Prinzipiell ist das richtig. Aber den vereinbarten Vertragslaufzeiten sollte wenigstens im Groben eine echte Absicht gegenüberstehen, diese Verträge auch zu erfüllen. Einen Vier-Jahres-Vertrag schon nach drei Jahren wieder auflösen? Ja, das kann für beide Seiten sinnvoll sein. Aber die Extremfälle nehmen (gefühlt?) zu.
- Im April 2025 verlängert Simon Pytlick seinen Vertrag mit der SG Flensburg-Handewitt vorzeitig bis 2030. ("Wir haben eine gute Mannschaft und ich möchte meinen Teil dazu beitragen, mit der SG in den kommenden Jahren erfolgreich zu sein. Ich fühle mich hier richtig wohl und spiele gerne für die SG. Flensburg ist für mich schon ein bisschen zur Heimat geworden.") Acht Monate später wird der vorzeitige Wechsel zu den Füchsen Berlin bekannt gegeben.
Ebenfalls im April 2025 verlängert Paris St. Germain den Vertrag mit Luc Steins vorzeitig bis 2029. (Geschäftsführer Thierry Omeyer: "Seit seiner Ankunft hat Luc Steins seinen Stil durchgesetzt und ist zu einem unumgänglichen Anführer unseres Kollektivs geworden", "Dass er bis 2029 verlängert hat, ist ein starkes Zeichen für die Stabilität und den Ehrgeiz des Vereins.") Neun Monate später soll nicht mehr mit ihm geplant werden? Luc Steins spielt dort seit 2020, man hat seine Entwicklung seitdem tagtäglich im Training und in Spielen beobachten können und dann soll sich binnen weniger Monate die interne Einschätzung derart auf den Kopf stellen?
Ich halte diese Schnelllebigkeit im europäischen Spitzenhandball für einen Irrweg. Die erfolgreichsten Handball-Mannschaften werden nicht einfach zusammengekauft, sondern müssen entwickelt werden. Es gibt einige wenige Superstars im Handball, aber einen großen Pool an Spielern mit internationaler Klasse, aus denen sich zahlreiche Spitzenmannschaften zusammenstellen lassen. Die letzten 10%, die einen Champions-League-Sieger ausmachen, sind nicht mehr die individuellen Stärken einzelner Spieler, sondern das mannschaftliche Zusammenspiel. Der blinde Pass an den Kreis, weil der Spielmacher die Bewegungsabläufe seines Kreisläufers vorhersehen kann, noch bevor dieser in der Position angekommen ist. Der präzise Pass in den Lauf des Mitspielers, sodass dieser seine Bewegung nicht verlangsamen muss und daher für die Abwehr nicht mehr zu halten ist. Die Blockstellung, sodass der Torwart zuverlässig weiß, welche Seite des Tores er abdecken kann, um überhaupt eine Chance zur Parade zu haben. Die gemeinsamen Erfahrungen als Mannschaft, die das Selbstbewusstsein formen auch in schwierigen Spielsituationen an den Erfolg zu glauben und das eigene Konzept durchzuziehen. Auf dem höchsten Niveau sind es Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen. Aber es bedarf viel Arbeit, dass dieser Unterschied (fast) immer zu den eigenen Gunsten ausschlägt. Der SC Magdeburg wurde nicht über Nacht zur besten Mannschaft im europäischen Handball. Es war ein langer Weg, auf dem sie den aktuellen Erfolg vorbereitet und erarbeitet haben.
Beim VfL Gummersbach (natürlich nicht auf dem Niveau "Champions-League-Sieger", sondern eher "erweiterte nationale Spitzengruppe & EHF European-League") fehlt mir aktuell die nötige Konstanz im Kader, um den letzten Schritt zu machen. Die aktuelle Mannschaft besteht aus tollen Handballspielern und hat mehrfach bewiesen, dass sie national jede Mannschaft besiegen kann. Aber sie kann nicht Woche für Woche konstant diese Leistung abrufen. Auf den drei wichtigsten Positionen (Rückraum Mitte, rechter Rückraum & Torwart) gab in den letzten zwei Jahren zu viele Wechsel und es fehlte der eingespielte Kern, um diese letzten 10% herauszukitzeln, die den Unterschied zwischen Platz 7 und Platz 5 ausmachen.
Der TBV Lemgo steht nach 19 Spieltagen verdient auf Platz 3 in der stärksten Handballliga der Welt, weil sie genau das verinnerlicht haben. Ein seit Jahren eingespielten Mannschaftskern, der nur punktuell verändert wurde. Beim Blick auf den Kader des TBV Lemgo würde man kaum einen Spieler als potenzielle Neuverpflichtung eines Champions-League-Teilnehmers kategorisieren, aber das Kollektiv funktioniert hervorragend.