Diesen Bericht gibt es morgen in der Zeitung zu lesen. Ich will zwei Dinge dazu anmerken.
1.) Noch nie gab es einen so langen Bericht über den Tusme in der Zeitung aber leider zu einem sehr nachdenklichen Thema
2) siehe am Ende der Meldung
Vom Weltstar zum Tusemfeind
HANDBALL / Die traurige Geschichte von einem großen Missverständnis. Patrick Cazal wehrt sich gegen Schorn-Attacken.
Er kam als Weltstar, er wurde gegangen als "Staatsfeind Nummer eins". Abgestoßen, nicht bloß abgeschoben. Kein Abschiedsgruß. Patrick Cazal existierte für den Essener Handball-Bundesligisten Tusem im letzten Spiel nicht einmal mehr auf dem Papier des vereinseigenen Programmheftes. Gestrichen. Genau wie sein Landsmann Christian Caillat. Der ultimative Beweis des totalen Zerwürfnisses zwischen den beiden Franzosen und dem Verein. Das Kapitel Tusem endet für beide möglicherweise sogar vor Gericht. Eine längere Geschichte...
Raffinesse und Power
Im Frühjahr 2002 verließ niemand das Büro von Tusem-Boss Klaus Schorn, ohne die Video-Aufzeichnung von Weltmeister Cazal zu sehen. Pure Power gepaart mit rasanter Raffinesse. Erster Klasse-Handball. Genau das Richtige für den Traditionsverein, der nach Jahren der Tristesse wieder zurück an die nationale Spitze wollte. Die Erwartungen waren auf beiden Seiten hoch. Zu hoch, wie sich herausstellen sollte.
Ganz anders lag der Fall Christian Caillat. Er galt im letzten Jahr nach dem Weggang von Kapitän Patti Johannesson als "Not-Kauf", der nicht gerade die besten physischen Voraussetzungen mitbrachte. Der Schlacks kam über den Status eines Reservisten nie hinaus. Nach dem Europapokal-Halbfinale in Pamplona gegen Portland San Antonio reichte er nur noch Krankenscheine ein. Die Trennung war programmiert.
Linkshänder Cazal kam vor zwei Jahren körperlich bestens vorbereitet in das ihm zuvor völlig unbekannte Revier. Einige Kilos hatte er abgespeckt, die Ernährung umgestellt, viele Laufkilometer absolviert, einen privaten Schlusstrich gezogen unter eine Beziehung. Voller Ehrgeiz, in der weltbesten Liga eine gute Figur abzugeben.
Aber er war nicht im Mindesten präpariert auf die großen sprachlichen Hindernisse, die Probleme bei der Organisation seines neuen Lebens und das Fremdgefühl.
Cazal und der Tusem verließen sich bei der Eingewöhnung auf die Privatinitiative eines sprachkundigen Tusem-Fans, der dann mit dem Linkshänder auf Wohnungssuche ging, ein Auto organisierte, Möbel kaufte, bei Bankgeschäften behilflich war und ihm Beistand leistete, wenn ihn das Fernweh nach der Familie plagte. Und, als die ersten Zweifel aufkamen, ob das Wagnis nicht doch zu groß wäre. Aus dem Fan Rainer Schick wurde Patrick Cazals bester Freund.
"Bei der Betreuung haben wir sicher Fehler gemacht", räumte der Sportliche Leiter Hade Schmitz später einmal Versäumnisse des Vereins ein. Doch da war es schon zu spät.
Das Kommunikations-Chaos unterschätzten sie alle. Missverständnisse auf dem Spielfeld zeigten sich deutlich. Zunächst zwang man sich zur Geduld. Doch dann reifte die nie ausgeprochene Erkenntnis, dass es mit der Harmonie zwischen Spielgestalter und Super-Star Oleg Velyky aus der Ukraine und dem Franzosen nicht weit her war.
Cazal sah sich in ein taktisches Korsett russischer Prägung gezwängt, das ihm die Luft nahm. Doch er versäumte es, richtig Dampf abzulassen. Der 33-jährige gebürtige Insulaner (La Reunion) ließ es geschehen, zu einem bloßen Bälle-Verteiler herunterzukommen. Ganz selten nur blitzte seine Klasse auf, die ihm in der französischen Nationalmannschaft Kult-Status sichert.
Cazal verzweifelte auch an der deutschen Sprache, brach den Unterricht ab und gab dann auf. Ein taktischer Fehler, der ihn noch angreifbarer machte. Als sich in seinem zweiten Tusem-Jahr die Verletzungen häuften, war es mit Cazals Courage endgültig vorbei.
Der Mann mit der Rückennummer 17 entwickelte sich zum Nervenbündel, das sich immer stärker in sich zurückzog und grübelte. Nur noch darum bemüht, bloß keine Fehler zu machen. Dabei verkrampfte er völlig. Keine Spur mehr von Esprit. Kaum wiederzuerkennen. Er lebte nur noch spielerisch auf, wenn er sich länger im Kreis seiner Landsleute aufhielt.
Unzufriedenheit wuchs
Im Tusem-Tross wuchs die Unzufriedenheit mit ihm. Der Druck von der Vereinsseite gegenüber seinem Spitzenverdiener, der einen Vertrag für drei Jahre unterschrieben hatte, erhöhte sich. Die Atmosphäre begann sich zu vergiften. Eine, in ziemlicher Verzweiflung angeregte, Aussprache mit der sportlichen Leitung platzte - ohne Angabe von Gründen. Die Distanz vergrößerte sich deutlich. Es formierte sich ein Feindbild.
