Nowitzki im Sport1 Interview
Sport1: Wie weit sind Sie in dem Prozess vorangeschritten, die Final-Niederlage gegen die Miami Heat zu verarbeiten?
Dirk Nowitzki: Tja, wie weit bin ich eigentlich? Noch mittendrin. Ich glaube, dass das auch noch ein paar Monate weh tut. Selbst bei der WM mit der Nationalmannschaft werde ich daran denken. Spezielle Spielsituationen gehen einem da durch den Kopf, bevor man einschläft. Aber im Sport gehören große Niederlagen dazu. Du musst daraus lernen und, wenn es geht, nächstes Jahr noch motivierter an die Sache ran gehen. Vielleicht haben wir in naher Zukunft die Chance, es besser zu machen.
Sport1: Was halten Sie denn in der nächsten Saison für möglich?
Nowitzki: Eine oder zwei Verstärkungen werden wir schon noch holen. Man darf nie still stehen. Man muss immer nach vorne schauen. Andere Mannschaften werden sich sicherlich auch verbessern. Aber ich denke, dann ist alles für uns drin.
Sport1: Auf welcher Position haben die Mavericks denn den größten Handlungsbedarf?
Nowitzki: Wir brauchen auf der Bank auf jeden Fall noch jemanden, der auf der großen Position als Vierer spielen kann. Wir brauchen noch einen Schützen, der uns von Außen hilft. In solchen Serien wie gegen Miami, die gegen uns von da aus gut zu gemacht haben. Josh Howard und Jerry Stackhouse können aus der Distanz gut schießen, sind aber auch nicht konstant genug. Die beiden sind mehr so "Streaky Shooters". Uns fehlt noch einer, der von Außen die Lichter ausschießt.
Sport1: Sie haben neulich mal angedeutet, Ihre Vertragsverlängerung in Dallas wäre nur noch eine Formsache, ein "No-Brainer". Ihr Vertrag läuft noch zwei Jahre, es geht um weitere drei Jahre. Dann wären Sie 33 Jahre alt.
Nowitzki: Wenn ich jetzt verlängere, dann hätte ich noch fünf Jahre Vertrag. Ein "No-Brainer"? Na ja, ich werde in den nächsten Monaten in mich gehen. Ich habe ja bis Oktober Zeit mit der Unterschrift.
Sport1: Müssen Sie jetzt erstmal über einige Sachen nachdenken? Sie haben letztes Jahr gesagt, Sie könnten sich vorstellen auch mal woanders zu spielen?
Nowitzki: Na klar, man muss sich mal über die Zukunft Gedanken machen. Ich habe aber auch gesagt, dass ich mir vorstellen kann, meine Karriere in Dallas zu beenden. Die Fans da sind super, das Umfeld stimmt. Mark Cuban. Avery Johnson, unser neuer Coach, der uns weit nach vorne gepeitscht hat.
Sport1: Denken Sie, dass Sie dann mit 33 Jahren noch weitermachen werden. Oder neigt sich dann schon alles dem Ende entgegen?
Nowitzki: Mit 33 Jahren ist noch alles möglich. Das hängt natürlich auch davon ab, wie sich mein Körper bis dahin entwickelt. Aber mit 33 kann man noch locker auf hohem Niveau spielen. Jetzt muss man mal schauen, ob ich den Vertrag eingehe oder nicht.
Sport1: Der in diesem Jahr an Nummer eins gedraftete Italiener Andrea Bargnani wird ja schon mit Ihnen verglichen.
Nowitzki: Von dem habe ich schon viel gehört. Ich habe ihn noch nicht gesehen. Letztes Jahr haben wir gegen Italien gespielt, da war er aber nicht dabei. Ich habe den Draft live verfolgt, da haben sie ein paar Szenen von ihm eingeblendet. In der Summer League in Las Vegas soll er schon sehr gut mitgespielt haben. Der ist sicherlich ein Riesentalent und wird seinen Weg gehen.
Sport1: In der Vergangenheit wurde bei den Drafts immer auch nach dem "neuen" Michael Jordan gesucht. Jetzt, so scheint es, suchen alle den "neuen" Nowitzki.
Nowitzki: In den letzten Jahren ging es in der NBA immer mehr von den großen Centern weg. Shaq (Miamis Shaquille O'Neal, Anm.d.Red.) ist der Letzte seiner Art. Es geht mehr dahin, dass die großen Leute auch werfen können. Die Phoenix Suns haben nur noch fünf Kleine auf dem Feld, die alle werfen können. Die Regeländerungen, die die NBA gemacht hat, führen auf mehr Bewegung hin, mehr auf 120:118-Spiele. Deswegen ist es auch ein Zeichen, wenn Bargnani die Nummer eins ist. Der ist groß und kann schießen. Das ist vermutlich die Zukunft im Basektball.
Sport1: Bundestrainer Dirk Bauermann sagte nach den Finals gegenüber Sport1.de, dass er von Ihnen bei der WM eine Trotzreaktion erwartet.
Nowitzki: Ach, Trotzreaktion, weiß ich nicht. Klar, ich bin frustriert. Ich habe in meiner Karriere schon viele Niederlagen eingesteckt, habe dann aber ganz normal weitertrainiert und weitergespielt. Höhen und Tiefen sind immer dabei. Das war in dieser Saison nicht anders. Letztes Jahr nach der Niederlage gegen Phoenix wollte ich mich auch für zwei Monate eingraben. Ich dachte, wie auch gegen Miami, wir wären die bessere Mannschaft gewesen, haben aber trotzdem verloren. Das beißt für ein paar Monate, wird mich aber nicht umbringen.
Sport1: Was kann Deutschland bei der WM in Japan reißen?
Nowitzki: Die Amis sind Favorit. Die wollten mit einer All-Star-Truppe kommen, haben nun aber ein paar Ausfälle zu verkraften. Mit LeBron James, Dwyane Wade - das wird dennoch eine Riesenshow werden. Dahinter ist das Feld offen. Die Spanier, die Argentinier werden oben mitspielen, die Griechen waren bei der EM super. Da kann jeder jeden schlagen.
Das Gespräch führte Roland Schekelinski