Freundschaft!
Aber das ist Fußball. Fußball ist ein Trainersport im Gegensatz zum Handball. Man hat es so oft gesehen. Es kommt irgendwo ein Trainer hin und wenn der wirklich gut ist, dann spielt die gleiche Mannschaft nach wenigen Wochen durch Systemumstellungen auf einem viel höheren Niveau. Weil Fußball ein relativ zufallslastiges Spiel ist, man aber allein durch System und Spielidee diesen Zufall auch sehr stark kanalisieren kann. Langfristig spielt eine Fußballmannschaft immer in der Nähe des Niveaus ihres Trainers. Handball ist ein Kadersport. Langfristig spielt eine Handballmannschaft immer in der Nähe des Niveaus ihres Kaders.
Es gibt in der Handballbundesliga drei Qualitätsstufen von Trainer.
- Trainer, die formal ihr Handwerk können.
- Trainer, die aus einem guten Kader viel rausholen können.
- Trainer, die in einen Kader viel reinstecken können: Spieler besser machen und Systemhandball spielen.
Zu der dritten Gruppe gehören in der Bundesliga mindestens mal Bennet Wiegert, Gudjon Valur Sigurdsson, Florian Kehrmann und - auch wenn er das in der Bundesliga noch nicht zeigen konnte - Juan Carlos Pastor.
Zur zweiten Gruppe gehört Filip Jicha. Dazu hat er vor fünf Jahren gehört und dazu gehört er heute. Da hat sich nichts dran geändert. Was sich geändert hat, sind die Umstände. Das ist so ein bisschen der Fluch der Handballtrainer. Auch ein Toptrainer macht einen Mannschaft höchstens um drei Plätze besser, weil der Kader die Möglichkeiten langfristig limitiert. Ein Fußballtrainer kann eine Mannschaft auch zehn Plätze besser machen (wenn sie von der Kaderqualität tief genug steht, dass es zehn Plätze nach oben gehen kann natürlich). Und wenn er das zwei, drei Jahre macht, wird er zu einem großen Verein geholt. Im Handball fällt die Qualität eines Trainers nicht so stark anhand der Ergebnisse auf. Da muss man sich schon die Arbeit inhaltlich angucken. Das macht aber kaum jemand. Deshalb trainieren Filip Jicha oder Alfred Gislason jahrelang den THW und Kay Wandschneider Wetzlar, Rolf Brack Balingen und Sead Hasanefendic Gummersbach oder früher Hameln. Handballtrainer stecken leicht in einer Schublade fest. Entweder geht es nicht nach oben oder man ist immer oben. In Frankreich war Hasanefendic übrigens in der anderen Schublade, wurde dort mit vier verschiedenen (!) Klubs Meister.
Wie ist Filip Jicha in die THW-Schublade gerutscht? Als Ex-Spieler. Wie ist Alfred Gislason in diese Schublade gerutscht? In dem ihn Bernd-Uwe Hildebrand von Hameln nach Magdeburg geholt hat. Der übrigens mit Hameln abgestiegen war, vier Jahre nachdem Hasanefendic mit Hameln Vizemeister wurde. Und so extrem hatten sich die Umstände in Hameln auch nicht geändert. Auch 1998 hatte Hameln einige Topstars im Kader, eher mehr als mit Hasanefendic. Allerdings traf das auf alle Bundesligisten nach Bosman zu.
Was ich damit sagen will: die Trainerqualität ist in Kiel nie aufgefallen, weil der Kader einfach so stark war, dass nicht jeder, aber doch eine ganze Reihe von Trainern damit Erfolg gehabt hätten. Und jetzt fällt viel mehr auf, was Jicha kann und was Jicha nicht kann, als das vor fünf Jahren der Fall war. Wenn man sich jetzt am Trainer abarbeitet, dann mag da ein wenig dran sein, aber die Probleme sind doch viel umfassender. Es gibt Entwicklungen von unterschiedlicher "Wellenlänge". Beim Kader kann man sagen, dass man das Wellental durchschritten hat und es jetzt tendenziell wieder nach oben geht. Was die langwellige Entwicklung des Klubs betrifft, geht es nach wie vor nach unten. Zum Beispiel was die Finanzen im Vergleich zur Konkurrenz angeht. Oder auch die gesamte mentale Verfassung des Klubs. Man hat diese Selbstbild, dass sich in den letzten 30 Jahren aufgebaut hat. Und das stimmt nicht mehr mit der aktuellen Realität überein. Das schafft Unzufriedenheit bei den Fans und im Umfeld. Auch scheinen die diversen Gremien gerade keinen klaren Kurs verfolgen zu können. Es würde auch für anderen Trainer erst einmal ein schwieriges Pflaster sein.