Innerhalb der Mannschaft fand Cazal lange Zeit Halt bei den Torhütern Jesper Larsson und Chrischa Hannawald. Auch Stephan Krebietke bemühte sich als stellvertretender Kapitän als Vermittler und Fürsprecher. Aber die Lobby bröckelte. Jeder hatte mit sich selbst zu tun.
Zur EM gehumpelt
Um dem aufkommenden Ruf als "Weichei" entgegenzuwirken, verschleppte Cazal um die Jahreswende 2004 eine Knieverletzung. Er spielte, obwohl er Schmerzen hatte. Selbst mit Sehnenriss in der Schulter, wie Ende März gegen Pfullingen.
Wegen des Knies fuhr der Franzose im eigenen Auto nach Bremen zur Untersuchung bei Hans-Gerd Pieper, dem ehemaligen Mannschaftsarzt des Tusem. Der konnte nichts feststellen.
Also humpelte Cazal zur EM nach Slowenien und wieder zurück. Schließlich ergab eine weitere Untersuchung im Krupp-Krankenhaus: Am Meniskus muss dringend operiert werden. Auf Cazals eigenen Wunsch wurde ein OP-Termin nach dem Viertelfinale gegen Drott Halmstad verschoben, weil er im Europapokal weiter spielen sollte und wollte. Nach dem Aus im Halbfinale gegen Portland San Antonio gab es einen erneuten OP-Termin, der der Vereinsführung aber nicht passte: Ohne Vertragsauflösung keine OP. Der Franzose weigerte sich, die Auflösung seines Kontraktes zu unterzeichnen. Operiert wurde er trotzdem. Das verstand Tusem-Boss Klaus Schorn als Verrat und drohte mit persönlichen Konsequenzen.
Cazal galt fortan als persona non grata. Das gipfelte in Vorwürfe von Schmarotzertum nach dem letzten Saisonspiel gegen Großwallstadt: Cazal habe das Sozialnetz des Tusem missbraucht und sich aushalten lassen. Der 69-jährige Abteilungsleiter attackierte öffentlich: "Wir können keine Spieler gebrauchen, die nur hier sind, um abzukassieren und innerlich schon längst ihre Kündigung abgegeben haben."
Nicht erwünscht am Tusem-Tisch
Beim Saison-Abschluss-Essen mit der Mannschaft, zu dem Schorn gebeten hatte, wurden Cazal und Caillat als unerwünscht hinauskomplimentiert. "Sie waren nicht eingeladen. Und ich bestimme, mit wem ich in meiner Freizeit an einem Tisch sitze", so Schorn.
Schließlich platzte jetzt auch Cazal der Kragen: "So unfair bin ich noch nie im Leben behandelt worden. Da werden Sachen über mich verbreitet, die verdreht werden zur Unwahrheit. Das geht bis zur persönlichen Beleidigung und Verleumdung meiner Person und einiger meiner Vertrauens-Personen. Das lasse ich mir nicht gefallen. Ich bin zur Gegenwehr gezwungen", so der Franzose in einem Gespräch mit der NRZ.
Anwalt eingeschaltet
Er, der sich längst als Geächteter empfand, schaltete deshalb auf Anraten seines Spielervermittlers Gütschow den Anwalt des französischen Handball-Verbandes ein. Es besteht einiger Klärungsbedarf.
Wohin es den sensiblen Handballer einmal verschlägt, steht bisher noch in den Sternen. Sollte ihm mit der französischen Nationalmannschaft bei den Sommerspielen in Athen der große Wurf gelingen, dürfte er mit links einen neuen Verein finden.
Bei der Auswahl aber wird Cazal vorsichtiger denn je sein. Die Lektion Tusem hat gesessen. Touché.
Quelle NRZ
zweite Anmerkung:
Ich finde, dass man hier sehen kann wie schwer es scheinbar ist, Gräben zwischen Menschen zu schließen bzw. zu verhindern, das sie sich öffnen. Ich glaube, dass weder Patrik/Christian noch der Tusem je die Absicht hatten das es zu dieser Situation kommt. Es macht mich sehr nachdenklich, dass es Menschen nicht möglich ist, über -scheinbar offenkundige- Probleme zu reden und sie zu lösen. Man darf nicht vergessen, das es sich um Menschen handelt über die hier geredet wird auch wenn es im modernen Sport gerne vergessen wird und ein Mensch wohl nur was zählt, wenn er Leistung bringt.
Dieser Fall ist sicherlich extrem aber er zeigt, wie sehr die öffentliche Meinung und Berichterstattung einen Menschen zum Verweifeln bring und ihm keine Chance gibt, sich neu zu bewähren.
Ich wünsch Patrik, Christian und auch dem Tusem in Person von Klaus Schorn, dass sie einen Weg finden, sich auf menschlichem Weg zu trennen und besonders Patrik die Chance erhält zu zeigen, das er ein Weltklasse Mann ist und durch eine unglückliche Verkettung der Geschichte zum Sündenbock für andere geworden ist.
Nabend zusammen!