Interessanter Vergleich mit der Sbornaja. Wie hast du da gedanklich die Connection hergestellt? Völlig andere längst vergangene Epoche, andere Sportart

Danke der Nachfrage. Es ging mir dabei nur um die Extremform einer zu jeder Zeit auf Topniveau funktionierenden Mannschaft. Nicht mehr zeitgemäß sind für mich allenfalls die Methoden, mit denen Larionov, Makarov, Krutov, Fetisov und Co. unter Trainer Tikhonov so weit gebracht worden sind. Es gibt dazu eine sehr interessante Doku des Schweizer Fernsehens, die ich mir sogar aufgehoben habe. Wenn man das sieht, kapiert man mal, unter welch privilegierten Umständen die Jungs heute ihrer jeweiligen Leidenschaft nachgehen dürfen. Da ist die Sportart dann für mich egal.
Das Gegenbeispiel ist heutiger (Mannschafts-)Sport, bei dem – für meinen persönlichen Geschmack – das "Mentale" auch oft ein bisschen überbetont wird. Übertrieben gesagt: Ich muss mit dem richtigen Bein aufgestanden sein, das Frühstücksbrötchen darf nicht zu hart gewesen sein, meine Freundin darf mich nur auf die rechte Wange geküsst haben, und in der Halle muss genau eine gewisse Temperatur herrschen, damit ich meine optimale Leistung bringen kann. Dasselbe gilt natürlich auch für meine Mannschaftskameraden. Und natürlich darf mir der DYN-Journalist in der Halbzeit (trotz meines Medientrainings) auch nur sinnvolle Fragen stellen, denn sonst ärgere ich mich und kann mich nicht richtig auf die zweite Spielhälfte konzentrieren.
Mir wäre es einfach lieber, wenn es den Spielern nur gelänge, Handball auf das Wesentliche zu reduzieren. Heißt: Der Trainer hat uns gut vorbereitet, ich kenne meine Aufgabe. Der Gegner heißt zwar Nantes, ist aber auch nicht stärker als Lemgo. Und als Bundesligist muss ich mich weder vor der Gruppe, noch vor den meisten möglichen weiteren Aufgaben wirklich fürchten. Da ist ein Handballfeld und da sind zwei Tore. Das kenne ich seit der Kindheit, und jetzt ist es ein Privileg, damit meinen Lebensunterhalt verdienen zu dürfen. Druck habe ich nur, wenn ich schwerkrank bin, das hat mit Sport nichts zu tun. Jetzt gehe ich einfach nur raus, und habe Spaß daran, dass ich mit den Jungs mein Bestes gebe und unseren Verein stolz mache! Das geht übrigens auch, wenn wir verlieren, uns aber super präsentieren.
Als jemand, der über viele Jahre mit Sportlern zu tun hatte, wird mir da heutzutage viel zu viel Brimborium gemacht und die Sportler dadurch geradezu erst auf dumme, weil kontraproduktive Gedanken gebracht. Sport ist in der Hinsicht keine Raketenwissenschaft. Und bevor dann wieder jemand erst meckert, bevor er hinschaut: Nein, ich verherrliche die alten Verhältnisse nicht. Ich wollte damit nur zwei Extreme gegenüberstellen.