Auf kommunaler Ebene befürworte ich Bürgerbefragungen und Volksentscheide, da es hier um Frage des täglichen (Zusammen-)lebens geht. Für bundespolitische oder gar internationale Fragen spielt der Wille des Volkes selbstverständlich auch eine Rolle, aber die Komplexität der Fragestellung macht Volksentscheide problematisch. Nicht weil das Volk zu dumm wäre, sondern weil es stunden- bzw. tagelange intensive Recherche benötigen würde um sich ein halbwegs ausgewogenes Bild der Problematik zu machen - jenseits der populistischen Parolen und Halbwahrheiten die beide politischen Seiten verbreiten. Wir neigen dazu Personen (ihr Charisma, ihr Auftreten) über Inhalte (nüchterne Argumente, belegbare Fakten) zu stellen. Meinungsstarke Marktschreier bekommen mehr Aufmerksamkeit als nüchterne Analysten.
Vollständige Zustimmung. Meiner Meinung nach kommt aktuell noch dazu, daß, Facebook und dem Internet sei Dank, heute komplexe Sachverhalte für immer mehr wenig komplex denkende Menschen scheinbar mit einfachsten Lösungen "erklärt" werden können. Noch dazu ist eine Contra-Wahl immer einfacher zu gewinnen als eine Pro-Wahl. Für viele Menschen ist eine Entscheidung über das Aufhängen von Hundekotbeutelhaltern einfach die intellektuelle Grenze. Und ich bin mir sicher, daß auch die Wiedereinführung der Todesstrafe in diesen Zeiten eine gute Chance bei einer Volksabstimmung hätte.
Europa ist ein großes Ganzes. Zu komplex für viele zu begreifen. Das Negative sieht man leichter und lieber. Was ich nicht verstehe, macht mir Angst. Da glaube ich dann roten Bussen mit Slogans, die den Göbbels-Gedächtnispreis verdienen (der in England nicht mal ohne Stolz angenommen werden würde). Oder mit Argumenten wie die Abgst vor Überfremdung. Gibt es in England nicht schon viel länger Farbige, Inder, Pakistani? Komplett Banane, was da an Argumenten vorgebracht wurde. Wenn man, wie manche hier, dies noch gut heißt, nach dem Motto, wissen wir ja, daß das Argument Quatsch ist, aber so geht eine demokratische Abstimmung eben, dann streiche ich für mich das Wort "demokratisch" da raus. Witzig, wenn gerade solche Diskutanten sich dann Nordkorea ins Spiel bringen. Dieses Land ist ja nun wirklich für seinen wohltuenden Umgang mit der Wahrheit bekannt... 
Die Briten haben mit der EU schon alleine durch ihre Insellage mehr gefremdelt als andere. Bei der Eröffnung des Ärmelkanals äußerte - ich meine es war die - Sun, man habe am Tunnel gerochen und es habe aus Frankreich nach Knoblauch gemüffelt. Britischer Humor, sicher, aber auch ein Stück Lebensgefühl und Einstellung. Aber auch Europa tat bzw. tut sich mit dem UK oft schwer. Das gegenseitige Verständnis scheint mir zwischen vielen Nationen größer zu sein als zwischen England und dem Rest Europas. Wie man an dem Abstimmungsverhalten gerade der jüngeren Wähler sah, scheint bzw. schien sich das zu wandeln. Für den Brexit wohl leider zu spät. Sie müssen die Wahl vieler ausbaden, die in 10 Jahren vom himmlischen Pubtresen nur noch herunterschauen.
Der Vergleich mit der Schweiz hinkt. Die Schweiz bzw. ihr Verhältnis zu Demokratie und Volksabstimmungen haben eine wirklich und eigene lange Tradition. Für mich nicht auf Europa übertragbar.