Was bei Bölk noch gelegentlich aufblitzt, geht an allen anderen deutschen Spielerinnen nahezu komplett vorbei. Torwurfeffektivität, also die gelungene Paarung von Variabilität,Treffsicherheit und Cleverness, sehe ich seit Jahren nur im Ausnahmefall, also wenn eine Spielerin mal "einen Lauf" hat. Dieses Problem betrifft alle Positionen und alle eingesetzten Spielerinnen. Freie Würfe werden seit Jahren reihenweise verballert ...
Was sagte der Kommentator gestern Abend nach einem erfolgreichen Hüftwurf von Eliza Buceschi im Spiel Ungarn - Kroatien:
So einen Wurf habe ich von einer deutschen Spielerin noch nie gesehen ...
Wir haben schon mit 10 Jahren solche und andere Wurftechniken in unserem engagierten unterklassigen Kleinstadtverein regelmäßig geübt, bis sie in Fleisch und Blut übergegangen waren. Der nächste Lernschritt war dann, wann ich solche Würfe am effektivsten einsetze und wie ich solche Situationen herbeiführe. Allerdings liegt diese schöne Zeit 50 Jahre zurück.Wenn ich heutzutage diese Wurftechniken aber sogar im leistungssportlichen Bereich nicht (mehr) beherrsche und selbst freie Würfe regelmäßig verballere, brauche ich mir über das eine oder andere taktische Geplänkel im Spielaufbau eigentlich keine Gedanken zu machen, denn mit den wenigen zur Verfügung stehenden Worfoptionen bin ich dann viel zu schnell ausrechenbar, den ausgeklügelten Strategien beim Videostudium sei Dank.
Nicht nur die Nationalmannschaft, auch der THC ist dafür ein gutes Beispiel. Anfangs kam die durch fragwürdige Regeländerungen untermauerte "kick and rush"-Variante unserer Sportart den Teams zugute, die sich am schnellsten umgestellt haben und basierend auf einem beweglichen Abwehrbollwerk viele freie Konter laufen konnten. Zusammen mit der schnellen Mitte und schnellfüßigen Durchbruchsvarianten kamen genügend Torerfolge zusammen, um mit schnellen, wendigen Spielerinnen erfolgreich zu spielen. Das Positionsspiel wurde sträflich vernachlässigt, erfolgreiche Rückraumwerferinnen (!!!) wie Nadja Nadgornaja, Katrin Engel oder heute Beate Scheffknecht zeichneten und zeichnen sich in diesem System in erster Linie dadurch aus, dass sie ihre Würfe aus 1:1-Situationen (!) entwickeln und erfolgreich abschließen. Erfolgreiche Kombinationen, die mit Würfen aus dem Rückraum abgeschlossen werden, wurden immer mehr zur Mangelware. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die dafür prädestinierten Spielerinnen sich im Konkurrenzkampf gegen die kleineren wieselflinken Konditionswunder immer seltener durchsetzen konnten. Mittlerweile sind die Aufstellungen von Jahr zu Jahr nahezu beliebig neu durchgemischt, die Spielweise bleibt aber die gleiche und ist immer besser vorhersehbar. Die Gegnerschaft stellt sich darauf ein, die Erfolge werden weniger. Es setzen sich zunehmend wieder die Mannschaften durch, die auch aus dem Rückraum heraus variabel spielen und werfen. Wenn ich mir nur die Situation auf RR anschaue, treibt es mir die Tränen in die Augen. Sowohl bei der Nationalmannschaft als auch beim THC, hat man es offensichtlich schon aufgegeben, diese Position "regulär" zu besetzen. Ich habe diese beiden Beispiele bewusst gewählt, weil sie sehr gut veranschaulichen, wo die Umwandlung vom Handball zum Rennball hinführen kann, wenn man klassische Strukturen in der Mannschaftsaufstellung und in der Spielweise immer weiter in den Hintergrund drängt.