügung. Bei schnellen Pässen des Gegners konnte aber auch er die Deckung nicht zusammenhalten, Notlösung Christian Schwarzer, der als Mittelblockspieler umfunktioniert wurde, oder Andrei Klimovets und Roggisch kamen insbesondere bei schnellen Schlagwürfen immer wieder zu spät. Aus der Distanz musste das deutsche Team 57 Gegentore hinnehmen und somit mehr als elf pro Spiel, zum Vergleich kassierten die Franzosen aus der Distanz nur sieben Gegentreffer pro Spiel, alle deutschen Vorrundengegner, auch Brasilien, blieben unter zehn. An deutschen Torhütern lag es dabei nicht, Johannes Bitter erreichte eine Quote von 41 Prozent und sorgte so dafür, dass das deutsche Gespann sogar das beste in seiner Vorrundengruppe war. Warum der mit 25 Prozent unter seinen Möglichkeiten gebliebene Henning Fritz allerdings im entscheidenden Spiel gegen Dänemark anfangen durfte und Bitter nicht bereits im ersten Abschnitt eingewechselt wurde, ist eine der offenen Fragen.
"Ich muss mich bei der Mannschaft und beim Bundestrainer entschuldigen für meine Leistung und die zwei vergebenen Tempogegenstöße", so Dominik Klein nach der Niederlage gegen Dänemark, dabei war die deutsche Chancenverwertung mit 54 Prozent durchaus im erträglichen Bereich, die dänische Auswahl hatte im gesamten Turnierverlauf sogar eine schlechtere. Island und Russland waren aber beispielsweise um fünf Prozentpunkte besser, Kroatien sogar um sieben. Fatal waren dabei vor allem die Fehlwürfe in den entscheidenden Situationen, die den Sieg gegen Russland und ein mögliches Unentschieden gegen Dänemark kosteten. Vor allem im Gegenstoß wird dies deutlich, aus dreißig Versuchen erzielte das deutsche Team nur 18 Treffer, die ebenfalls ausgeschiedenen Ägypter kamen auf 22/36, Island 39/47 und Dänemark 31/37 hatten dort ein klares Plus. Die fehlenden Treffer aus dem Gegenstoß sorgten unterdessen für steigenden Druck auf den Positionsangriff.
"Die Deutschen hatten nicht so viele gefährliche Spieler wie die anderen Nationen und waren deswegen unser leichtester Gegner, weil sie leichter auszurechnen waren – wir mussten in der Abwehr nur zwei Spieler im Auge behalten", erklärte der dänische Torhüter Kasper Hvidt nach dem Spiel. Für die Dänen war dabei auch der Schlüssel zum Sieg, dass die beiden deutschen Hauptangreifer im letzten Spiel müde waren, sowohl Michael Kraus wie auch Holger Glandorf standen in der Offensive fast durchgehend auf dem Parkett. Mit 42 Treffern aus 95 Versuchen lag Deutschland in der Effektivität der Distanzwürfe sogar an der Spitze seiner Vorrundengruppe. Bezeichnend aber, dass nach Kraus und Glandorf bereits der verletzt ausgeschiedene Pascal Hens mit fünf Distanztreffern auftaucht. Die Problemzonen des deutschen Angriffs lagen allerdings eher bei den Außen, die die im Gruppenvergleich schlechteste Quote und mit vierzehn Treffern auch zu wenige Tore vorzuweisen hatten und der Kreis. Die Kreisläufer Christian Schwarzer und Andrei Klimovets kamen zudem lediglich auf zwölf Tore, die Konkurrenten, inklusive der ausgeschiedenen Ägypter, erzielten doppelt soviele Treffer durch die Kreisläufer.
Problem waren dabei oftmals schon die Anspiele an den Kreis, der von der gegnerischen Deckung oftmals komplett ausgeschaltet werden konnte, durchschnittlich lediglich vier Würfe der Kreisläufer pro Spiel stehen in der Statistik des DHB-Teams. Einen weiteren offensichtlicher Unterschied weist die Statistik in der Anzahl der Assists auf, Deutschland hat 51 zu Buche stehen, zwölf davon von Michael Kraus, der als einziger deutscher Spieler auf einen zweistelligen Wert kommt. Lediglich die ebenfalls ausgeschiedenen Ägypter kommen ebenfalls nur auf 51. Island, Russland und Dänemark liegen noch davor und alle Teams, auch Ägypten, haben mindestens drei Spieler mit zweistelligen Werten bei den Assists. Und auch bei den technischen Fehlern ist das DHB-Team das schlechteste Team der Gruppe: Deutschland kommt auf vierzehn technische Fehler pro Spiel, Dänemark hingegen nur auf zehn, Island und Ägypten auf elf und Russland auf dreizehn.
Natürlich geben statistische Werte nur Indizien, aber diese sind in diesem Fall eindeutig. Vor dem Beginn der Spiele war die Aufregung groß, dass lediglich vierzehn Spieler nominiert werden durften, de facto spielte Heiner Brand nach dem Ausfall von Pascal Hens aber nur noch mit elf Spielern. Der nachnominierte Sven-Sören Christophersen stand lediglich elf Minuten auf dem Parkett, Michael Haaß und Christian Zeitz kamen nur etwas über eine halbe Stunde. Die Entlastung von der Bank, insbesondere für Holger Glandorf und Michael Kraus fehlte. Der deutschen Auswahl fehlte ein "Plan B", auch in der Deckung, für die der Ausfall des auf Außen deckenden Pascal Hens kein großer Rückschlag war. Die Frage nach der fehlenden zweiten Reihe alleine auf die Bundesligavereine zu schieben scheint zu einfach. Spieler wie Martin Strobel wurden durch den Bundestrainer nicht berücksichtigt, es stellt sich die Frage, ob nicht bereits bei der Nominierung Fehler gemacht wurden. Zumindest scheint festzustellen, dass trotz der intensiven und umfangreichen Vorbereitung, die Rede war von der teuersten Vorbereitung aller Zeiten, nur wenige Spieler ihr Leistungspotential wirklich ausschöpfen konnten.