Trainingsgäste der letzten sechs, sieben Wochen hätten sich verwundert die Augen gerieben. Der Prophet der extrem offensiven Deckung im Kinderhandball lässt 6:0 decken!? Jedes Training!? Fokus liegt aber auf dem Angriff, es muss wohl wieder Ostern vor der Tür stehen, wir haben mit der wD die gesamte Saison ausschließlich ausbildungsorientiert trainiert, nahezu Null Taktiktraining. Nun bereiten wir uns auf den Rödspätte Cup in Frederikshavn vor. Ein paar Wochen sicher erfolgs-, irgendwie aber auch zukunftsorientiert. Ein echtes skandinavisches Turnier, nicht die Eurosportringvariante weiter südlich mit einem deutschen Turnier auf dänischem Boden. 
Dänemarktraining - gegen 6:0 mit einer D-Jugend
... heißt es nun zum dritten Mal in Hannover (einmal leider 2020 vergebens) in der D-Jugend. In der Vorrunde haben wir es einmal mit Deutschland, einmal Dänemark, einmal mit Schweden und einmal mit Norwegen zu tun. Jackpot! Also vermutlich 1x 1:5 und 3x 6:0. Mein Gedanke: Wir bereiten uns sechs Wochen lang auf die Skandinavier vor... bereiten die sich aber wirklich auf uns vor? Der Trainingsaufwand plötzlich eine offensive Deckung zu simulieren dürfte erheblich größer sein als unser Training. Meine Comedy-6:0 dürfte wesentlich realitätsnäher sein, als was die Kollegen in Skandinavien als ballklauend hinstellen können.
Wir kennen die Umstellung von Angriff gegen Manndeckung auf Angriff gegen Raumdeckung. Die Mädels prellen plötzlich wie wild quer vor der Wand, die in der letzten Saison dort noch nicht gestanden hat. Noch krasser sicher, wenn die Wand nicht am Neuner sondern am Sechser steht.
Also kein Geprelle vor einer Raumdeckung kennen wir schon. Gegen 6:0 müssen wir uns aber noch mehr einfallen lassen. (Es gibt Kinder, die können das mit Prellen gegen eine enge Raumdeckung, auch gegen eine 6:0, lösen. Denen darf ich das Prellen nicht verbieten!)
Ballannahme im Stand, losprellen, Hindernis erkennen, hochgucken, passen, alles wieder von vorn - davon haben wir uns natürlich lange schon verabschieden müssen, als die erste 1:5 Deckung vor uns stand. Nun werden die Gegner unmittelbar am Torkreis stehen. Alles, was uns entgegenläuft, können wir lösen, die Mauer hingegen nicht. Wir brauchen:
- Würfe/Torgefahr aus der Fernwurfzone/eingangs der Nahwurfzone und vor allem durch/über die Deckung
- Passgeschwindigkeit, um die Abwehr seitlich zu bewegen
- Stoßen tief in den Bereich hinein, durch den wir normalerweise nur durchrennen, um den Ball im Tor abzulegen: den 9m
Passtraining
Anstelle einer Abwehrspielerin lege ich mir fünf Matten in den Neuner. Halb, Mitte, Halb mit der schmalen Seite Richtung Tor, die Außen mit der breiten Seite zum Tor. Abstände zwischen allen Matten gleich. Vor jede Matte eine Angreiferin.
Durchspielen, stoßen, immer eine halbe Mattenlänge in die Tiefe, Zurückstoßen. Die Außen sollen außen überlaufen, abstoppen, den Ball nach hinten nehmen, tippen, Richtungswechsel, torgefährlich wieder nach innen stoßen. Die Details:
- halbe Mattenlänge in die Tiefe
- torgefährlich bedeutet: Fußspitze Stemmbein zeigt zum Tor, Nasenspitze zeigt zum Tor, Wurfarmgegenschulter zeigt zum Tor, Pass NIEMALS in der Rückwärtsbewegung
- sofort zurückstoßen: rückwärts/seitwärts/bereit für den Rückpass (halbes "U" laufen)
- Passempfängerin startet, wenn der Passarm der Passgeberin oben ist
- Laufweg des Stoßens nicht eng an den Matten vorbei sondern mit Sicherheitsabstand (zu beiden Matten in den Lücken) - als Trainer ggf. auf die Matte mit Schaumgummipommes stellen und alle Passanten bedrohen
- Außen mit flüssigem Richtungswechsel, zweimal torgefährlich machen und beim Wechsel nach innen wirklich eine Drohung aufbauen, um Halb zu binden
Und weil wir es längst vorbereitet haben: Handgelenkspässe
- zunächst nur mit der Wurfhand
- Torgefahr allein durch Laufrichtung/-geschwindigkeit/Blickrichtung Tor
- KEINE HANDGELENKSPÄSSE IN DER FERNWURFZONE, nur wenn Abwehrspielerin Nr. 2 (in der Praxis dann) mit gebunden wird
- Passempfängerin hat kein Startsignal mehr, muss den Pass antizipieren und starten
- wer es sich zutraut, Pass auch mit der Nichtwurfhand
Damit es nicht zu langweilig wird:
- Richtungswechsel einbauen
- Expresspässe Außen-Mitte, Halb-Halb, Mitte-Außen
- für Profis: Mitte verlagert mal, ferne Nachbarin folgt
Sodann erleben wir, dass nach und nach die Passgeschwindigkeit steigt, die Passfrequenz insgesamt steigt, es immer flüssiger wird und wirklich nett anzuschauen ist.
