Beiträge von brodie79

    Was mir auch aufgefallen ist, dass der THW im Tempospiel über das gesamte Spiel bezogen, auch relativ mau aussieht. Bei Spielbeginn ging diese Saison zu Spielbeginn (bis zu den ca. Ersten 15 Min) die Post ab, war dann auch oft (gut) vorne, dann aber ging das verloren und Gegner kamen näher ran. Habe ich da die falschen Spiele gesehen oder teilen das auch die "Allesschauer"? Auch das passt schlicht nicht zu einer Spitzenmannschaft, könnte die fehlende Breite im Kader sein?!

    Wenn Tempo ein Ziel wäre, sehe ich beim THW auch ein gewisses Mentalitätsproblem bzw. man könnte es auch Old School Verhalten nennen. Wenn man z.B. ausgespielt wird, was logischerweise allen immer wieder passiert, dann sind viele Spieler noch eine Weile mit der Abwehraktion beschäftigt. Manche gucken sich um, nach dem Motto: Wer hat denn da nicht aufgepasst? Andere hadern, entweder mit sich oder mit anderen aus der Mannschaft oder sind mit der Gesamtsituation unzufrieden. Eigentlich müsste man sofort im Kopf umschalten auf die nächste Aktion. Hier wurde auch schon mal Wolff erwähnt, dass er so langsam den Ball aus dem Tor holt. Das sieht man bei einigen Spielern, dass sie auch bei eigenen Toren immer bisschen länger brauchen, bis sie zur nächsten Aktion im Kopf bereit sind. Da laufen viele oft gedankenverloren zurück und rechnen gar nicht damit, dass das Spiel schon Vollgas weiter geht. Ich habe keine Ahnung von Training, aber vermutlich ist das eine Sache, die man durch extensives Training als Automatismus reinbringen müsste?

    Die Frage ist natürlich immer, wo man vom Spielstil her hin will. Wenn man sich z.B. Magdeburg ansieht, dann haben die vor drei Jahren angefangen Tempo herauszunehmen. Von den Spitzenteams wirft niemand so wenig aufs Tor wie der SCM. Inklusive 7m. Gerade die bringen für den Rest der Mannschaft auch immer eine Pause. Bei einer kleinen Rotation, die Wiegert bevorzugt, macht das auch Sinn. Dieses Jahr ist der SCM auf Platz 8 bei der Anzahl der Würfe, letzte Saison war es Platz 10. Aber eben verbunden mit einer hohem Effizienz. Ohne zu viel beim SCM drin zu sein, würde ich vermuten, dass man sich dort vor einiger Zeit Gedanken gemacht hat, wie man den Erfolg langfristig konservieren kann und ist dann zum Schluss gekommen, dass das mit Dauertempo schwieriger ist.

    Da kommt oft in Ruhe Kristjánsson von der Bank als primärer Ballhandler, dann wird erstmal aufgebaut und dann geht es los. Berlin hingegen lässt Gidsel als zentralen Umschaltspieler Abwehr spielen, oft mit der Mission diese bewusst offensiv zu interpretieren, um sofort für den Gegenangriff bereit zu sein. Das sind eben ganz verschiedene Konzepte und Philosophien, die funktionieren können. Die Franzosen haben die EM vor zwei Jahren auch mit einem Rückraumspiel gewonnen, aber das sind natürlich auch Athleten. Sagosen am Anfang seiner Zeit beim THW, als er athletisch noch richtig gut drauf war, konnte es auch sehr gut, sich einen offenen Wurf durch Timing und Athletik zu erspringen.

