Den THW hat doch auch in den Spielzeiten, die erfolgreich waren seit 2015 ausgemacht, dass sie eher über die Breite als über die Spitze gekommen sind. Beim letzten Meistertitel 22/23 hatte Bilyk die meisten Feldtore mit 121. Das entsprach ca. 12,5% der Tore. Das ging runter bis Fraatz auf Platz 15 mit ca. 3,4% der Tore. Dazwischen waren 13 weitere Spieler des THW. Es funktioniere mal der, mal der und mal der. Jicha hat eigentlich nur an Sagosen hier und da zu lange festgehalten und ansonsten die Breite genutzt. In jener Saison hatte der THW am Ende acht Spieler im Rückraum, wovon eigentlich immer sechs im Saft waren. In Hinrunde fiel Sagosen noch aus, in der Rückrunde dann Weinhold. Durch das Nutzen der Breite des Kaders konnte kompensiert werden, dass schon "damals" in der Spitze keine Spieler mehr da waren, die jedes Spiel funktioniert haben. In den letzten drei Jahren ging der Anteil des besten Feldtorschützen beim THW kontinuierlich nach oben. Erst Johansson mit etwas über 14%, dann Madsen mit über 20% und diese Saison Skipagøtu. Hätte er sich jetzt nicht verletzt zwischendurch würde sein Anteil vermutlich bei über 25% liegen.
Nächste Saison sind es erstmal auf dem Papier wieder acht Spieler im Rückraum, aber das bringt auch nur so richtig etwas, wenn Skipagøtu dauerhaft fit bleibt und Madsen komplett genesen zurück kommt. Dann kann man vermutlich über die Kaderbreite offensiv wieder durchprobieren. Und dazu muss es auch noch irgendwie passen. In den ersten Spielen diese Saison konnte man z.B. gut sehen, dass Madsen große Probleme hatte, dass das Spiel minutenlang an ihm komplett vorbei lief, weil es die One-Man-Show von Skipagøtu war. Madsen konnte man richtig ansehen, dass er den erstbesten Ball aufs Tor werfen wird, egal, wie schlecht die Position ist, weil er endlich auch am Spiel teilnehmen wollte.
Nichtsdestotrotz wird man aus meiner Sicht mit Individualhandball, egal, ob das Würfe aus dem Rückraum sind oder Skipagøtu und Makuc rennen ohne Vorbereitung in die Abwehr nicht auf die Effektivität von 70% herum kommen, welche die guten Teams in der Offensive haben. Die beste Quote vom THW in den letzten Jahren war 20/21 mit 66,5%. Zu der Zeit waren die Top-Teams auch noch nicht bei 70%, sondern eher so im Bereich 67-68% und Kiel hatte da noch mehr geworfen. Heißt vom reinen Ergebnis her hatten sie kein Problem, auch wenn das Spiel "damals" schon nicht modern war. Das funktionierte, weil der THW nach der Verpflichtung von Pekeler auch bei den Gegentoren entweder Liga-Spitze oder nah dran war. Diese Kombination hat es ausgemacht.
Für mich muss Kiel entweder defensiv wieder Liga-Spitze werden oder sie müssen offensiv eine andere Spielart entwickeln, welche eine höhere Effektivität ermöglicht oder sie müssen von der individuellen Qualität wieder eine Menge Weltklasse verpflichten oder entwickeln. Individuelle Weltklasse verpflichten sehe ich finanziell nicht, ob man die Abwehr bei der Menge an Spielern, die ihre Stärke primär offensiv haben, wirklich wieder so stabil kommt, scheint fraglich. Für eine Entwicklung zu einem Mannschaftsspiel in der Offensive gab es unter Jicha auch nicht wirklich Anzeichen, dass sowas möglich erscheint. Für mich müsste bzgl. der Kaderplanung für Reinkind ein starker Defensivspieler geholt werden. Dann gäbe es die Chance, dass man defensiv wieder entscheidend zulegt.
Berlin ist letzte Saison Meister geworden mit einem Rückraum aus Andersson, Lichtlein, Gidsel, Langhoff, Wiede und dem wenig eingesetzten Beneke. Dazu die Außen Freihöfer und West av Teigum, am Kreis Marsenic und Darj, sowie Herburger als primärer Abwehrspezialist. Über Gidsel muss man nicht reden, aber er alleine kann das auch nicht ziehen. Da sind eine Menge Spieler, die individuell nicht das oberste Regal sind, die aber Weltklasse zusammenspielen. Eine Mannschaft, die mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Hier wurde über Jahre eine Spielweise entwickelt, welche die Stärken der Spieler nutzt und geguckt, wie man die Schwächen kompensieren kann. Dann spielt man z.B. eine offensive Abwehr, wenn Gidsel auf Halb verteidigen muss und geht auf Steals. Akzeptiert nicht nur, dass man überspielt wird, sondern geht schon in den Gegenstoß, wenn der Gegner noch nicht mal geworfen hat. Und das sollte doch der Anspruch an die Trainerposition sein und nicht, dass es am besten überall Weltklasse braucht, damit der Trainer erfolgreich sein kann.