Und wir spielen dann 6:6 mit simulierter 6:0 Deckung... und erkennen nichts vom Passtraining wieder.
Im richtigen Leben liegen da keine Mattenrum, da steht ein Handballmensch. Meist sogar sechs.
Wenn die Passgeschwindigkeit allmählich was taugt, stelle ich zur Deko eine Spielerin auf jede Matte. Nur so. Die macht dort nichts und sieht einfach nur hübsch aus. O.k., sie muss seilspringen. Aber wir haben jetzt für die Optik die spielnahe Situation mit immerhin fünf echten Handballmenschen in der Deckung.
Würfe mit Abwehrspielerin vor der Werferin
Das beliebte deutsche Kinderspiel Ball-in-das-Tor-Tragen wird in Skandinavien nicht funktionieren. Wir müssen also wohl oder übel mal aus der Fernwurfzone werfen - für die meisten Mädels ein Alptraum. Wenn man doch nur jede einzelne Woche 10 Minuten stumpfes Ballern auf den Boden/gegen die Wand geübt hätte! Wie nützlich! Wir ballern einmal die Woche 10 Minuten auf den Boden/gegen die Wand.
Bis auf zwei Spielerinnen alle Mädels auf Linienaußen, Blickrichtung zum Gegenstoß. Auf RL/RM ein Hütchen. Erste Spielerin der Schlange jeweils ohne Ball. Zunächst die beiden kleinsten Spielerinnen in der Deckung auf 6m, dürfen maximal einen Schritt raus, sollen blocken, dürfen nicht springen, sollen vor dem Wurfarm für den Block. Auf der einen Seite startet Spielerin ohne Ball, läuft um das Hütchen rum, Richtungswechsel, auf das Tor zu, Pass von Nr. 2 in der Schlange, Torwurf über Block/am Block vorbei. Ich nehme mir nur rund sechs Wochen Zeit für die Vorbereitung und BESCHRÄNKE ES DAHER AUF SCHLAGWÜRFE. Sprungwurf mit Wahl der richtigen Distanz zum Gegner erspare ich mir, würde ich mir allenfalls für das wöchentliche Kleingruppentraining aufheben, wenn ich eine geeignete Kandidatin hätte.
- Ballannahme, kein Tippen, nur ein Schritt in den Neuner (Stemmschritt oder auch ohne)
- der Block wird nach und nach größer besetzt
- die Anlaufrichtung variieren
- größerer Block, plötzlich muss auch mal der Wurf variiert werden
- Körpertäuschung als Vorbereitung des Wurfs keineswegs verboten
Mit dem Pass auf die Werferin startetet die andere Seite gegenüber. Varianten:
- nun Parallelstoß mit RM, Wurf gegen defensive Spielerin
- mit der Ballannahme und ohne Torgefahr Pass auf RM, Rückpass, Wurf gegen defensive Spielerin
- beide bekommen einen Abwehrspielerin und bekommen je einmal die Wahl Wurf oder Pass, kein Rückpass mehr auf RM erlaubt
- RL/RR macht sich torgefährlich, passt auf RM, stößt zurück, bekommt Rückpass, Wurf gegen defensive Spielerin
Letztes Jahr sind wir bei einer Niederlage (knapp gegen späteren Turniersieger) in einer Fünfergruppe auf Platz 2 in den A-Pokal bekommen (Peeke erst ab C-Jugend, also weitestgehend Chancengleichheit). Niederlage gegen den Turniersieger verbocke ich durch Unterschätzung des Gegners nach dem Einwerfen (also Arroganz) und dämliche Personalentscheidungen danach. Knappes Ausscheiden im Viertelfinale gegen die einzige offensiv deckende skandinavische D-Jugend verbocke ich durch dämliche Personalentscheidung. Dieses Jahr vielleicht also weiser und dann ins Halbfinale.
Fortsetzung folgt. Über solidsport.com (kostenpflichtig) ist das gesamte Turnier live zu streamen.