    Für mich war die größte Schwäche beim THW in den letzten Jahren das defensive Umschalten. Das fiel in der CL schon eher auf als in der HBL, wo gerade Teams wie Berlin oder Flensburg, die sofort Tempo machen, gegen Kiel häufig leichteres Spiel und eine höhere Wurfquote als ihr Saisonschnitt hatten. Zumindest Flensburg hatte man dieses Jahr besser im Griff, vlt. gelingt gegen Berlin in der Liga noch was. Der SCM hat das die letzten Jahren eigentlich so gut wie nie angegriffen, weil sie anders spielen, was wiederum gut für den THW war. So hatte Kiel immer Zeit, in die Verteidigung zu kommen und sich zu finden. Wenn dann noch richtig Feuer drin ist, dann geht gegen jeden was. Hier kommt dem THW wiederum zu Gute, dass Wiegert konsequent an Plan A festhält, egal wie es läuft. Auch wenn man dadurch seit einiger Zeit gegen Kiel nicht gewonnen hat.

    es sind kommende Saison 18 Spieler: ich vermute, du hast den TW Dengler vergessen

    Das stimmt. Sorry. Ich hatte nur an die Spieler gedacht, die normalerweise ein Thema für den Spieltagskader sind. Diese Saison hat es Mohab einige Spiele getroffen, weil vier Kreisläufer im Kader standen. Durch die Verletzung von Načinović gibt es wieder Platz für ihn, auch wenn er offenbar gar keine Option mehr ist.

    Gesetz dem Fall, dass Spieler fit sind, was natürlich selten genug der Fall war zuletzt, muss sowieso jemand auf die Tribüne, weil 17 Spieler unter Vertrag sind. Wird dann interessant sein, wen es trifft.

    Den THW hat doch auch in den Spielzeiten, die erfolgreich waren seit 2015 ausgemacht, dass sie eher über die Breite als über die Spitze gekommen sind. Beim letzten Meistertitel 22/23 hatte Bilyk die meisten Feldtore mit 121. Das entsprach ca. 12,5% der Tore. Das ging runter bis Fraatz auf Platz 15 mit ca. 3,4% der Tore. Dazwischen waren 13 weitere Spieler des THW. Es funktioniere mal der, mal der und mal der. Jicha hat eigentlich nur an Sagosen hier und da zu lange festgehalten und ansonsten die Breite genutzt. In jener Saison hatte der THW am Ende acht Spieler im Rückraum, wovon eigentlich immer sechs im Saft waren. In Hinrunde fiel Sagosen noch aus, in der Rückrunde dann Weinhold. Durch das Nutzen der Breite des Kaders konnte kompensiert werden, dass schon "damals" in der Spitze keine Spieler mehr da waren, die jedes Spiel funktioniert haben. In den letzten drei Jahren ging der Anteil des besten Feldtorschützen beim THW kontinuierlich nach oben. Erst Johansson mit etwas über 14%, dann Madsen mit über 20% und diese Saison Skipagøtu. Hätte er sich jetzt nicht verletzt zwischendurch würde sein Anteil vermutlich bei über 25% liegen.

    Nächste Saison sind es erstmal auf dem Papier wieder acht Spieler im Rückraum, aber das bringt auch nur so richtig etwas, wenn Skipagøtu dauerhaft fit bleibt und Madsen komplett genesen zurück kommt. Dann kann man vermutlich über die Kaderbreite offensiv wieder durchprobieren. Und dazu muss es auch noch irgendwie passen. In den ersten Spielen diese Saison konnte man z.B. gut sehen, dass Madsen große Probleme hatte, dass das Spiel minutenlang an ihm komplett vorbei lief, weil es die One-Man-Show von Skipagøtu war. Madsen konnte man richtig ansehen, dass er den erstbesten Ball aufs Tor werfen wird, egal, wie schlecht die Position ist, weil er endlich auch am Spiel teilnehmen wollte.

    Nichtsdestotrotz wird man aus meiner Sicht mit Individualhandball, egal, ob das Würfe aus dem Rückraum sind oder Skipagøtu und Makuc rennen ohne Vorbereitung in die Abwehr nicht auf die Effektivität von 70% herum kommen, welche die guten Teams in der Offensive haben. Die beste Quote vom THW in den letzten Jahren war 20/21 mit 66,5%. Zu der Zeit waren die Top-Teams auch noch nicht bei 70%, sondern eher so im Bereich 67-68% und Kiel hatte da noch mehr geworfen. Heißt vom reinen Ergebnis her hatten sie kein Problem, auch wenn das Spiel "damals" schon nicht modern war. Das funktionierte, weil der THW nach der Verpflichtung von Pekeler auch bei den Gegentoren entweder Liga-Spitze oder nah dran war. Diese Kombination hat es ausgemacht.

