Also spielen wir mit weniger Mentalität, weniger Ehrgeiz und weniger Siegeswillen als unserer Gegner?
Wie erklären sich dann die 5 Junioren WM oder EM Titel in den letzten 12 Jahren. Sind wir spielerisch so überlgen, dass wir diesen Nachteil kaschieren können?
Oder ist das dann doch eher Stammtischparole?
Die U17 Nationalmannschaft besteht seit immer ungefähr zur Hälfte aus Spielern, die in den ersten sechs Wochen des Jahres geboren sind. Meist sind nur 3 oder 4 Spieler in der zweiten Jahreshälfte geboren. Es werden also regelmäßig in diesen Altersstufen die Spieler Leistung bringen, die körperlich am weitesten sind, weil sie Glück haben, dass sie im Jahr früh geboren sind oder generell körperliche Frühentwickler sind. Wenn man sich die A-Nationalmannschaft ansieht, dann hat meist nur ein Dritter der Spieler überhaupt in der U17 Nationalmannschaft im eigenen Jahrgang gespielt und die die es haben, waren oft keine Leistungsträger.
Das ist auch kein deutsches Phänomen, sondern international. Im U-17 Bereich ist z.B. Nigeria Rekord-Weltmeister, wobei der letzte Titel nicht lange her ist. Auch Mexiko hat mehr U-17-Titel als Deutschland. Auch in diesen Ländern schaffen es die wenigsten Spieler, die in diesem Altersbereich Leistungsträger sind, später große Profikarrieren zu haben. Deutschland ist z.B. 2013 Dritter geworden gegen Brasilien, nachdem sie das Halbfinale knapp gegen Gastgeber Mexiko verloren haben, die dann auch gewonnen haben. Aus diesem Kader mit 21 Spielern haben genau zwei jemals ein Länderspiel für Deutschland gemacht. Emre Can und vor nicht allzu langer Zeit auch Marvin Ducksch mit zwei Kurzeinsätzen. Von den Mexikaner und Uruguay als zweiter hat es nicht ein Spieler nachhaltig in die Nationalmannschaft geschafft, bei den Brasilianer einer mit Marquinhos, der aktuell auch Kapitän ist. Das war jetzt nur ein Jahrgang, ist im Grunde jedes Jahr dasselbe. Bevor die körperliche Entwicklung der Jugend nicht abgeschlossen ist, kann man überhaupt nicht beurteilen, wer mal später als Profi wirklich Leistung bringen wird.
Manuel Neuer wurde mit 15 geraten doch eine Karriere im Tennis zu probieren, weil er es im Fußball nicht schaffen würde. Er brachte keine Leistung. Warum? Er war ein körperlicher Spätentwickler, der damals nicht die körperlichen Notwendigkeiten gegenüber den anderen hatte, sich leistungsmäßig durchzusetzen. Hätte er damals auf die Leistungsselektion gehört oder nicht jemanden gehabt, der darauf gebaut hätte, dass die körperliche Entwicklung noch kommt, dann hätte Fußball-Deutschland vielleicht nie einen Neuer gehabt.
Sport-Deutschland guckt gerade bei den olympischen Disziplinen viel nach Norwegen, weil die so erfolgreich sind. Was machen die? Hier mal ein Interview mit dem ehemaligen norwegischen Nationaltrainer im Skispringen.
ZitatLernen die Kinder bei diesem Training nur die Sportarten kennen oder ist dies schon leistungsorientiert?
In Norwegen gibt es exakte Regeln für den Sport mit Kindern. In dem sogenannten Kindersportgesetz sind die Inhalte ziemlich genau beschrieben. Zunächst geht es einfach um Bewegung, die spielerische Komponente ist sehr wichtig. Bis zum zwölften Lebensjahr gibt es bei Wettkämpfen keine Ergebnisliste, sondern nur eine alphabetische Aufzählung, in der hinter dem Namen die Leistung steht. Die Spezialisierung auf eine Sportart erfolgt in Norwegen etwas später als in Deutschland oder Österreich.
