"Die Tour ohne Doping? Unmöglich!"
Ex-Profi Jesus Manzano über den Doping-Alltag im Radsport
Es fängt ganz harmlos an, der Arzt verschreibt im ersten Profijahr das eine oder andere Mittelchen, nur wenig, um die Leistung zu optimieren. Von Jahr zu Jahr steigert sich dann die Dosierung, irgendwann bekommt man tierische Blutderivate gespritzt. Jesus Manzano erinnert sich an seine Zeit als Profi mit Schrecken zurück. 2003 hat er dem Radsport den Rücken gekehrt, aus Todesangst, wie er sagt. Im "aktuellen sportstudio" spricht er über die gängigen Dopingmethoden im Profiradsport.
von Sabine Fledersbacher, 30.07.2006
Manzano fuhr für das spanischen Team Kelme. Dessen Sportdirektor Vicente Belda erklärte dem Fahrer damals: "Entweder du machst da mit, oder du stehst auf der Straße." Manzano - und alle andereren Fahrer im Team - entschlossen sich, mitzumachen. Schließlich gehe es um viel Geld, das man als Profi verdienen kann. "Ich sagte mir, für sechs, sieben Jahre halte ich das durch."
Heute Testosteron, morgen EPO
Vom Teamarzt bekamen die Fahrer einen individuell abgestimmten Medikationsplan. Heute Testosteron, morgen Wachstumshormone, in der nächsten Woche EPO. Jesus Manzano hat am Höhepunkt seiner Medikamentierung, 2003, eine ganze Liste an Mitteln genommen. Er zählt auf: "Kortison, weibliche Hormone, Wachstumshormone, Testosteron, EPO." Team Kelme habe allein für die Medikamente rund 350.000 Euro im Jahr ausgegeben, sagt Manzano.
Scharping fordert Anti-Doping-Gesetz
Bei einem Krisengipfel verständigte sich Rudolf Scharping, Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), mit Vertretern deutscher Profiteams, der Renn-Veranstalter und der Sponsoren auf einen Maßnahmenkatalog, der schnellstmöglich umgesetzt werden soll. Kernpunkte sind verschärfte Trainingskontrollen, ein Werte-Profil für jeden deutschen Radprofi, sowie ein nationales Anti-Doping-Gesetz.
Obwohl jeder vom anderen wusste, sprachen die Fahrer kaum miteinander, was da ablief. Man hatte schließlich sein Leben lang darauf hingearbeitet, in ein ProTour-Team zu kommen. Ein Rauswurf hätte nicht nur das Ende der Karriere bedeutet, sondern auch herbe finanzielle Verluste - wo verdient man sonst wohl mehrere hunderttausend Euro im Jahr. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf hielten die Fahrer den Mund. "Das Thema ist unter den Fahrern Tabu, man redet nicht darüber", sagt Manzano.
Glückspillen
Lange Jahre galt das Doping mit dem körpereigenen Hormon EPO als "Wundermittel". Eine Leistungssteigerung von bis zu 80 Prozent war damit möglich. Die Nebenwirkungen, Depressionen und körperliche Abhängigkeit, wurden einfach gegenmedikamentiert, erklärt Manzano: "Wir bekamen Glückspillen, Antidepressiva, auch während der Tour oder der Vuelta."
Die Nebenwirkungen dieser Pillen sind verheerend: Die Fahrer haben viel weniger Hunger, essen zu wenig. Und sie werden psychisch abhängig davon. "Du merkst gar nicht mehr, dass du ein Problem hast. Du bist süchtig", sagt Manzano. Um sich ständig gut zu fühlen, würden viele Fahrer auf andere Drogen wie Kokain zurückgreifen. Mehr als einer hat dies mit seinem Leben bezahlt.
Todesangst
2003 war ein Wendepunkt im Kampf gegen Doping im Radsport, aber auch im Leben des Jesus Manzano. Während die Wissenschaftler den Nachweis von EPO-Doping feierten, erfuhr Manzano bei der Bergetappe der Tour de France seinen persönlichen Moment der Wahrheit. Bei der Etappe von Morzine nach Avoriaz war der Spanier mit Hundehämoglobin dedopt, allerdings wohl etwas überdosiert, denn nach dem ersten Anstieg ging bei dem Fahrer gar nichts mehr, er fiel buchstäblich vom Rad.
"Damals hatte ich Todesangst", sagt Manzano. Der Teammanager von Kelme erlaubte den Ärzten im Krankenhaus nicht, Blut abzunehmen. Manzano wurde somit nie positiv auf Doping getestet. Aber er hatte genug, sein Leben war ihm wichtiger.
Ohne Doping keine Tour
Manzano beendete seine Karriere und ging an die Öffentlichkeit. Morddrohungen folgten, dennoch steht der Spanier nach wie vor zu seinen Aussagen. Eine davon: "Jeder der die Tour bestreitet, ist gedopt." Manzano hat jede Hoffnung auf einen sauberen Radsport verloren. "Ohne Doping kann heute keiner mehr die Tour durchstehen." Auch den Unschuldsbeteuerungen des Tour-Siegers Floyd Landis kann Manzano nicht glauben. "Wahrscheinlich hatte er ein zu stark dosiertes Testosteronplaster getragen, und der Körper hat mehr resorbiert als geplant. Ein Fehler von Landis oder seines Arztes. " Für Manzano ist klar, dass auch Landis gedopt hat.