    Für mich muss Kiel entweder defensiv wieder Liga-Spitze werden oder sie müssen offensiv eine andere Spielart entwickeln, welche eine höhere Effektivität ermöglicht oder sie müssen von der individuellen Qualität wieder eine Menge Weltklasse verpflichten oder entwickeln. Individuelle Weltklasse verpflichten sehe ich finanziell nicht, ob man die Abwehr bei der Menge an Spielern, die ihre Stärke primär offensiv haben, wirklich wieder so stabil kommt, scheint fraglich. Für eine Entwicklung zu einem Mannschaftsspiel in der Offensive gab es unter Jicha auch nicht wirklich Anzeichen, dass sowas möglich erscheint. Für mich müsste bzgl. der Kaderplanung für Reinkind ein starker Defensivspieler geholt werden. Dann gäbe es die Chance, dass man defensiv wieder entscheidend zulegt.

    Berlin ist letzte Saison Meister geworden mit einem Rückraum aus Andersson, Lichtlein, Gidsel, Langhoff, Wiede und dem wenig eingesetzten Beneke. Dazu die Außen Freihöfer und West av Teigum, am Kreis Marsenic und Darj, sowie Herburger als primärer Abwehrspezialist. Über Gidsel muss man nicht reden, aber er alleine kann das auch nicht ziehen. Da sind eine Menge Spieler, die individuell nicht das oberste Regal sind, die aber Weltklasse zusammenspielen. Eine Mannschaft, die mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Hier wurde über Jahre eine Spielweise entwickelt, welche die Stärken der Spieler nutzt und geguckt, wie man die Schwächen kompensieren kann. Dann spielt man z.B. eine offensive Abwehr, wenn Gidsel auf Halb verteidigen muss und geht auf Steals. Akzeptiert nicht nur, dass man überspielt wird, sondern geht schon in den Gegenstoß, wenn der Gegner noch nicht mal geworfen hat. Und das sollte doch der Anspruch an die Trainerposition sein und nicht, dass es am besten überall Weltklasse braucht, damit der Trainer erfolgreich sein kann.

    Gíslason haben sie bis 2019 weiter machen lassen. Dabei sahen die Jahre davor so aus:

    Rekordpleite unter Gislason: THW Kiel verzweifelt an sich selbst
    Nach einer denkwürdigen Pleite in Göppingen drohen dem THW Kiel schon früh die Felle davonzuschwimmen. Der Handball-Meister steht vor einem Rätsel.
    www.sport1.de
    Gislason kocht nach Derby-Debakel: "Maßlos enttäuscht"
    Der THW Kiel ist im 87. Nordderby bei der SG Flensburg-Handewitt unter die Räder gekommen. Alfred Gislason übt deutliche Kritik.
    www.eurosport.de
    Handball: Alfred Gislason schimpft nach Blamage des THW Kiel in Champions League
    Der THW Kiel muss in der Champions League eine unerwartete Niederlage hinnehmen. Trainer Alfred Gislason schimpft über den schwachen Auftritt seines Teams.
    www.sport1.de
    Lövgren: "Gislason-Entlassung unvorstellbar" | SPOX
    Nach dem 24:42-Desaster in der Champions League bei Paris Saint-Germain sitzt der Stachel beim THW Kiel tief. Auch die kritischen Stimmen gegen Trainer Alfred…
    www.spox.com

    https://www.sueddeutsche.de/sport/kassel-thw-geschaeftsfuehrer-gibt-trainer-gislason-rueckendeckung-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-170911-99-07001

    https://sport.sky.de/handball/artikel/nur-platz-sechs-darum-laeuft-es-beim-thw-kiel-nicht/11286924/34240


    Auch ganz interessant so als Rückblick:

    https://www.kn-online.de/sport/regional/gislason-war-die-schwerste-entscheidung-TZ7VEMMZKJE5PYN4KWQJPFQSRU.html


