Das ist ein sehr komplexer Sachverhalt und hier, also in der Handballecke, auch schon oftmals diskutiert worden.
Zuallererst einmal, nur weil man „Vollprofis“ als Schiedsrichter hat, heißt das nicht, dass die Regelauslegung einheitlich gehandhabt wird. Wie in allen anderen Sportarten auch, haben die jeweiligen Gespanne unterschiedliche Auffassungen bzgl. der Beurteilung bei Freiwürfen, der progressiven und der 7m-Linie. Und das ist auch gut so, denn mit dieser Spielleitung sind sie dahin gekommen, wo sie jetzt sind und somit auch authentisch.
Dann will ich auf folgende Punkte eingehen:
- Ehemalige Profis als Schiedsrichter:
Die Idee ist ja jetzt nicht so ganz neu und wird auch von Seiten des DHB mal mindestens seit Ende der 2010er Jahre befürwortet. Und hier reden wir ja nicht zwingend über die Top-Class der HBL-Spieler, sondern es können ja auch ehemalige Zweitligaspieler sein. Grundsätzlich ist das über die letzten 5-8 Jahre ein enorm großer Pool an Spielern und was ist dabei rausgekommen? Jens Vortmann, hierzu habe ich nach den Eindrücken die ich bisher gesehen habe, eine eigene Meinung und verstehe das auch lediglich als „Lex Blümel“, aber kann ja jeder sehen, wie er will. Also stelle ich die Frage, warum gibt es so absolut keine Spieler, die sich dafür motivieren können? Auch hierzu habe ich einige Ideen wie z.B. „endlich nicht mehr fremdbestimmt die Wochenenden bestreiten“, „ich lass mich doch nicht so behandeln“ (dafür muss man tatsächlich gemacht sein und das auch lernen), „mein Körper ist echt kaputt, das schaffe ich physisch gar nicht mehr“.
Anderer Gedanke, zu dem "vorhandenen Potential" ist, dass ja viele HBL-Plätze von Ausländern besetzt sind, die nach der Karriere wieder nach Hause zurückkehren. Das jetzt valide aufzuarbeiten, wieviel Prozent da wegfallen, wäre mal interessant, ist aber natürlich nicht möglich.
Das sind nur einige meiner Gedanken auf die Schnelle.
Wir haben zu unserer aktiven Zeit zwischen 30 und 35 Spielen in der Saison geleitet und das über alle Ligen (HBL1 und 2, HBF 1 und 2 und 3. Liga) hinweg. Die Spielleitungsentschädigungen waren also ein entsprechender Mix und am Ende nett, aber nach der Steuer doch wirklich überschaubar. Nehmen wir mal an, ein Vollprofi bekommt nur HBL1-Spiele, was gegenwärtig 1.000,- Euro pro Spiel sind und es läuft auf 40 Spiele hinaus, dann sind das zu versteuernde 40.000,- Euro. Oder sollen die Vollprofis eine andere Entschädigung pro Spiel bekommen, als die Semiprofessionellen? Wenn sich der DHB und nicht die HBL, der übrigens die Schiedsrichter ob der Unabhängigkeit von der Liga verantwortet, die Schiedsrichter fest anstellen muss, dann reden wir über welchen Betrag p.a.? 100.000 Euro? Ist das ein Jahreseinkommen, für das man das machen würde? Insofern ist das doch eine einfache Rechnung: 10 Schiedsrichter kosten bei der o.a. Rechnung 400.000 Euro, bei dem vorgeschlagenen Jahressalär ist es 1 Mio zzgl. der Lohnnebenkosten. Das dürfte dem ein oder anderen Verein schon ein bisschen weh tun. Was passiert denn eigentlich, wenn die Profis auf einmal sagen, wir wollen jetzt aber 120.000 Euro haben? Was passiert im Verletzungsfall (im schlimmsten Fall Invalidität) oder einer längeren Krankheit?
- Stimmung im Schiedsrichterkader:
Generell kann ich aus der Vergangenheit sagen, dass trotz des sportlichen Wettstreits, die Stimmung innerhalb der des Schiedsrichterwesens immer sehr kollegial gewesen ist. Was passiert denn aber, wenn einige Semiprofessionelle die Sache letztlich dennoch besser umsetzen als die Vollprofis, die sich aber ganz entspannt auf den garantierten Einnahmen, weil Angestelltenverhältnis, ausruhen (nur eine Hypothese, aber durchaus ein menschliches Verhalten)? Wenn die Stimmung innerhalb von einem gewissen Ungerechtigkeitsempfinden gesteuert wird, und Schiedsrichter stehen ja generell für Gerechtigkeit ein, dann wird das eine große Katastrophe.
Sämtliche Beurteilungen sind subjektiv und insofern gebe ich darauf nicht so viel. Die Ansetzer können es gezielt steuern, welche „ungeliebten“ oder „zu fördernden“ Schiedsrichter zu welchen Vereinen geschickt werden und welche Beobachter ihnen geschickt werden. Insofern können Ergebnisse und das ebenfalls subjektive Empfinden, ob eine Gespann gut oder schlecht ist, ganz gezielt gesteuert werden und die Schiedsrichter können das nicht aktiv beeinflussen. Ist ein Ding, was Rheiner hier sehr oft anspricht und damit auch absolut richtig liegt.
So, das war jetzt echt viel, aber wenn man mal anfängt, dann ist da echt Dynamik drin. Ich bin wirklich mit Leib und Seele Schiedsrichter, ich habe damals auch intensiv darüber nachgedacht, was wäre, wenn man mich fragen würde. Stand heute, wo ich dieser „Mühle“ nicht mehr angehöre und einen anderen Blick darauf habe, würde ich das definitiv nie machen und auch niemandem empfehlen!!!