Ach so, du meinst also wenn in der 3. Sekunde des Spiels eine Mannschaft, die eigentlich eine 2 Minuten Strafe hat, trotzdem mit 7 Leuten auf dem Feld steht und das Spiel geht am Ende mit ein oder zwei Toren Unterschied aus, dann war das nicht spielentscheidend? Obwohl eigentlich 2 Spielminuten lang statt 7 vs. 5, 7 vs. 7 gespielt wurde. Interessante Sichtweise die ich trotzdem nicht teile.
Das erinnert mich an Aussagen nach dem Spiel, wie "hätten wir die drei 7-Meter getroffen, hätten wir gewonnen". Oder "wir waren nicht schlechter als der Gegner, wir haben nur mehr Fehler gemacht".
Handball wird von Menschen gespielt und nicht von Maschinen. Alles interagiert miteinander. Auch wenn die prinzipielle Spielstärke von zwei Teams gut abschätzbar ist und entsprechend Prognosen zur Siegwahrscheinlichkeit oder -höhe möglich sind, so kann doch jede einzelne Aktion den Spielverlauf ändern. 16 Spieler und 4 Offizielle pro Team, dazu die Schiedsrichter, das Kampfgericht und Zuschauer im bis zu fünfstelligen Bereich. Jeder, der in der Halle ist, hat Einfluss auf das Spiel. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber in der Summe ist es unmöglich, den Spielverlauf vorherzusagen. Was macht es mit einem Spieler, wenn er Wurfpech hat oder der gegnerische Torhüter einen außergewöhnlich guten Tag? Nicht umsonst gibt es die Warnung, den gegnerischen Torhüter nicht warmzuschießen. Wir sehen doch immer wieder, wie Spieler plötzlich über sich hinauswachsen. Und wir sehen auch Spiele mit unerklärlichem Kollektivversagen. Und niemand hat es kommen sehen...
Wir sind nicht beim Fußball, wo eine Mannschaft vielleicht 10x oder weniger im Spiel aufs gegnerische Tor schießt. Beim Handball ergeben sich Wurfmöglichkeiten im Minutentakt. Und deshalb ist die Grundannahme, dass man (Fehl-)Entscheidungen korrigieren kann. Klar sieht die Realität anders aus. Nimm' einer Kreisklassemannschaft in der 5. Minute durch eine Rote Karte ihren einzigen Werfer und die Chancen auf einen Sieg schwinden. Aber weißt du, ob er sich nicht in der 10. Minute hätte verletzen können? Oder, wie geschrieben, der gegnerische Torhüter bringt ausgerechnet an diesem Tag seine beste Leistung?
Die Unendlichkeit der Szenarien verhindert, dass bei Fehlentscheidungen zu Spielbeginn schon von "spielentscheidend" gesprochen werden kann. Und sie verhindert auch, dass es klare Regeln dafür gibt, was spielentscheidend ist und was nicht. Das haben die Richter im aktuellen Fall wieder festgestellt. "Spielentscheidend" bedeutet, dass es Sicherheit braucht, dass der Regelverstoß eine entscheidende Auswirkung auf das Ergebnis hatte. Es muss realistisch dargelegt werden können, dass das Spiel ohne diesen Verstoß anders verlaufen wäre. Und das kann man erst guten Gewissens gegen Spielende, wenn die Szenarien für einen möglichen weiteren Spielverlauf überschaubar werden.
Ich habe noch die Diskussion vom Spiel SCM-Barcelona in Erinnerung. Da meinte auch jemand, dass Barcelona in einer Phase benachteiligt worden wäre und dadurch eine höhere Führung verhindert wurde, die zum Sieg gereicht hätte. Diese Betrachtung ignorierte aber, dass gerade der SCM keine Mannschaft ist, die sich von Rückständen entmutigen lässt. Wer will wirklich dem widersprechen, dass Magdeburg durch einen höheren Rückstand nicht noch mehr Energie freigesetzt hätte?
Es bleibt dabei: Alle Ordnung, nach der wir handeln (oder Handball spielen), kann nicht das Prinzip der Chaostheorie außer Kraft setzen. Es wird immer Faktoren geben, die verhindern, dass alles glatt läuft. Wenn ein Spielverlauf vorhersagbar wäre, würde es keine Wetten mehr geben.