    Das erste Liga-Spiel, was ich vom THW live gesehen habe, war das hier:

    Ich finde den interessantesten Teil gar nicht in dem Clip. Die Aussagen, dass man sich wirtschaftlich nicht in der Lage sieht, die sportlichen Ziele immer mit einem 16er Kader umzusetzen und dass man aktuell die Nationalspieler aus der B-Jugend nicht gehalten bekommt. Hier wäre doch mal interessant gewesen zu hören, wie man die halten möchte. Indem man ihnen einfach einen Kaderplatz gibt? Machulla ist nun nicht gerade für die Nutzung der Breite des Kaders bekannt. Was würde denn ein großes Talent reizen bei den RNL zu bleiben, wenn man womöglich kaum Einsatzzeit bekommt? Inwiefern ist die Kaderplanung von Gensheimer wegzunehmen für das Halten von Talenten förderlich?

    Halblinks: Johansson funktioniert selten, auch eher der reine Shooter

    Johansson kam mal zum THW als Shooter. Mittlerweile ist es so, dass wenn auch nur eine kleine Chance da ist, einen Pass zu spielen, wählt er lieber diese Option als zu werfen. In vielen Spielen hat man das Gefühl, dass er im Laufe des Spiels fast dazu gedrängt werden muss, zu werfen, weil Kiel das eigentlich braucht. Wenn er dann trifft, hat er dann Selbstvertrauen auch weiter zu werfen. Er scheint überhaupt nicht die Art von Spieler zu sein, die von ihren Fähigkeiten, fast schon bedingungslos überzeugt sind.

    Unabhängig, ob die Szene korrekt war, oder auch nicht, wäre ich hier als Kiel auch sauer und würde mich ungerecht behandelt fühlen. Wenn das der Maßstab ist, dass man sich nicht nur das eine ansieht, sondern auch noch andere Dinge: Warum schaut man sich dann nicht nach jedem Angriff das ganze nochmal an, um nachträglich alle Fehlentscheidungen zu korrigieren? Man greift jetzt eine Szene raus, die man sich gar nicht deswegen angesehen hat. Das war doch auch die Kritik von Zerbe. Es ist vollkommen willkürlich, wo man das Video nutzt. In dem Fall hat Kiel irgendwie Pech gehabt und Eisenach wird belohnt, dass Walz einen Spieler schlägt. Da kann man doch sagen: Alles richtig. Da muss sich doch in Zukunft was ändern.

    Jichas Aussagen und die idiotische Berichterstattung des THW ramponieren gerade gehörig das Image.

    Ich habe vor einer Weile das erste Mal einen Bericht vom THW gelesen und war total überrascht. Ich habe in meiner ersten Saison als Schreiberling für das BBL-Team in einem Spielbericht mal einen Kommentar zu den Schiedsrichter gemacht. Das war eigentlich total harmlos, nicht der Rede wert. Der Artikel war ca. 8 Sekunden raus, da klingelte das Telefon und die BBL war dran: Entweder der Satz fliegt oder es hagelt gewaltig Strafe. Keine Ahnung, wie die HBL diesbzgl. drauf ist und der THW ist natürlich auch nicht irgendwer, aber ich wäre total überrascht, wenn sich die HBL das einfach so bieten lässt. Vlt. hat Kiel auch Budget dafür eingeplant. ^^

    Da dieser Thread mittlerweile auch nur noch THW-Analyse beinhaltet vielleicht mal die Frage, ob nicht einfach auch der Einsatz von Eisenach gewürdigt werden sollte? Die waren ja unmittelbar beteiligt. Hintze bei den RNL habe ich nicht verstanden und auch nicht gut gefunden, aber in Eisenach scheint er wieder genau seine "Kragenweite" gefunden zu haben. Schon toll, wie der den "Underdog" nach der Ära Kaufmann weiterführt.

