Der Fall Ludwigsburg(s) belegt nach meiner Wahrnehmung einen Prozess, der (zunächst bevorzugt im Frauenhandball) grundlegende, wenig erbauliche Veränderungen einleitet. Der Weg hin zu immer stärkerer Professionalisierung ist krachend gescheitert, er trägt sich einfach kommerziell nicht. Selbst in Deutschland schaffen es nur wenige Vereine, Saison für Saison eine wenigstens in Ansätzen ausreichene finanzielle Basis zu schaffen, die zumindest für die 10 - 12 unverzichtbaren Spielerinnen akzeptable Rahmenbedingungen bietet.
Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Erfolg der Nationalmannschaft bei der WM daran substanziell etwas ändert. Zu problematisch sind die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, ein großer Teil der Unternehmen, egal ob groß oder klein, weiß nicht, wo die Reise in den kommenden Jahren hingeht. Da ist Sportsponsoring das Letzte, worauf die verantwortlichen Akteure den Fokus legen...
Andere Optionen, ausreichend Geld zu beschaffen? Sehe ich nicht. Die Anlehnung an große Vereine funktioniert überhaupt nicht, auch dort hat man längst erkannt, dass man das Geld zusammenhalten muss. Oder warum spielen die Damen vom BVB immer noch in Wellinghofen?
Große Einzelsponsoren wie ehemals in Bietigheim/Ludwigsburg kann es natürlich auch jetzt und zukünftig immer mal geben. Aber das wird niemals für eine ganze Liga reichen, in der dann über die ganze Saison ein wertiger Spielbetrieb für alle (!) beteiligten Vereine regelmäßig sportliche Herausforderungen bietet, die dann auch zwangsläufig in einem permanenten Prozess kontinuierliche Leistungssteigerungen generieren. Die Existenz einer oder weniger Übermannschaft(en) führt eher zum Gegenteil, wie wir gerade im Frauenhandball in den letzten Jahren schmerzhaft erfahren mussten.
Welche Alternativen und Perspektiven gibt es? Schauen wir uns um in der Welt des Frauenhandballs. Wo ist man erfolgreich, wo hat man einen großen Stellenwert und großen Rückhalt in der Gesellschaft?
Da sehe ich zuerst Skandinavien und den Balkan. Und zwar mit zwei recht unterschiedlichen Modellen. Auf dem Balkan ist Handball Volkssport, über Generationen gewachsen und in den meisten Ländern dem Fußball durchaus ebenbürtig. Für uns eine unerreichbare Illusion. In Skandinavien ist das Bild differenzierter. Während in Dänemark die Situation durchaus mit dem Balkan zu vergleichen ist (wenn auch nicht 1 zu 1), gibt es in Schweden und Norwegen eine klare Dominanz des nordischen Skisports. Und trotzdem wird dort gerne und viel und vor allen Dingen erfolgreich Handball gespielt. Unterstützt und gefördert von vielen Institutionen, das fängt in den Schulen an und hört in den Kommunen noch lange nicht auf, z.B. wenn es um die Nutzung der Hallen geht. Das "Zwickauer Modell", hier bei einigen Protagonisten heftig in der Kritik stehend, ist dort selbstverständlich ...
Es ist eben ein Unterschied, ob man mit einer Sportart auf Teufel komm 'raus Geld verdienen will oder ob man Sport in erster Linie als gesamtgesellschaftliche Aufgabe versteht...
Was bedeutet das für uns, was wird bzw. muss passieren? Zuerst müssen die Verantwortlichen in den Verbänden die Zeichen der Zeit erkennen und sich den Realitäten stellen. Nur mit einer Professionalisierung ganz anderer Art werden wir eine Chance haben, unserem geliebten Handballsport auch bei den Frauen eine halbwegs gesicherte Perspektive zu geben. Der Weg dorthin führt nicht über das große Geld, sondern über persönliches Engagement im ehrenamtlichen Bereich, nicht nur in den Vereinen, sondern auch in den Verbänden. Das beinhaltet nicht nur die Fokussierung auf den Nachwuchs- und Breitensport, sondern auch die Rücknahme von Regeländerungen, die nur einige wenige Hochleistungssportler privilegieren und die breite Masse aus verschiedensten Gründen eher abschrecken und verprellen. Denn nur auf diesem Weg wird es möglich sein, eine ausreichende Zahl von Vereinen in der Fläche und so auch eine Verankerung in den Regionen zu erhalten bzw. dort, wo sie schon verloren gegangen ist, wiederzubeleben. Und nur mit dieser Verflechtung werden genügend Kinder noch Interesse und Freude am Handball entwickeln. Und ja, auch für den Männerhandball wird das existenziell wichtig sein, auch wenn sich in diesem Bereich eine in erster Linie monetär basierte Professionalität noch trägt. Aber die Fallgruben sind schon abzusehen ...
Wir haben nur eine Chance, wenn wir die Realitäten anerkennen. Hirngespinste in Wolkenkuckucksheim lösen die Probleme nicht. Der Weg wird so oder so sehr steinig werden. Aber Handball hat nach wie vor das Potential, die Menschen zu faszinieren und zu begeistern. Aber nicht (nur) als elitäre Veranstaltung einer Handvoll Ausnahmekönner, sondern in erster Linie als Volkssport! Denn darin steckt die Kernkompetenz einer Mannschaftssportart nach wie vor ...