Ich wette nur, wenn ich weiß und nicht, wenn ich spekuliere!
Wir haben alle keine Glaskugel.
Lass mich also nur mal beschreiben, wie ich zu meiner Einschätzung komme. Rein sportlich betrachtet, habe ich vor langer Zeit mal eines von Tim Sutons leider zu früh verstorbenem Vater gelernt, der mir im Gespräch sagte: "Das Ganze ist immer mehr als die Summe seiner Teile." Auf Handball bezogen, haben wir den ultimativen Beleg dafür letzte Saison in Dänemark gesehen. In den meisten anderen Ligen – außer der deutschen Bundesliga – kann man sich Erfolg erkaufen. Da sind dann einfach maximal zwei bis drei Mannschaften, deren individuelle Qualität so hoch ist, dass ein halbwegs qualifizierter Coach da nicht mehr viel kaputtmachen kann.
In der HBL kommt es angesichts der Leistungsdichte dagegen auf jede Nuance an. Da kann ich mir eine Weltauswahl zusammenkaufen: Wenn die als Mannschaft nicht über eine lange, kräftezehrende Saison funktioniert, werde ich mit dem nationalen Titel nichts zu tun haben. Flensburgs Anspruch kann nur Magdeburg sein. Doch dort hat man aus sehr bescheidenen Anfängen heraus kontinuierliche personelle und taktische Aufbauarbeit geleistet. Infrastrukturelle natürlich auch, weshalb man jetzt über eine stabile Basis verfügt, die auch kleinere Rückschläge verkraften kann.
Was beide Vereine aus Schleswig-Holstein im Moment versuchen, ist, diesen über Jahre gewachsenen Entwicklungsvorsprung mit der Brechstange aufzuholen. Das ist auch das weitaus gängigere Modell, das aber nur funktionieren kann, wenn ein Trainer in der Lage ist, die Einzelteile taktisch auch zusammenzufügen, und dem ganzen Ding so einen Stempel aufzudrücken. Und rein vom Eindruck der Spiele ist Pajo bisher den Beweis schuldig geblieben, mehr als ein reiner Verwalter zu sein.
Sollten da allerdings noch andere, weniger sportliche Aspekte mit hineinspielen, hier auch noch ein Argument FÜR deine These: Eigentlich hat Flensburg ja seinen idealen Trainer schon in der eigenen Führungsetage sitzen. Dessen gutes Recht ist es allerdings auch, mittlerweile den Bürojob der täglichen Trainingsarbeit vorzuziehen. Nur ist Vranjes ja nicht mal das einzige Alphatier bei euch. Glandorf ist ja auch noch da, und wer weiß, wer sonst noch Einfluss nimmt. Gerade in einer Situation des Umbruchs ist da ein Trainer, der in erster Linie einfach nur froh ist, an einen solchen Job gekommen zu sein, vielleicht auch ganz angenehm. Mit einem Sigurdsson, Kaufmann oder gar Dujshebajev, die taktisch in einer ganz anderen Liga unterwegs wären, aber deutlich mehr Reibung verursachen würden, wäre das etwas anderes.
Ich bin ja grundsätzlich der Meinung, dass man den Erfolg solcher Anstrengungen, wie sie Flensburg gerade unternimmt, nicht durch persönliche Eitelkeiten gefährden sollte. Die Realität sieht leider oftmals anders aus. Ich wünsche euch wirklich Erfolg, mein Lieber, und dass Pajo seinen Job behält. Sind wir ehrlich: Keiner von uns würde es toll finden, wenn in der Öffentlichkeit unsere Jobsicherheit diskutiert würde. Mein Instinkt sagt mir halt nur was anderes.