    Bzgl. Hintze bei den RNL war doch das erstaunliche, dass diese in seiner ersten Saison nach 22 Spieltagen Anfang März Tabellenführer waren mit 33:7 Punkten. Da war Jaganjac auch schon eine Ecke verletzt. Alles sah danach aus, als würde Hintze in Mannheim eine große Erfolgsgeschichte werden. Dann folgte eine Niederlage in Leipzig, eine Heimniederlage gegen Hamburg und ab da waren die RNL nicht mehr die Mannschaft der ersten 22 Spieltage, mit Ausnahme des Pokal Final 4s, und sind es auch nie wieder geworden.

    Danke für deine Einordnung brodie79 ! Ich würde mir inzwischen diesen Impuls von Außen wünschen, indem man den Trainer wechselt, aber du zeigst hier eine weitere Option auf. Denn unabhängig von unseren Wünschen, ist Jicha nach derzeitigem Stand noch mindestens bis 2028 Trainer beim THW. Das kann man bewerten, wie man möchte, aber es ist nun mal Fakt. Streiten kann man nun über die möglichen Erfolgsaussichten beider Optionen.

    Die Erfolgsaussichten des Duos, und irgendwie ist es offenbar ein Duo, würde ich persönlich als gering einschätzen. Dennoch ist es erstmal Sport und dazu ein Mannschaftssport, wo es Dynamiken gibt, die oft auch Ebenen ablaufen, die man so als reiner Konsument des Spiels, gar keinen Einblick hat. Ich konnte dankenswerte ein bisschen Mäuschen spielen, weil ich drei Jahre die Pressearbeit für einen Basketball-Bundesligisten gemacht habe und entsprechend auch viel hinter die Kulissen sehen konnte und so auch viele Stunden im Mannschaftsbus verbracht habe. Das war schon sehr interessant. Wenn man im Sport alles immer 100%ig vorhersehen könnte, wäre Sport auch nicht so interessant.

    Vielleicht guckt man in drei, vier Jahren auf diesen Sommer zurück und kann feststellen, dass z.B. die Verpflichtung von Köster genau der Schlüssel war, ab wann es wieder lief. Vielleicht auch nicht. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass ich im Sommer 2018 nach der Saison 17/18 nicht vermutet hätte, dass sich der THW in der Folgesaison von 19 auf nur noch 6 Minuspunkte steigert und nur knapp hinter Flensburg landet. Nicht nachdem in den Vorjahren Spieler wie Dissinger, Bilyk, Nilsson und Zarabec als die Zukunft des THW auserkoren wurden, aber die Hoffnung die Genesung von Duvnjak war, der "damals" auch schon 30 war.

    Für mich ist das Argument für einen Personalwechsel auf der Bank, dass die Teams, die zuletzt konstant vor Kiel waren, Teamhandball spielen. Auf jeweils ganz verschiedene Art und Weise. Beim THW ist hier wenig zu erkennen, was darauf hindeutet, ob das erreicht werden soll und wenn ja, wie. Man liest und hört eigentlich immer nur etwas von Entwicklung, aber was oder wie soll sich denn wohin entwickeln? Und was genau funktioniert davon (noch) nicht? Das klingt alles ein wenig zu viel nach leeren Floskeln.

    Keine der maßgeblichen Kaderentscheidungen (außer später Sagosen) wurde von Jicha/Szilagyi getroffen, sondern von den Vorgängern. Die Mannschaft mit der dann die Titel eingefahren hat wurde ihnen praktisch in gutem Zustand übergeben (und Jicha hatte seine Übergangsphase als Co). Den Scherbenhaufen der letzten Jahre haben sie aber aus eigenen Versäumnissen selbst zu verantworten. Wobei man durchaus auch positiv zugute halten kann, dass mit Blick auf die nächsten Jahre auch schon ein paar vielversprechende Personalentscheidungen getroffen wurden.

    Ich meine Reinkind wurde zumindest erst in der Rückrunde 17/18 bekannt gegeben, als Szilágyi schon im Amt war. Vielleicht stand das auch schon länger fest. Das weiß ich nicht. Pekeler und Magnus Landin waren definitiv davor. Darum ging es mir auch nicht. Es ging eher darum, was sie erlebt haben, als sie im Amt waren.