Dies ist interessant, weil gerade in Deutschland die Idee des Deutschen Fußball-Bundes sehr hitzig diskutiert wird, dass es bis zur E-Jugend keine Ergebnisse und keine Tabellen mehr geben soll. Bei den Bundesjugendspielen werden weiter Ehren- und Siegerurkunden vergeben, aber beim Weitsprung soll zum Beispiel die gesprungene Weite nicht mehr genau gemessen werden.
Das ist in Norwegen schon lange gang und gäbe. Man versucht einfach, den Sport dem Alter anzupassen. Das betrifft generell die Wettkampfformen. Im Langlaufen sind sie sehr kreativ. Da geht es nicht allein um die reine Zeit, sondern dazwischen müssen Geschicklichkeitsübungen wie ein Slalom oder ein Sprung über eine Schanze absolviert werden. Damit soll die spielerische Komponente mehr gefördert werden.
Was die machen, ist sehr viel in die Breite investieren und wenn die da ist, kannst dann später auch in die Leistung gehen. Du musst aber kleinen Kindern keinen Leistungsgedanken eintrichtern, damit sie später Leistung bringen.
Im Fußball gibt es diese Breite natürlich ohnehin in Deutschland und das Thema und das Thema ist auch null Leistungsorientierung.
Als Beispiel mal England. Die scheitern bei der WM 2014 in Vorrunde mit einem Punkt, bei der EM 2016 verlieren sie im Achtelfinale gegen Island. Bekommen neuen Trainer mit Southgate, der nun nicht gerade ein Taktik-Genie ist oder mitreißenden Fußball spielen lässt. Aber England steht mit einem vergleichbaren Kader im WM-Halbfinale 2018 und im EM-Finale 2021. Weil Southgate es schafft aus den Spielern eine Gemeinschaft zu machen, die mehr und mehr zusammenwächst. Im Fußball ist das viel entscheidender als die individuelle Qualität. Jeder hat Deutschland 1994 eine höhere Qualität zugesprochen als 1990 und am Ende war es ein enttäuschendes Turnier, weil sich die Mannschaft nicht verstanden hat.
In diese WM ist Deutschland ohne einen gefestigten Kern gegangen. Das Zentrum im Mittelfeld bilden zwei Spieler, die bislang kaum zusammengespielt haben. In der Vorbereitung rückt dann noch Brown in die Abwehr und über ein Missverständis von Brown und Nmecha fällt dann auch das Gegentor. Wenn man sich mal ansieht, wenn in den nicht ganz drei Jahren Nagelsmann bei ihm die meisten Minuten bekommen hat, dann findet man Namen wie Andrich, Mittelstädt oder Füllkrug, die jetzt gar nicht dabei waren. Zurückgetretene Spieler wie Gündogan oder Kroos. Spieler, die auch schon mal außen vor waren wie Sane, Groß, Goretzka, die dann doch wieder dabei sind. Oder Raum und Rüdiger, die jetzt eigentlich nicht der Plan A im Turnier waren.
Alles in allem ist es Nagelsmann nicht gelungen, dass Deutschland als stabile Mannschaft in dieses Turnier geht und man musste so hoffen, dass sie sich im Laufe der Vorrunde finden. Das ist auch nicht unmöglich, aber wenn der Kapitän der Gruppe im Grunde damit zu tun hat, selbst klar zu kommen auf einer Position, die ihm nur so halb liegt, dann hast du eben nicht die Führung in der Mannschaft, die man dann braucht. Wo sich auch unerfahrene Spieler orientieren können.
Ich bin komplett davon überzeugt, dass mit einem Trainer, der es versteht eine Gemeinschaft zu finden, wo alle wissen, was sie zu tun haben, wo die Struktur sich findet, auch mit diesen Spielern ganz andere Ergebnisse möglich wäre. Ob das dann reicht gegen einen Gegner, wie Frankreich, wenn die gut drauf sind, muss man dann sehen, aber mit Nagelsmann sehe ich nicht, wie sich die notwendige Stabilität entwickeln soll.