Alles was du hier sagst, kann ich (auch aus eigener Erfahrung) nur bestätigen. Eine Ergänzung ist mir wichtig: Nach dem Übergang zum Kleinfeld- und insbesondere dann zum Hallenhandball gab es über viele Jahre einen nie dagewesenen Zustrom an jungen Spielerinnen und Spielern in die Vereine. Selbst in kleineren Vereinen waren manche Altersklassen doppelt besetzt sprich mit zwei eigenständigen Mannschaften. Das resultierte nach meiner Überzeugung in erster Linie aus der Tatsache, dass sich Handball mit dem Wechsel auf das kleine Spielfeld erstmals wirklich emanzipierte und so deutlich wie nie vom Fußball abhob, gerade hinsichtlich der Anforderungsprofile. Dieser Wechsel leitete eine einzigartige Erfolgsphase des Handballsports ein, übrigens nicht nur in Deutschland.
Aktuell geht die Entwicklung leider wieder in die andere Richtung, und dafür gibt es Gründe. Ein wichtiger Grund ist aus meiner Sicht, dass mit der überzogenen Dynamisierung und den damit verbundenen Änderungen an den Anforderungsprofilen der diesbezügliche Abstand zum den Sport dominierenden Fußball wieder deutlich reduziert wird, was mittlerweile übrigens auch im weiblichen Bereich eine bedeutende Rolle spielt. Den Begriff vom "Kampfschwein mit Pferdelunge" habe ich ja nicht ohne Grund geprägt. Auch auf das Thema Verletzungsanfälligkeit habe ich in diesem Zusammenhang schon mehrfach hingewiesen. Und nicht zuletzt sehe ich auch die Gefahr, dass die Aktionen auf dem Spielfeld regelmäßig so schnell und so dicht ablaufen, dass die Details von vielen Zuschauern oft gar nicht mehr differenziert wahrgenommen werden können. Ich erlebe es nicht selten, dass in meinem Umfeld selbst die Zeitlupe nicht immer ausreicht, das Geschehen richtig aufzulösen. Auf jeden Fall ist meine eigene Wahrnehmung nicht der Maßstab, denn nicht jeder hat soviel eigene Erfahrungen beim aktiven Spiel sammeln können. Wo soetwas letztendlich hinführen kann sieht man beim Eishockey in Deutschland ganz gut. In vielen Szenen kann der Weg des Puck's sekundenlang gar nicht mehr verfolgt werden, irgendwann und irgendwie ist er dann trotzdem oder gerade deswegen im Tor gelandet. Die Begeisterung für diese Art, einen Mannschaftssport auszuüben, hält sich außerhalb der bekannten Hochburgen in engen Grenzen...
Ich kann aus meiner Sicht nur noch einmal an die Verantwortlichen in den Verbänden appellieren, die aktuellen Entwicklungen im Handball gerade im Breiten- und Nachwuchsbereich genau zu beobachten. Im Ergebnis wäre dann zu prüfen, ob der eingeschlagene Weg tatsächlich zielführend ist oder ob dadurch der Abstieg des Handballs nicht noch weiter forciert wird.
Sehr guter Beitrag, danke schön, da macht HE Spass zu lesen!
Ich kann deine Argumentation auch sehr gut nachvollziehen und wäre sofort dabei, wenn es darum ginge, diesen Sport für die Kinder interessanter und damit zukunftssicherer zu machen.
Nur, es gibt ja das Sprichwort "das Bessere ist der Feind des Guten". Hier könnte man sagen, "der Schnellere ist der Feind des Langsameren". Und (Reaktions)Schnelligkeit wird sich ungeachtet jeder Regeländerung immer als vorteilhaft erweisen und macht ja auch einen Gutteil des Reizes dieser Sportart aus. Ich denke, das siehst du genau so.
Jetzt kommt noch dazu, dass der Mensch zu einer "Ausoptimierung" in jeden denkbaren Zusammenhängen neigt. Im Arbeitsleben führt das unter "Effizienzsteigerung" zu Zuständen, die uns, in Deutschland ganz besonders, an den Rand des K.O. führen. Firmen sind jedoch weitgehend gezwungen, das Spiel mitzuspielen, ob sie wollen oder nicht, wenn sie konkurrenzfähig bleiben wollen. Da handelt es sich um ein klassisches Gefanngenendilemma.
Das können wir auch auf den Sport übertragen. Evolutionär war der Mensch vor 50 Jahren genau der Gleiche wie heute, trotzdem werden im 100m Sprint heute ganz andere Zeiten gelaufen. Im Handball ist es das Gleiche. Entwicklung lässt sich nicht aufhalten. Nur, und ich verstehe, dass das dein Punkt ist, man hat mit der schnellen Mitte noch dazu beigetragen, diese Entwicklung zu beschleunigen. Für mich bräuchte es diese Regel auch nicht, auch wenn ich sie nicht ganz so kategorisch ablehne, wie du. Denn ich glaube, damit wäre von den von dir angesprochenen Problemen keines wirklich gelöst. Das glaube ich, wird aus oben genannten Gründen nicht möglich sein. Um auch mit einem Sprichwort zu enden: "das Rad lässt sich nicht zurückdrehen".