    Im Vergleich zur Saison 17/18 gab es 18/19 eine signifikante Veränderung und das war Pekeler und zwei kleinere mit Magnus Landin und Reinkind. Der war dann erst ab 2019 mehr involviert. Sie haben aber erlebt, wie schnell sich das Blatt gewendet hat. Bevor sie da waren, war der THW drei Jahre nicht in der Lage mit Flensburg und den RNL mitzuhalten. Dann wurden ein paar gute Personalentscheidungen getroffen, Duvnjak wurde wieder fit. Hier und da ein paar Anpassungen und Kiel war wieder da. Daher würde ich tippen, dass sie glauben, dass das auch dieses Mal funktioniert und man jetzt nicht unbedingt grundsätzliche Dinge ändern muss. Dieser Impuls wird von außen kommen müssen.

    Sowohl Szilágyi als auch Jicha sind "damals" 2018 zum THW gekommen, als Kiel in einer ähnlich schlechten Lage war, wie aktuell. Jicha hat selbst vor der Saison 18/19 als Co-Trainer direkt in der Sommerpause sehr viel die Vorbereitung geleitet. Beide haben erlebt, wie unter ihrer Führung mit ein paar Kaderentscheidungen der THW unmittelbar wieder zu "alter Stärke" gefunden hat, nach dem Abwärtstrend ab 15/16, der mit Platz fünf 17/18 mit 19 Minuspunkten endete. Von außen spekuliert würde ich vermuten, dass beide überzeugt sind, dass eine ähnliche Wendung mit geringen Anpassungen auch aktuell möglich ist.

    Nur nicht unter diesem Trainer. Der hat es noch bei allen Spielern geschafft, dass sie nicht (mehr) ihr volles Potenzial und ihre Stärken auf die Platte bringen und ein Team daraus zu formen, das Handball SPIELT

    Reinkind war vor Jicha nicht der Spieler, der er dann ab 2019 für den THW war, als Jicha Chef wurde. Seine Verpflichtung hat man damals nicht wirklich verstanden, weil er bei den RNL auch eher Ersatz war, wie auch in der norwegischen Nationalmannschaft.

    Was den CL-Sieg und Jicha hat nichts damit zu tun, würde ich nicht unterschreiben. Der Aufschwung beim THW ab 2018 fiel mit der Verpflichtung von Jicha als Co zusammen. Damals kamen auch Pekeler, M. Landin und Reinkind. Letzterer ist erst unter Jicha als Chef so richtig aufgeblüht. In seiner ersten Saison beim THW noch unter Gíslason war er noch nicht so präsent. Mit Jicha wurde auch die Abwehr verändert. Es wurden hier schon die hohen Halben erwähnt, die am Anfang für die Gegner ein Problem waren. Ich kann mich z.B. auch noch an ein Spiel gegen Flensburg erinnern, wo Landin das Spiel vorgezogen gegen Röd begonnen hat und Flensburg gar nicht wusste, was sie damit machen sollen. Eine der ersten Maßnahmen von Jicha war auch, dass der THW wieder mehr Tempo spielt. Da hat man dann wieder angefangen die zweite Welle zu laufen mit Duvnjak. Ich kann mich noch erinnern, dass das Spiel von Kiel in den letzten Jahren von Gíslason wesentlich mühsamer anzusehen war als zu Beginn der Zeit von Jicha. Ich kann mich auch noch an Spiele wie die 24:42 Niederlage im März 2017 in Paris erinnern. Und das mit Landin und Wolff im Tor.

    Beim CL-Sieg im Final 4 hatte der THW große Verletzungsprobleme. Kiel hat den Titel gewonnen hat mit Malte Voigt, Philipp Wäger, Leon Ciudad Benitez, Sven Ehrig und Oscar Sunnefeldt im Kader. Deswegen wurde das ganze WE dann 7:6 gespielt, um Kräfte zu sparen. Dass das an diesem Wochenende so klappt, war nicht wirklich zu erwarten, aber der THW kam damit super zurecht und es funktionierte auch richtig gut. Aus heutiger Sicht womöglich zu gut, denn danach wurde es dann vermutlich eher zu viel genutzt. Das war schon ein Schachzug von Jicha, ohne den es recht wahrscheinlich den CL-Sieg nicht gegeben hätte.

    Das soll jetzt auch nicht die Bewertung des hier und jetzt beeinflussen. Dass man an Jicha festhält kann ich persönlich nicht nachvollziehen, insbesondere wenn man liest, dass die Gesellschafter einen siebenstelligen Betrag nachschieben müssen, weil der sportliche Erfolg fehlt. Ich finde es aber schwierig, wenn man es so hinstellt, als hätte Jicha gar nichts mit den Erfolgen vom THW in den letzten Jahren zu tun und man hätte sie vlt. sogar trotz Jicha geholt.

    Das sehe ich etwas anders, Niko Bilyk war in den ersten zwei Spielzeiten für Kiel deutlich besser und mutiger von der Spielweise. Nilsson war zwischendurch gefühlt besser und eine richtige Weiterentwicklung hab ich nicht sehen können. Die Saison 22/23 war ordentlich aber sonst eher Abgetaucht. War halt nie so richtig Fit vom Körper und Kopf.

    Bilyk hat in seiner ersten Saison 16/17 die drittmeisten Tore für Kiel gemacht hinter Ekberg und Vujin. Da war er noch deutlich vor Nilsson. Das hat sich in den beiden letzten Spielzeiten unter Gíslason ziemlich ausgeglichen. Als Jicha 19/20 Chef wurde, hatte Nilsson einen schwierigen Stand. Da gab es oft versteckte Kritik an der Fitness. Gíslason war da noch direkter, um es mal freundlich zu sagen und hatte bei der Feier nach der Saison 18/19 sogar das Lied "Dicke" von Westernhagen gesungen mit Hinweis auf Nilsson.

    In der Saison 19/20 vor seinem Kreuzbandriss hatte Bilyk die zweitmeisten Feldtore hinter Reinkind. Danach die Saison hat er verletzungsbedingt verpasst und die Spielzeit darauf lange gebraucht, um wieder richtig reinzukommen. Anschließend hat er 22/23 die meisten Feldtore für den THW gemacht in der Liga. Danach nochmal die zweitmeisten hinter Johansson 23/24.

    Er war ein Spieler, der dem THW häufig die Spiele abseits der Spitzenspiele gewonnen hat und so entscheidend zu Meistertiteln beigetragen hat. Das Problem war, dass er ab 23/24 nach dem Abgang von Sagosen mehr hätte sein müssen als der THW voll auf ihn gesetzt hat und dass er ab 24/25 sehr viele Verletzungen hatte. Er ist jetzt auch gerade mal 29 Jahre, wenn er Kiel nach zehn Jahren verlässt und man das Gefühl hat, er lässt die Karriere noch ausklingen.

    Die letzten 20 Minuten haben das Gesamtbild dann schon etwas getrübt, aber vor dem Spiel hätte ich das so natürlich sofort unterschrieben. Eric fand ich sehr stark und seine Herausnahme führte zu einem merklichen Bruch im Spiel.

    Der Bruch im Spiel kam weit vor der Wechsel von Johansson. Nach dem 31:20 in Minute 40 kam der erste Wechsel von Johansson zu Ankermann nach 44:30 bei 32:25. Da war Flensburg schon wieder etwas zurück im Spiel. Man merkte der ersten Formation an, dass verständlicherweise die Luft raus war. Danach waren die Chancen wieder besser, weil mehr Energie, aber Möller war nun im Spiel und zu viel Pfosten. Zurück zur Startformation ging dann nach 55:45 bei 36:30. Von den sieben Toren, die man in den letzten Minuten an Vorsprung verloren hat, gingen sechs auf die Startformation und nur eins während der Zeit deren Pause. Heißt mit der Startformation innerhalb der letzten 20 Minuten hat Kiel in 8:45 Minuten zwei Tore geworfen.

    Szilágyi ist mitten in der Saison 2017/2018 gekommen. In der Saison ist der THW am Ende Fünfter geworden. Dass man die Jahre davor noch CL gespielt hat, lag daran, dass es für Deutschland mehr als zwei Plätze gab. Vor Szilágyi wurden Entscheidungen getroffen, wie Dissinger nach einem halben Jahr beim THW eine Vertragsverlängerung über weitere drei Jahre zu geben, obwohl er noch 1 1/2 Jahre Vertrag hatte, also quasi einen Fünfjahresvertrag für jemanden, der dann recht schnell wieder schwere Verletzungen hatte. Auf der anderen Seite wollte man mit Wolff nicht über seinen bereits vor EM 2016 geschlossenen Vertrag reden, sodass bei Wolff quasi im ersten Vertragsjahr schon feststand, dass er am Ende der drei Jahre auf jeden Fall gehen wird. Als Szilágyi mitten in Wolffs Vertrag kam, stand sein Abgang schon fest. Man hatte auf Bilyk und Nilsson als die Zukunft im Rückraum gesetzt, was auch nicht wirklich funktioniert hat. Wenn man sich die Verpflichtungen in den drei Jahren vor Szilágyi ansieht, dann ist von den Feldspielern Bilyk die beste Verpflichtung. Das sagt schon viel.

    Bei der Mannschaft, die 2017/2018 dann nur Fünfter geworden ist, waren Landin, Ekberg, Wiencek, Duvnjak und Weinhold direkt vor oder sogar schon über der 30. Dazu gab es noch ältere Spieler wie Vujin, Zeitz oder Toft Hansen. Die Mitt-20er in dem Kader waren Wolff, Dissinger, Dahmke und Zarabec. Wolff war quasi schon weg, Dissinger nur verletzt, Dahmke hatte nie das Niveau für ganz oben und Zarabec hatte so gar nicht zum THW gepasst. Neben Dahmke hießen die Linksaußen damals im übrigen Santos und Frend Öfors. An einigen der älteren Spieler schien der Zahn der Zeit langsam zu nagen, auch was Verletzungen betrifft. Der Plan vom THW war damals eigentlich nicht, dass die Spieler um die 30 die nächsten Jahre prägen, aber in der Realität hat der Umbruch vor Szilágyi nicht wirklich funktioniert und man konnte beim THW sehr froh sein, dass dann unter Jicha die schon älteren Spieler nochmal fünf Jahre an ihre Leistungsgrenzen gehen konnten.

    Weil es eben vor Szilágyi nicht lief und die Kadersituation im Grunde vlt. sogar schlechter aussah als jetzt, hatte man Storm die sportlichen Befugnisse weggenommen und ihn noch 1 1/2 Jahre als GF für das rein wirtschaftliche behalten, bevor er dann Mitte 2019 ausgeschieden ist.

    Alles in allem hatte der THW zu der Zeit nur die Hoffnung, dass Pekeler die Abwehr wieder stabil bekommt ab 2018, was schon vor Szilágyi eingetütet worden war und dass vorne aus Bilyk und Nilsson tragenden Säulen werden. Ersteres hat sich mehr als erfüllt und zweiteres nicht wirklich.

    Solche Schlüsselverpflichtungen braucht man manchmal. Man schaue sich mal den SCM vor Saugstrup an. Da wäre eine große Anzahl an Fans in Magdeburg mehr als bereit gewesen, nach fünf Jahren Wiegert dessen Amtszeit zu beenden. Hier bei HE gab es damals endlose Diskussionen, dass die Art von Handball nie so funktionieren wird, dass es für ganz oben reicht. Und dann kam 2021 Saugstrup und aus dem EL-Team SCM mit dem Torschützenkönig Magnusson, wurde ab 2021/2022 die dominierende Mannschaft in Deutschland. Insbesondere, weil dann auch Kristjansson mit Saugstrup nochmal deutlich mehr Wirkung entfalten konnte.

    Die Verpflichtung von Sagosen 2020 war doch damals seit vielen Jahren wieder eine richtige Statement-Verpflichtung vom THW an Feldspielern. Im Grunde seit 2014 als Duvnjak und Weinhold kamen. Wer mal Bock hat, kann sich Interviews von 2016 durchlesen, wo der THW gefragt wird, ob er überhaupt noch für Top-Spieler attraktiv ist.